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Farbenfrohe «Neujahrer» trotzten dem Nebel

Der Zweitjänner-Umzug in Sigriswil thematisierte verschiedene aktuelle Ereignisse. Vor allem aber erfreute er Hunderte von Zuschauern.

Mit Verkleidungen von lustig bis gruslig...
Mit Verkleidungen von lustig bis gruslig...
Thomas Feuz
...lockten die «Neujahrer» zahlreiche Schaulustige an...
...lockten die «Neujahrer» zahlreiche Schaulustige an...
Thomas Feuz
Weitere Impressionen vom Umzug.
Weitere Impressionen vom Umzug.
Thomas Feuz
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Es erinnert ein wenig an die «Unendliche Geschichte» von Michael Ende. Jahr für Jahr markiert der Zweitjänner einen wichtigen Anlass in Sigriswil und seinen zugehörenden Dörfern. In Aeschlen, Merligen, Endorf, Wiler, Schwanden und Tschingel sorgen Kostümwettbewerb, Episoden in Versform, Tanz und Unterhaltung für einen beschwingten Auftakt ins neue Jahr. Beim grossen Umzug in Sigriswil geht nicht nur das ledige Mannsvolk auf die Strasse (vgl. Kasten «Uralter Brauch, neu belebt»).

Ganz viel Farbe im Dorf

Um 13.02 Uhr soll der Spass gemäss Programm losgehen. «Eifach de einisch nach de eine», meint ein Gast im bis auf den letzten Platz gefüllten Restaurant Adler. Ziemlich genau um 13.32 Uhr dann geht es los. Vom Raftplatz setzt sich ein farbenfroher und vor allem lauter Zug in Bewegung. Angeführt von den Trychler-Fründe Horrenbach und der Gugge Grönbachgusler aus Merligen präsentieren sich Einzeldarsteller und die geschmückten Fahrzeuge einer vielhundertköpfigen Gästeschar.

Dabei machen ein Ami-Schlitten mit der Aufschrift «Highway Patrol» und ein stark aufgemotzter Zweitakter dem Nebel ernsthafte Konkurrenz. Der Wolf wird thematisiert, der letztes Jahr in Sigriswil drei Schafe gerissen hat. Als Ersatz für den auf Geheiss der kantonalbernischen Obrigkeit entfernten Fussgängerstreifen wird kurzerhand ein vorübergehender Streifen fürs Publikum ausgerollt. Ein mehrere Quadratmeter grosses Diorama erinnert an das Verkehrschaos in Thun, das für grossen zeitlichen Mehraufwand und entsprechend Ärger sorgt. Dem Aus im AKW Mühleberg wird mit einem übergrossen Kühlturm auf einem Einachser ein Denkmal gesetzt. Und auch Greta, Theresa May und Jean-Claude Juncker kriegen ihr Fett weg.

Nebst Konfettikanonen spuckt eine umfunktionierte Schneeschleuder Sägemehl ins Publikum. Dazwischen wieselt unübersehbar eine poppig gekleidete Emanze herum. Im Namen der Feministischen Endörfler Frauenbewegung wehrt sich die vermeintliche Frau mit Transparent und Flugblättern gegen ein sexistisches Rollenbild von «Schwarznerdame» und «Neujahrer». Und macht sich gleichzeitig für die Gleichberechtigung stark, mit Betonung auf «gleich». Die gesprayten Frauenpower-Insignien auf Verkehrstafeln oder Hauswänden werden von Gemeindepräsidentin Madeleine Amstutz mit einem Lächeln quittiert. «Wir haben schon grössere Schäden gehabt», meint sie. Und würdigt den Zweitjänner als Fest für alle und als Tradition, zu der man Sorge tragen wolle.

Kochen und Chlumlen

Ein weiterer Meilenstein bietet der nächste Samstag: Da wird abgerechnet und anschliessend mit den ledigen Mädchen gefeiert. Nachdem diese das Mannsvolk ab dem 18. Dezember beim «Schwarznen» mit Kaffee, Zopf oder Spaghetti verwöhnt haben, schwingen die Männer den Kochlöffel und laden die holde Weiblichkeit zum gemeinsamen Essen mit Tanz ein. Bleibt dann noch etwas Geld, wird eine Reise organisiert, die auch mal nach Kroatien oder Mallorca führen kann. Im Februar schliesslich sind Siebt- bis Neuntklässler beim «Chlumlen» aktiv. Sie gehen singend von Haus zu Haus und sammeln Geld. Ein Teil des Erlöses dürfte erneut an die Skilifte gehen.

Der Zweitjänner 2020 ist Geschichte. Doch die «never-ending story» dieses Brauchs wird nächstes Jahr eine Neuauflage finden. 42 ledige Männer haben in diesem Jahr mitgemacht. Wer heiratet, darf traditionellerweise nur noch als Zuschauer am Umzug teilnehmen.

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