«Es war die zweitaufregendste Zeit»

Vor 10 Jahren verlor der FC Thun in der Champions League bei Ajax Amsterdam 0:2. Für René E. Gygax, den langjährigen Chefredaktor des «Thuner Tagblatts», nur fast die aufregendste Zeit seiner Journalistenkarriere.

Mit Thun-Schal und Fulehung-Krawatte: Der ehemalige «Thuner Tagblatt»-Chefredaktor René E. Gygax mit seiner Frau Barbara beim Champions-League-Qualispiel gegen Dynamo Kiew in Bern.

Mit Thun-Schal und Fulehung-Krawatte: Der ehemalige «Thuner Tagblatt»-Chefredaktor René E. Gygax mit seiner Frau Barbara beim Champions-League-Qualispiel gegen Dynamo Kiew in Bern.

(Bild: Patric Spahni)

Für ihn begann das Abenteuer Champions League im Mai 2005 – mit einer Schlagzeile im «Thuner Tagblatt». Der damalige Chefredaktor René E. Gygax (70), der diese Position insgesamt 30 Jahre lang innehatte, titelte nach einem 2:1-Sieg des FC Thun in St. Gallen und der Sicherung von Platz 2 in der Meisterschaft: «Die Sensation ist perfekt: FC Thun in der Champions League!»

Herr Gygax, Sie waren während 40 Jahren als Journalist tätig. War die Champions-League-Zeit – zu Beginn verbunden mit dem Jahrhunderthochwasser – die aufregendste Ihrer Karriere?
René E. Gygax: Ich würde sagen, es war die zweitaufregendste Zeit. Die grösste Herausforderung war, als wir 2001 aus drei Zeitungen – «Thuner Tagblatt», «Berner Oberländer» und «Oberländisches Volksblatt» – eine einzige gemacht und eine völlig neue Zeitung im BZ-Layout herausgegeben haben. Dass uns das gelungen ist, war fast ein kleines Wunder. Diese Zeit war noch stressiger als der Herbst 2005.

Und wo steht jener Herbst im Vergleich mit der Krisenzeit in Thun zu Beginn der 90er-Jahre?
Die Krise von 1991 war ein absoluter Negativpunkt. Die Schliessung der Spar+Leihkasse Thun, das Aus für die Selve, Militärarbeitsplätze, die verschwanden – es war eine sehr intensive Zeit, die uns als Zeitung auch sehr gefordert hat. Die Champions League war dann sozusagen das positive Gegenstück. Wenn auch mit Nebengeräuschen.

Sie haben den FC Thun über Jahrzehnte mitverfolgt. Wenn Ihnen jemand in den 90ern, als der FC beinahe in die 2. Liga abgestiegen wäre, die Entwicklung im Jahr 2005 prophezeit hätte – wie hätten Sie reagiert?
Ich hätte gesagt: Da spinnt einer – das ist völlig undenkbar. Noch 2002, als ich mit Basel gegen Manchester United zum ersten Mal einen Champions-League-Match live gesehen habe, hätte ich es nie für möglich gehalten, dass für den FC Thun drei Jahre später die Champions-League-Hymne gespielt wird.

Gibt es für Sie einen herausragenden Moment der Thuner Champions-League-Tage?
Ja, das war Mauro Lustrinellis 3:0 in der Qualifikation gegen Malmö – ein Bogenschuss aus etwa 40 Metern. Auf der Tribüne fielen sich wildfremde Leute um den Hals – grossartig.

Und gleichzeitig stand damals auch Ihr Keller unter Wasser...
Ja, aber da waren Hunderte von anderen Thunern viel stärker betroffen. Und doch musste alles gleichzeitig bewältigt werden: die Arbeit auf der Redaktion, der Fussball, die persönliche Hochwassersituation.

Später waren Sie beim letzten Auswärtsspiel in Prag dabei. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Reise?
Wir flogen mit der Mannschaft, übernachteten im gleichen Hotel, wurden mit einer Polizeieskorte mit Blaulicht in dieses verlotterte Stadion gefahren. Es herrschte eine Affenkälte, der Match war absolut ungeniessbar. Ich sass in der Nähe einer Cornerflagge, und als die Thuner einen Eckball treten konnten, rief ich aufs Feld: «Da ist ja Lerchenfeld gegen Dürrenast besser!» (lacht) Es war ein Grottenkick – aber entscheidend war, dass Thun 0:0 spielte, sich den dritten Platz sicherte und im Uefa-Cup gegen Hamburg antreten konnte.

Und doch gab es – Sie haben es vorhin angetönt – auch Nebengeräusche...
Man muss sehen: Der damalige Vorstand war aus dem Nichts mit einer ungeheuren Herausforderung konfrontiert. Die Führungsequipe hat manches hervorragend gemacht. Mit wenigen Leuten und einer schlechten Infrastruktur mussten sie das alles managen, halb Europa zeigte plötzlich Interesse am FC Thun.

Aber?
Es gab interne Unstimmigkeiten, Differenzen mit dem Trainer Urs «Longo» Schönenberger, die Atmosphäre war plötzlich durchzogen. Ich habe mich in Kommentaren mehrmals dafür eingesetzt, dass die Crew weiter zusammenarbeiten solle – so, wie es die Fans auf einem Plakat schrieben: «Nur zusammen sind wir stark.» Dass der Trainer dann nach der ersten Stadionabstimmung und direkt vor dem Uefa-Cup-Heimspiel gegen den Hamburger SV entlassen wurde, habe ich deutlich kritisiert.

Ein anderes Thema: Sie wurden damals innert kürzester Zeit zum Buchautor. Wie viele Stunden schliefen Sie pro Nacht noch?
Ich weiss es nicht mehr genau, sicher nicht viele. Markus Krebser fragte mich, ob wir nicht ein Buch über die Thuner Schütteler machen wollen. Ich sagte: «Klar!» Mit Fotograf Patric Spahni und Marco Oswald, der Kommunikationschef des FC Thun war, haben wir das Buch, ich kann es nicht anders sagen, zu viert «häregchlepft». Das Vorwort schrieb der damalige Sportminister Samuel Schmid – und sogar Sepp Blatter deponierte ein Geleitwort im Buch... (schmunzelt)

In einem Kommentar schrieben Sie im Herbst 2005: «Thun boomt». Wie hat die Stadt aus Ihrer Sicht langfristig von jener Zeit profitiert?
Thun war in aller Leute Munde. Gleichzeitig kamen die Thunerseespiele auf, das Selve-Areal machte die Stadt bekannt. Ich glaube, es ist nach wie vor ein Nachhall da. Der FC Thun hat sich etabliert, die kulturellen Aktivitäten sind geblieben, die Partys steigen nicht mehr in der Selve, aber anderswo in Thun. Von diesem positiven Image und vom «Wir sind jemand und können etwas erreichen»-Gefühl ist sicher einiges geblieben.

Thuner Tagblatt

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