Drehorgel-Klänge erfüllten Thuns Gassen

Thun

Am Wochenende ertönten in der Thuner Innenstadt zahllose Melodien in ihrem unverwechselbaren Klang zum 19. Internationalen Drehorgelfestival. Der beliebte Schneewalzer konnte den heissen Temperaturen aber nur akustisch trotzen.

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Einst zog das fahrende Volk mit seinen mobilen Orgeln von Stadt zu Stadt, um die Herzen der Bewohner mit Walzer, Polka und Marsch zu erfreuen, bis Grammofon und Radio die Drehorgeln in Europa aus dem Strassenbild vertrieben. Wie viele leidenschaftliche Drehorgelbesitzer es dennoch gibt, bewies am Samstag und Sonntag das traditionelle Festival mit knapp 200 Musikmaschinen, die es mittels Walze walzern liessen.

Wettpfeifen in der Innenstadt

Eine Pfeifenorgel aus Steffisburg, eine Trompetenorgel aus Berlin, eine Zungenstimmorgel aus Thun, eine Orguiette aus Moosseedorf oder eine Walzendrehorgel aus Basel – historische wie neuwertige Drehorgeln pfiffen um die Wette und luden die Innenstadtbesucher zum Stehenbleiben und Horchen ein.

Reich verzierte Orgeln mit geschnitzten Figuren, die den Taktstock schwangen, waren ebenso mit von der Partie wie ein bemaltes Instrument, auf dem sich eine nackte Dame mit Blumenkranz im Haar räkelte. «Ännchen von Tharau ists, die mir gefällt», schmetterte es schwungvoll. Die Musikerin freute sich: «Es ist alles so wunderbar organisiert. Wir sind schon das dritte Mal dabei.»

Ein Blick auf die Liederliste verriet das Programm. «Ach, sie haben auch ‹Die Männer sind alle Verbrecher›?» – «Nein», entgegnete der Angesprochene aus Ulm grinsend mit seinem Strohhut – «Kreissäge» genannt – auf dem Kopf: «Diese Walze haben wir zu Hause gelassen. Das spielen wir hier in der Schweiz lieber nicht.»

Plüsch – dem Tierwohl zuliebe

Gibt es eigentlich noch Kapuzineräffchen, die auf den Drehorgeln mitfahren, Saltos schlagen und Geld einsammeln? Weit und breit war keines der Tierchen zu sehen – das wäre ja auch nicht artgerecht. Doch etliche Drehorgelspieler führten deshalb Plüschaffen mit sich, um an die alte Tradition zu erinnern. Leicht bekleidete Engelchen und romantische Alltagsszenen zierten hingegen eine Hofbauerorgel aus Göttingen, Baujahr 1970, die einem Teilnehmer aus Ayent gehört.

«Heinzelmännchens Wachparade» erklang und liess zwei andere Drehörgeler, Walter Ott und seinen Freund Klaus Halter, leicht sentimental werden: «Erinnerst du dich an dieses Lied?» Die beiden reisten extra aus Oberbayern an und kennen sich auf den Tag genau seit fünfzig Jahren.

Rock’n’Roll und Schlager

Die gut besuchte Thuner Innenstadt zeigte sich an diesem sonnigen Samstag von ihrer besten Seite. An jeder Ecke spielten die Drehorgeln schmissige Weisen. Auf einer Brücke erklangen «Heidi, deine Welt sind die Berge» und «Biene Maja». Ulrich Suter aus Spiegel hatte Rock’n’Roll in seiner Zaubermaschine: «See You Later, Aligator». Andrea Berg kam ebenfalls von der Rolle, die Schallwelle sang wortlos «Du hast mich tausendmal belogen.»

Markus Bürgler aus Thalwil war mit Frau und Figurendrehorgel nach Thun gekommen. Auf dem Kasten drehten sich drei geschnitzte Pärchen in Schwarzwälder Tracht. Hanspeter Kühni aus Untersiggenthal hatte gleich dreissig, vierzig Fans in seinen Bann geschlagen mit dem Hit «Sierra Madre» – es wurde mit vollem Einsatz mitgeschmettert.

Dort die «Berliner Pflanze», da ein «Humba Tätärä», und für Freunde Loriots gar den preussischen Helenenmarsch, den Opa Hoppenstedt so sehr liebte und der die Passanten mitzupfeifen animierte. Eine Grossorgel hielt mit «Lemon tree» dagegen. Auch hier hatten sich zahlreiche Menschen versammelt, die sich im Takt bewegten und mitsangen. Und auf einer Drehorgel war zu lesen: «Musik wäscht den Staub des Alltags von der Seele.»


Video: Pascale Amez

Thuner Tagblatt

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