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Drei Visionen für die Thuner Stadtplanung

Rosenau-Scherzlingen, Hofstettenstrasse und Siegenthalergut: Zu diesen Arealen haben sich drei Thuner Architekten Gedanken gemacht.

So sieht der Berner Architekt Andrea Roost das Gebiet Rosenau-Scherzligen: drei u-förmige Wohnbauten und ein rechteckiges Gebäude entlang des Schiffskanals Richtung Bahnhof. Denkbar ist, den Kohlenweiher im Bereich des vordersten Neubaus zu erweitern.
So sieht der Berner Architekt Andrea Roost das Gebiet Rosenau-Scherzligen: drei u-förmige Wohnbauten und ein rechteckiges Gebäude entlang des Schiffskanals Richtung Bahnhof. Denkbar ist, den Kohlenweiher im Bereich des vordersten Neubaus zu erweitern.
PD

Städtisch, sozial und wirtschaftlich: So soll laut dem Berner Architekten Andrea Roost eine Überbauung im Gebiet Rosenau-Scherzligen sein. Roost ist nicht irgendwer. Er hat in Thun die Überbauung im Gebiet Aarefeld und die KVA realisiert, in Bern stammt der Post-Parc beim Bahnhof aus seiner Feder. Und Roost ist vor allem auch ein Heimweh-Thuner. Er ist in der Stadt der Alpen aufgewachsen und hat sie immer im Herzen bewahrt. «Es ist ein schönes Fleckchen Erde.»

Als die Stadt Thun vor knapp drei Jahren einen konkreten Vorschlag machte, wie sie das Gebiet Rosenau-Scherzligen entwickeln will, rief dies Roost auf den Plan. «Ich will verhindern, dass eine Fehlplanung gemacht wird», sagt er.

Konkret plant die Stadt, die Seestrasse an die Schienen zu verlegen. Etwas, womit sich Roost durchaus einverstanden erklären kann. Auf dem Areal des heutigen Schotterumschlagplatzes soll dann eine Art Lagunenstadt entstehen, mit mehreren Villen in Ufernähe. An der Seestrasse ist ein langgezogenes Gebäude für Wohnungen geplant. Zwischen den Villen und dem Wohngebäude würde ein Kanal gebaut, geeignet für die Boote der gut betuchten Villenbesitzer.

Visitenkarte für die Stadt

«Das ist doch asozial», sagt Roost. Am Ende seien die Villen lediglich Zweitwohnungen, und die Stadt würde kaum von zusätzlichen Steuereinnahmen profitieren. Die Faust des Architekten gehört auf den Zeichentisch, nicht in den Sack, sagte sich Roost und entwickelte in Eigenregie eine Alternative.

Er sieht auf dem Areal ein städtisches Quartier: drei u-förmige, sechsgeschossige Bauten, die sich gegen das Wasser öffnen und zusammen Platz für rund 300 Wohnungen bieten, dazu ein Bau wie eine Scheibe gegen den Bahnhof hin, der für eine Schule oder ein Hotel taugt.

Ebenerdig denkt Roost an gemischte Nutzungen. Auf den Dächern der Wohnbauten sei Platz für Sonnenkollektoren. Denkbar ist zudem, den Kohlenweiher zu erweitern. «Das wäre eine Aufwertung», ist Roost überzeugt. Schliesslich soll der Kran, der heute zum Umladen des Schotters vom Schiff auf die Bahn dient, als Erinnerung an die Vergangenheit bestehen bleiben.

«Das ganze Gebiet darf nicht unterteilt werden», sagt Roost. Nur so schaffe man von der Schiffländte bis zum Schadaupark eine zusammenhängende Zone mit viel Grünfläche, welche für alle Bürger zugänglich ist, nicht nur für eine kleine Elite.

Die Arealentwicklung hängt von vielen Faktoren ab. Der wichtigste Punkt ist der Schotterumschlagplatz. Er muss gezügelt werden. Bestrebungen dazu sind im Gang. Vorgängig will die Stadt auch das Problem Bahnhofplatz, sprich Busterminal, lösen.

Erschwerend kommen die komplexen Eigentumsverhältnisse hinzu. So sind neben der Stadt Thun die SBB, die BLS, die Post und auch die Frutiger AG via Balmholz AG involviert. «Es ist knifflig, aber das macht es auch spannend», sagt Roost. Das Wichtigste sei, dass die Stadt bei der Planung die Zügel fest in der Hand halte, damit das Filetstück dereinst eine Visitenkarte für Thun werde.

Grosse Abhängigkeiten

«Es gibt zwei ganz grosse Abhängigkeiten bei der Entwicklung dieses Gebiets», sagt der Thuner Stadtpräsident Raphael Lanz. Zum einen müssten die SBB ihren Platzbedarf für die Schienen definieren, zum anderen brauche es einen alternativen Standort für den Kiesverlad.

