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Er bringt den Jazz aufs Land

Jaro Küng aus Thun ist einer von acht Menschen in der Schweiz, die sich zum Klavierbauer ausbilden lassen. Der 16-Jährige denkt aber schon einen Schritt weiter.

Flavia von Gunten
Am Arbeitsplatz: Der angehende Klavierbauer Jaro Küng beim Einspannen neuer Saiten in der Werkstatt. Fotos: Christian Pfander
Am Arbeitsplatz: Der angehende Klavierbauer Jaro Küng beim Einspannen neuer Saiten in der Werkstatt. Fotos: Christian Pfander

Klaviere baut Jaro Küng keine. Wie das funktioniert, lernt er nicht in seiner Ausbildung. Dafür weiss der 16-jährige Thuner, wie er kaputte Klaviere reparieren kann. In der Werkstatt steht zum Beispiel gerade ein Exemplar, in dessen gespaltenen Resonanzboden Küng feinste Holzspäne leimte.

Als Nächstes muss er beim geflickten Klavier neue Saiten einspannen, 230 Stück. Daneben wartet bereits eine andere Arbeit: Die Hämmer, die auf die Saiten schlagen, brauchen neue Lederbänder. Von ihnen gibt es 88 Stück. «Die Gäggelibüez mag ich.» Langweilig wurde es ihm noch nie dabei. Denn in der Werkstatt läuft stets Radio Swiss Jazz.

«Die Gäggelibüez mag ich.»

Jaro Küng, Thun In der Ausbildung zum Klavierbauer

Grenzen findet seine Geduld, wenn er ein Klavier stimmen muss. Während Ausgelernte knapp zwei Stunden brauchen, sind es bei Küng etwa vier. Bereits die kleinste Bewegung des Stimmwirbels mit dem Stimmschlüssel verändere den Ton stark. Zudem müsse sich das Gehör verfeinern, um die Schwingungen zu erkennen. «Das Stimmen ist der Grund, warum die Lehre vier Jahre dauert.» Selbst wer die Lehrabschlussprüfung bestehe, brauche danach mindestens zehn Jahre, bis er oder sie konstant richtig stimme, sagt Küng.

Wenig Lehrstellen

Welchen Beruf er lernen will, weiss Küng, seit er als 12-Jähriger mit seiner damaligen Klavierlehrerin die Werkstatt eines Klavierbauers besichtigte. Dass es etwas Handwerkliches sein soll, stand schon lange fest. Auch, dass er lieber Holz als Metall bearbeitet. «Holz kann ich mit einer Feile oder Schleifpapier verändern. Beim Metall bräuchte ich immer eine Maschine.» Dazu die Abwechslung von filigranen und gröberen Arbeitsschritten.

Doch so leicht ist es nicht für angehende Klavierbauerinnen und Klavierbauer, eine Lehrstelle zu finden. In der Schweiz bilden nur neun Betriebe ihren Nachwuchs aus. Acht Personen befinden sich im Moment in der Ausbildung – gerechnet über alle vier Jahre. In Thun gibt es einen Ausbildungsplatz im Geschäft von Matthias Simmen. Dieser wurde exakt dann frei, als Jaro Küng die Schule abschloss. Nach zwei Tagen Schnuppern hatte er «viel Glück». Und die Lehrstelle.

Der eigene Style

Neun Wochen pro Jahr besucht er die Berufsschule Arenenberg in Salenstein, Thurgau. Dort trifft er auf rund vierzig andere junge Leute, die einen Beruf im Feld des Musikinstrumentenbaus erlernen. Die meisten Mitschülerinnen und Mitschüler kommen vom Land, teilen die Interessen vom Städter Küng nicht. «Für sie bin wohl ich seltsam.»

Statt über Fachliches möchte er lieber über Jazz oder Rapmusik sprechen. Oder Mode. Inspiration für seine Garderobe holt er sich in den Videos des Youtubers Justin. Er ziehe aber nicht exakt jene Dinge an, welche dieser präsentiere. «Das wäre abgeguckt. Ich habe aber meinen eigenen Style.»

Im Moment trägt er gerne schwarze Oberteile zu schwarzen Hosen und weissen Schuhen. Dazu Schmuck: Seine Silberkette mit dem Flügel lege er fast nie ab. Ein Weihnachtsgeschenk seiner Eltern, darum möge er sie so gerne – und «weil ich mir mit Diamanten besetzte Sachen nicht leisten kann».

Zukunftsmusik

Jaro Küngs Stilbewusstsein beschränkt sich nicht auf seine Kleider. Ein Kunde des Geschäfts schenkte ihm einen alten Flügel. Diesen will er seinen Wünschen entsprechend restaurieren: schwarz-matte Folie, knallpinkfarbene Gussplatte. Ein Jahr gibt er sich Zeit dafür. In der Werkstatt hängt ein Blatt mit einem Versprechen: «Einweihungslied auf Jaros Designerflügel. 24.12.2020».

Ob er nach der Lehre auf dem Beruf arbeiten will, weiss Jaro Küng noch nicht. «Die meisten Klavierbauer fahren zu Kunden nach Hause und stimmen ihre Klaviere. Und das viermal pro Tag, sieben Tage pro Woche.» Ihm würden da die Kreativität und das Handwerk fehlen. Ein Studium könne er sich darum vorstellen, Innenarchitektur etwa oder Möbeldesign.

Vielleicht klappt es mit einer Musikerkarriere. Jaro Küng spielt in einer Band der Musikschule Thun, wo er auch Klavierunterricht nimmt. Jazz, nicht Klassik, das sei ihm wichtig. Vor wenigen Monaten gründete er mit einem Kollegen ein Saxofon-Piano-Duo. Im November traten sie an der Thuner Neuland-Ausstellung auf. Und bald geben sie ein Konzert bei sich zu Hause.

Feinarbeit: Der 16-Jährige in seinem Element. Bild: Christian Pfander
Feinarbeit: Der 16-Jährige in seinem Element. Bild: Christian Pfander
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