Eine Frau hat Feuer gefangen

Uetendorf

Mit Joëlle Gusset ist die neunte Generation in der Glockengiesserei in Uetendorf ihrer Vorfahren mit eingestiegen.

Joëlle Gusset bereitet eine Form zum Giessen einer neuen Glocke vor.

Joëlle Gusset bereitet eine Form zum Giessen einer neuen Glocke vor.

(Bild: Christoph Gerber)

Am Montag um neun Uhr: In der Glockengiesserei Gusset AG in Uetendorf sind vier Mitarbeitende voll am Werk. Darunter die 26-jährige Joëlle Gusset. Gemeinsam mit ihrem Onkel Hans Gusset ist sie gerade dabei, quarzhaltigen Natursand in die Glockenformkästen zu füllen. In Tempo und Geschicklichkeit ist zwischen den beiden kein Unterschied auszumachen, im Gegenteil; die junge Frau ist mit Kraft und Energie dabei: «Mir gefällt die Arbeit, es macht Spass, am Anfang einer kreativen Arbeitskette dabei zu sein», so Joëlle Gusset gegenüber dieser Zeitung. Die Beobachterin spürt: Diese Frau hat für das Handwerk des Glockengiessens Feuer gefangen.

Ein Glücksfall

«Joëlle ist für uns ein Glücksfall, wir sind erfreut, dass sie bei uns eingestiegen ist», sagt später ihr zweiter Onkel, Peter Gusset, der Bruder von Hans. Gemeinsam sind die beiden Männer seit 1991 in der Geschäftsleitung. Gegründet wurde der Betrieb um 1820 von Abraham Gusset. Er ist um die Wende zum 19. Jahrhundert aus Frankreich nach Uetendorf eingewandert. Heute arbeiten vier Vollzeit- und eine Teilzeitkraft in dem ältesten Gewerbebetrieb von Uetendorf.

Die Zahl der Mitarbeitenden wurde in den letzten zehn Jahren nach und nach reduziert. Die Nachfrage nach Kuhglocken hat etwas nachgelassen, insbesondere aus ausserkantonalen Gebieten, in denen die Bevölkerung gegen das Bimmeln der Kuhglocken erfolgreich geklagt hat. Keinen Rückgang der Bestellungen verspürt der Betrieb aus dem Berner Oberland und der nahen Region: «Wenn die Verkaufszahlen bleiben wie heute, bin ich zuversichtlich, dass auch die neunte Generation ihr Auskommen haben wird», so Peter Gusset weiter.

Jede Glocke tönt anders

Als ob diese Aussage eine Bestätigung bräuchte, steht der junge Landwirt Simon Messerli aus Rümligen im Verkaufsraum. Heute kauft er eine Glocke zum Verschenken. Selber hat er insgesamt achtzig Kühe und Rinder. Jedes seiner Tiere trägt eine Glocke, wenn es auf der Weide ist. Auf die Frage, warum er die alte Tradition pflege, berichtet Simon Messerli etwas für Laien Unerwartetes: «Ich erkenne meine Tiere am Ton der Glocke, so weiss ich immer, wo sich welches Tier gerade aufhält, denn jede Glocke tönt anders.» Und gleich gibt Messerli den Zuhörenden noch eine Lektion obendrauf: «Ich bin sicher, dass sich auch die Kühe und Guschti untereinander am Ton der jeweiligen Glocke erkennen.» Diese Aussage wird sogleich von Peter Gusset bestätigt.

70 Stück pro Woche

Gemeinsam fertigen die Mitarbeitenden in mehreren Schritten rund 70 neue Glocken pro Woche an. Den Kunden stehen fünfzig verschiedene Modelle zur Auswahl. Die Beschriftung ist individuell und wird nach Angaben der Kunden vor dem Giessen angebracht. Die Kunden sind Landwirte, Vereine, Organisatoren von Schwingfesten oder Private.

Zweimal in der Woche werden die Glocken gegossen. Bereits früh am Morgen wird der Ofen angeheizt, damit die sogenannte Glockenspeise schmilzt, die aus 80 Prozent Kupfer und 20 Prozent Zinn besteht. Hat die Gussmasse eine Temperatur von rund 1280 Grad erreicht, wird gegossen. Nach dem Guss muss die Glocke 15 bis 20 Minuten auskühlen. Danach wird sie aus der Sandform gelöst. Jede Sandform kann übrigens nur einmal genutzt werden. Nach dem Auslösen beginnt der Prozess der Endfertigung – bis jede Glocke golden glänzend, verschönert mit einfachem oder besticktem Riemen, im Laden auf ihren neuen Besitzer wartet.

Der Lohn der Arbeit: eine fertige Glocke vor und nach dem letzten Schliff. Bild: Christoph Gerber

Frühlingsgefühle

Montagmorgen, 29. April 2019. Im Verkaufsraum und im Büro der Glockengiesserei Gusset AG in Uetendorf ist viel Betrieb. Kunden kaufen oder bestellen neue Glocken oder bringen alte Glocken zur Reparatur: «Es ist Frühling, die Wünsche erwachen», sagt Peter Gusset, lacht und kümmert sich um eine besondere Anfrage, die Joëlle Gusset soeben am Telefon entgegengenommen hat. Der Anruf kam aus einem Kanton aus der Ostschweiz...

www.glockengiesserei-gusset.ch

Berner Zeitung

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