Die Verantwortlichen unter der Leitung der Regionalkonferenz Oberland-Ost seien dran, Lösungen zu suchen, sagt Lanz. «Wir würden begrüssen, wenn bald eine Lösung auf dem Tisch liegt.» Aber manchmal brauche es eben Zeit. Das Areal – direkt am Bahnhof und mit Seesicht – habe riesiges Potenzial, beginnt der Stadtpräsident zu schwärmen. Aber es sei städtebaulich auch ein ganz sensibles Gebiet. «Es muss zu Thun passen, was dort gebaut wird.»

Für Lanz ist es zum jetzigen Zeitpunkt noch zu früh, sich auf eine Variante einzuschiessen. «Es ist eine grosse Chance, wenn sich viele Köpfe Gedanken machen. Denn dann gibt es sicher etwas Tolles.» Etwas Konkretes lässt sich Lanz dann doch noch entlocken: «Eine neue Siedlung derart nahe beim Bahnhof muss autoarm geplant werden.»

Wohnen direkt über der Hofstettenstrasse

Die Lage wäre eigentlich perfekt – in unmittelbarer Nähe zum Thunersee und zur Innenstadt, mit prächtiger Sicht auf die Aare und die Stockhornkette. Die Sache hat nur einen Haken. Die Häuser an der Hofstettenstrasse im Bereich der Nummern 49 bis 67 stehen direkt an der sehr viel befahrenen, entsprechend lärmigen Durchgangsachse vom und zum rechten Thunerseeufer. Einige Gebäude sind seit Jahren leer, verfallen zusehends.

Was tun? Dieter Noll hat eine Idee. «Gemischtes Wohnen und Gewerbe nach alter Bauordnung ist in diesem Bereich nicht mehr vernünftig vorstellbar. Vor allem wohnen will hier niemand», sagt der 78-jährige Thuner Architekt, der sich seit der Pensionierung auf eigene Faust intensiv mit stadtplanerischen Themen beschäftigt. Doch Noll ist überzeugt: «Die Verwandlung eines ziemlich wertlosen Baulandes in ein Wohngebiet der Sonderklasse ist möglich.»

Und zwar, indem die Hofstettenstrasse auf einer Länge von rund 155 Metern überdeckt wird – und über der Strasse die Neubauten erstellt werden. Je nach Geschosszahl zwischen 25 und 35 Wohnungen seien so realisierbar, sagt Noll, der während 50 Jahren in Architekturbüros zwischen Bern, Interlaken und Grindelwald tätig war – sowie zuletzt während 28 Jahren bei der Frutiger AG als Planer und Projektentwickler.

So könnte die Überbauung aussehen: Fotomontage von Dieter Noll. (Foto: PD)
So könnte die Überbauung aussehen: Fotomontage von Dieter Noll. (Foto: PD)

Im Erdgeschoss könnte eine Einstellhalle mit genügend Parkplätzen realisiert werden – mit Einbahnverkehr stadteinwärts. «Sinnvoll wäre es, bei der Kreuzung Hofstettenstrasse/Riedstrasse einen neuen Kreisel zu bauen, der zusätzlich das Verkehrsproblem an der Einmündung der Riedstrasse abschwächen könnte.»

Für Noll ist klar: «Mit einer solchen Überbauung würde der südliche Stadteingang eine neue Qualität erhalten.» Hier liesse sich seiner Meinung nach gehobenes Wohnen, das genau in diesem Bereich auch Teil der Wohnstrategie 2030 der Stadt Thun ist, ideal realisieren: «Mit toller Aussicht und stadtnah.»

Noll hat eine vorsichtige Kostenschätzung vorgenommen und kam für zwei Wohngeschosse plus Attika auf Investitionskosten von 25 bis 30 Millionen Franken. Für ihn ist klar, dass im gegen die Aare hin nicht geschlossenen Tunnel schallschluckende Wände und Decken installiert werden müssten. So würde die Lärmbelastung für Flanierende am Quai nicht grösser als heute.

Stapi: «Würde mir gefallen»

Was sagt der Stadtpräsident zu Nolls Idee? Er kenne das Projekt und finde die Überlegungen sehr innovativ und bedenkenswert, antwortet Raphael Lanz. «Mir persönlich würde eine solche Überbauung gefallen.» Wohnen an dieser Lage wäre attraktiv, zudem würde das Projekt die strategische Zielsetzung «Stadt am Wasser» unterstreichen.

Am liebsten würde er die Strasse gleich noch ein wenig absenken, sinniert der Stapi. Auch er ist der Meinung, dass das Gebiet grosses Potenzial hätte – er gibt aber auch zu bedenken: «Je grösser wir denken, desto mehr Abhängigkeiten gibt es.» Lanz spricht das Casino-Areal und den immer noch im Raum stehenden Hübeli-Tunnel an. Zudem gebe es verschiedene Eigentümer, die man überzeugen müsste.

Der Stadtpräsident weist darauf hin, dass andere Arealentwicklungen derzeit Priorität haben. «Aber es geschieht in nächster Zeit sicher nichts, was ein solches Projekt verunmöglichen würde. Ich bin sehr offen, das Projekt weiterzuverfolgen.»

