Thun

Digitale Revolution made in Thun

ThunVom Bauernsohn zum Doktor, der Maschinen dazu bringen will, dass sie lernen, selber immer besser zu werden: Benjamin Hadorn ist bei der Digitalisierung der Industrie an vorderster Front mit dabei.

Hier baut er die digitale Zukunft der Industrie: Benjamin Hadorn in seinem Büro am Strättlighügel.

Hier baut er die digitale Zukunft der Industrie: Benjamin Hadorn in seinem Büro am Strättlighügel. Bild: Manuel Lopez

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Seine Firma heisst Cybertech Engineering. Wenn er anfängt, von der «Interaktion zwischen Mensch und Maschine» und von technischen Systemen zu sprechen, welche sich «selbstständig der Kultur ihrer Umgebung anpassen können», dann jagen dem Zuhörer sofort Fantasien durch den Kopf von Robotern, die ausser Kontrolle geraten, oder von einem Bond-Bösewicht, der mit einem fiesen, kalten Lächeln im Gesicht zusieht, wie seine Maschinen im Begriff sind, die Weltherrschaft für ihn an sich zu reissen.

Da will es zunächst so gar nicht ins Bild passen, dass Benjamin Hadorn zweifacher Vater ist, mit seiner Frau und den Kindern in Steffisburg lebt, als Bauernbub in Gurzelen aufgewachsen ist und sagt: «Auf dem Traktor zu sitzen und mit dem Heuwender seine Runden zu drehen, kann geistig enorm befreiend sein.»

Alles für die eigene Software

Mitte letzten Jahres hat Hadorn, der den Titel «Doktor in Computerwissenschaften» trägt, die Cybertech Engineering GmbH gegründet. Seit vergangenem Mai ist sein Bruder ebenfalls im Betrieb angestellt, nach den Sommerferien fangen zwei weitere Angestellte die Arbeit im lichtdurchfluteten Büro am Strättlighügel an. «Es läuft gut, wir wachsen», sagt Hadorn, betont aber gleichzeitig: «Einen grossen Teil unserer Einnahmen erwirtschaften mein Bruder Matthias und ich momentan, indem wir uns für Projekte an andere Firmen ausmieten.»

Mit diesen Erträgen wird die Entwicklung des eigenen Produkts finanziert. «Wir wollen in jeder Hinsicht unabhängig bleiben», sagt der 39-Jährige. Anders als andere digitale Start-ups ist Cybertech Engineering deshalb nicht gross auf der Jagd nach Investoren.

Das eigene Produkt, das Hadorns Firma entwickelt und das bislang bei einem Kunden im Einsatz ist, trägt den Namen «Human OS, das Human Operation System»: Diese Software ermöglicht es einer Maschine, «mit dem Menschen in eine Konversation zu treten, also Wissen aufnehmen und zurückgeben», heisst es auf der Firmenhomepage.

Die Software diene «aber auch als Schnittstelle zu anderen Maschinen und Fertigungsplattformen, beispielsweise fürs Crowd-Manufacturing.» Unter Letzterem versteht man die Idee, dass es theoretisch möglich ist, dass verschiedene Tüftler eine einzelne Maschine im Keller stehen haben. Kunden, die etwas konstruieren wollen, können aus der Ferne auf all jene Maschinen zugreifen, die für die Konstruktion nötig sind. Dafür würde der Maschinenbesitzer finanziell entschädigt.

Revolution vor der Haustür

Damit machen Benjamin Hadorn und sein Team klar, dass Begriffe wie «Industrie 4.0» und «digitale Revolution» (vgl. Kasten «Industrie 4.0») nicht nur im fernen Silicon Valley oder am Google-Sitz in Zürich einfach zurzeit gerade hip sind, sondern dass der nächste Entwicklungsschritt in der industriellen Produktion auch am Strättlighügel mitgestaltet wird. Hadorn, dessen Laufbahn mit einer Lehre zum Maschinenmechaniker bei Studer angefangen hatte (vgl. Kasten «Zur Person»), ist sich dabei durchaus bewusst, dass die Digitalisierung und Automatisierung in den Menschen Ängste weckt, allen voran die um den eigenen Job.

«Ich sehe die Digitalisierung der Industrie als Chance», sagt er jedoch klipp und klar, «und ich wünschte mir, dass das auch andere Menschen vermehrt machen würden, die sich nicht so eng mit dem Thema befassen.» Maschinen können – so Hadorns Vorstellung – in Zukunft den Menschen noch mehr monotone und repetitive Tätigkeiten abnehmen. «Damit kriegen Angestellte die Möglichkeit, sich vermehrt kreativen Tätigkeiten zu widmen, die eher ihren Talenten entsprechen – und ich bin überzeugt, dass alle solche Talente hätten.»

So lege er Wert darauf, dass in allem technischen Fortschritt, den er anstrebe, der Mensch im Mittelpunkt stehen muss. «Er ist es, der der Maschine zeigt, was sie zu tun hat. