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Fit mit Briefen auf englisch

Am Sonntag feiert Rosa Meier-Soltermann aus Unterseen ihren hundertsten Geburtstag. Am gleichen Ort, wo sie aufwuchs.

Rosa Meier-Soltermann schreibt oft. Sie hat viele Brieffreundschaften, vor allem im englischsprechenden Raum.
Rosa Meier-Soltermann schreibt oft. Sie hat viele Brieffreundschaften, vor allem im englischsprechenden Raum.
Anne-Marie Günter

Zu erzählen gibt’s viel, aber viel Zeit bleibt nicht, bis Gemeindepräsident Jürgen Ritschard morgen zu Besuch kommt. Der anschliessende Brunch im Hotel Beausite mit vielen Gästen und das Nachmittagsprogramm muss geplant werden, ein Coiffeurbesuch steht an, und schon seit einigen Tagen stehen Gratulanten vor der Haustür.

Hundertjährig? Für Rosa Meier-Soltermann scheint die Zeit irgendwie anders zu laufen; sie lebt selbständig in ihrer Erdgeschosswohnung im Baumgarten, dort, wo bei ihrer Geburt das einfache Chalet ihrer Eltern gestanden hat, in dem sie mit einer jüngeren Schwester aufwuchs.

Der Vater war Barriere-Wärter. Von ihm hat sie die Liebe zum Gärtnern gelernt. In Erinnerung geblieben sind ihr zwei Klapse, die sie erhielt, weil sie in eines seiner akkurat vorbereiteten Beete stand. Es waren die einzigen, die sie vom Vater bekam.

Gelernt hat sie Damenschneiderin, allerdings bei einer bösen Lehrmeisterin. Einmal hat sie in einer Konfektionsfabrik gearbeitet, mit Präzision im Millimeterbereich Taschenklappen für Herrenvestons genäht und an die nächste Näherin im Produktionsprozess weitergegen.

Meistens arbeitete sie im Gastgewerbe. Geheiratet hat sie mit 27 Jahren, ihr Mann arbeitete in der SBB-Werkstatt in Olten. 50 Jahre lebte sie dort, achtzigjährig ist ihr Mann ganz plötzlich gestorben, als sie im Begriff waren, zu einer Jassrunde zu fahren.

Im Baumgarten

Anstelle des Chalets wurde in Unterseen nach dem Tod der Mutter ein kleines Mehrfamilienhaus gebaut. Rosa Meier trägt Sorge dazu. Wischt, putzt und jätet. Ganze Container voll. Sie ist gern im Freien. Im Baumgarten kommen viele Spaziergänger und Ausflügler vorbei. Sie schaut ihnen gern zu, nicht aus Gwunder, aber weil sie Menschen gern hat.

Sie besucht Vorträge und Veranstaltungen. Gesundheitlich ist ihr das möglich. «Mir tut nichts weh», sagt sie. Auch wenn der Rücken manchmal etwas Probleme macht. Mit 88 Jahren hatte sie Brustkrebs, und sie lobt den Arzt Matthias Streich vom Spital Interlaken für seine Betreuung.

Gestürzt ist sie auch schon, aber ohne schwerwiegende Folgen. Mit der Notfall-Uhr am Handgelenk kann sie jetzt ein Signal an liebe Nachbarn senden. Von der Ausbildung als Damenschneiderin ist ihr der Sinn für Farbkombinationen geblieben, sie zieht sich gern passend an und mag kräftigere Farben zu den weissen Haaren.

Als Tipp, wie man mit so wenig Falten 100-jährig wird, holt sie schnell im Bad die Gesichtscreme mit Ringelblumen und Sanddornöl, die es bei Otto für nur fünf Franken gibt.

Man fühlt sich wohl bei Rosa Meier. Etliche kleine Papierberge fallen auf, denn sie liest und schreibt. Sie hat viele Brieffreundschaften im englischen Sprachbereich, vor allem auch in Australien. Sie reiste sieben Mal für einen längeren Aufenthalt dorthin.

In der Sek Unterseen hat sie ihr erstes Englisch gelernt und es in späteren Jahren vertieft. Beruflich hätte sie eigentlich das zweite Wahlfach Italienisch gebraucht, sinniert sie, denn nach dem zweiten Weltkrieg kamen italienische Gastarbeiter in die Schweiz. Einen Gradmesser für ihre Gesundheit definierte sie sich selbst: «Solange ich englische Briefe schreiben kann, ist der Kopf noch gut».

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