Raum für innovative Wohnformen im Siegenthalergut?

Das Siegenthalergut liegt nördlich des Migros-Zentrums Oberland zwischen Burger- und Hohmadstrasse und ist eine der letzten zusammenhängenden, grösseren Freiflächen von Thun. Die Stadt beabsichtigt seit Jahren, das 49000 Quadratmeter grosse Areal für neuen Wohnraum zu nutzen. Es soll anlässlich der Ortsplanungsrevision eingezont werden; das Vorhaben wurde im Konsultationsbericht zur Wohnstrategie 2030 als «besonders bedeutend» bezeichnet.

Das Siegenthalergut in Thun-Süd ist eine der letzten grösseren Frei­flächen. Sie soll Platz für eine Wohnsiedlung bieten. (Foto: Gabriel Berger)
Das Siegenthalergut in Thun-Süd ist eine der letzten grösseren Frei­flächen. Sie soll Platz für eine Wohnsiedlung bieten. (Foto: Gabriel Berger)

Doch wozu würde sich das Gebiet eignen? «Wenn eine Wohnüberbauung, dann sollte im Siegenthalergut eine städtische Wohnsiedlung im 2000-Watt-Standard realisiert werden», sagt Matthias Kocher, Architekt und Vorstandsmitglied beim Architekturforum Thun. Das Areal sei «perfekt erschlossen», und dies nicht nur punkto ÖV. In der Nähe befinden sich Schulen, mehrere Einkaufsmöglichkeiten und der Autobahnanschluss Thun-Süd.

«Es macht auch städtebaulich gesehen absolut Sinn, dort ein Stadtquartier zu bauen», sagt Kocher. Aus seiner Sicht müsste die Stadt für die Überbauung einen «bunten Mix aus Nutzungen» anstreben. Sie sollte Platz für unterschiedliche Wohnformen und öffentliche Nutzungen wie etwa Kulturangebote, Kinderhorte, Quartierläden und Beizen bieten.

Negativbeispiel Selve

Referenzprojekte für Kochers Ideen gibt es einige: In Winterthur hat die Baugenossenschaft «Mehr als Wohnen» in den ­letzten Jahren ein genossenschaftlich organisiertes nachhaltiges 2000-Watt-Wohnviertel für über 400 Personen entwickelt – das Hobelwerk. In Workshops und sogenannten Echoräumen wurden Eckpunkte in Sachen Nutzung, Ökologie oder Eigentumsverhältnisse erarbeitet. Eine der wesentlichen Fragen im Entstehungsprozess lautete: Wie kann ein Quartier und nicht einfach «nur» eine Siedlung entstehen? Der Dialogprozess läuft nach wie vor.

Auch im Limmatfeld in Dietikon ZH entsteht derzeit mit der Überbauung Mosaik eine kleine «Stadt in der Stadt», wie es auf der entsprechenden Website heisst. In fünf Mehrfamilienhäusern sind 152 neue Genossenschaftswohnungen geplant. Das Angebot reicht von der 1-Zimmer- bis zur 5½-Zimmer-Wohnung. Überdies ist im Quartier ein reiches Dienstleistungs- und Ladenangebot vorgesehen, ergänzt mit einem Kinderspielplatz und sogar einem Kindergarten.

Laut Matthias Kocher ist vor allem entscheidend, dass im Erdgeschoss öffentliche Nutzungen Platz haben. «Das ist es, was ein Quartier lebenswert macht», findet der Thuner Architekt. Als negatives Beispiel in diesem Zusammenhang nennt Kocher das neue Selve-Areal: «Das ist eine anonyme, stereotype, tote Überbauung geworden.»

Raphael Lanz zeigt sich offen

Raphael Lanz attestiert dem Siegenthalergut ein grosses Potenzial für innovative Wohnformen – nicht zuletzt im Bereich Mehrgenerationenwohnen. «Wir haben gute Grundlagen dafür, nicht einfach Häuser zu bauen, sondern ein neues Quartier mit hoher Lebensqualität zu schaffen», sagt der Stadtpräsident. Gerade weil man bei null anfangen könne, biete es sich an, eine Siedlung nach heutigen Standards zu realisieren.

Lanz denkt dabei nicht nur an 2000 Watt: «Mir gefällt auch die Idee eines Plusenergie-Quartiers, wie es zum Beispiel aktuell in der Hauptstadtregion entwickelt wird.» Nebst einer nachhaltigen Entwicklung und dem schonenden Umgang mit Ressourcen müsse letztlich aber auch die Wirtschaftlichkeit des Projekts stimmen.

Noch zu diskutieren sein wird laut Lanz der Anteil des genossenschaftlichen Wohnungsbaus im Siegenthalergut. Die Stadt und die involvierten Fachgremien sind mit ihren Vorarbeiten weit fortgeschritten. Der Stadtpräsident stellt eine konkrete Vision für das Areal für das dritte Quartal 2019 in Aussicht.

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