Eine Kindheit in Angst vor dem Vater

Ein Mann hat seine Frau und die Kinder geschlagen und bedroht. Die Freiheitsstrafe wurde zugunsten einer Massnahme aufgeschoben.

Die Freiheitsstrafe wurde aufgeschoben, der Mann darf sich Frau und Kindern aber absolut nicht nähern.

Die Freiheitsstrafe wurde aufgeschoben, der Mann darf sich Frau und Kindern aber absolut nicht nähern. Bild: Fotolia

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Vielleicht gehört der gestrige Gerichtsfall vor dem Regionalgericht in Thun nicht an die Öffentlichkeit. Diese aber hat, das heisst das Gericht, die Vollzugsbehörden, die Polizei, die Sozialhilfe, die Psychiatrie und letztlich auch die Steuerzahler, dazu beige­tragen, eine gerechte und für die Opfer möglichst sichere Lösung zu suchen. Es ging um ein Familiendrama.

Die Eltern stammen aus einem Kulturkreis, in dem die Rolle des Vaters und Ehemanns, zumindest früher, viel patriarchalischer definiert war als in der Schweiz. Vor achtzehn Jahren – das Paar hatte vier Kinder – verletzte der Mann seine Frau mit einem Messer und ging dafür ins Gefängnis. Das Paar blieb weiter zusammen. 2014 zeigten zwei Töchter ihren Vater an. Bei ihren Aussagen gestern vor Gericht spürte man: Es ist ihnen schwer gefallen. Auslöser war, dass der Vater einen Freund mit einem Messer bedroht hat.

Die Anklage gegen den Mann lautete auf Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht, vorsätzliche einfache Körper­verletzung, Drohung und Beschimpfung.

Ständig in Angst

Das Gericht sah es nach den Befragungen aller Beteiligten als erwiesen an, dass der Mann Frau und Kinder mit verschiedenen Gegenständen geschlagen hat und auch gedroht hat, sie zu töten. Sie habe schon als Kind Todesangst ausgestanden und wünsche sehnlich, dass irgendeine Lösung gefunden werde, damit dies endlich aufhöre, sagte eine der Töchter.

Beim kleinsten Verstoss gegen die Massnahmen drohe die Gefängnisstrafe und dann die Landesverweisung.

Der Mann kam nach der Anzeige 2014 zuerst in Untersuchungshaft und in eine stationäre psychiatrische Behandlung. Eigentlich hatte er dann ein amtliches Kontaktverbot zur Ehefrau, lebte aber, irgendwie mit ihrem Einverständnis, wieder bei ihr im Berner Oberland, obschon er Sozialhilfe in Biel bezog.

Die inzwischen erwachsenen Kinder haben, das sagten sie vor Gericht aus, auch jetzt Angst, Angst vor seiner Unberechenbarkeit und Angst um die Mutter. Eine Tochter war anwaltlich vertreten, und der Anwalt sprach von einem Hilfeschrei. Etwas von der Unberechenbarkeit des Angeklagten kam auch vor Gericht zum Ausdruck. In seinem «letzten Wort» wurde er laut, weil er unschuldig sei und alles ein Komplott gegen ihn sei.

Engmaschiges Setting

Die Gerichtspräsidentin folgte dem Antrag der Staatsanwaltschaft und sprach eine Freiheitsstrafe von zwölf Monaten aus. Sie schob diese aber auf zugunsten einer ambulanten Massnahme mit einem engmaschigen Setting. Gegenüber dem Verurteilten sprach sie unmissverständlich Klartext: Er darf sich Frau und Kindern absolut nicht nähern. Beim kleinsten Verstoss gegen die Massnahmen drohe die Gefängnisstrafe und dann die Landesverweisung.

(Thuner Tagblatt)

Erstellt: 13.09.2017, 22:50 Uhr

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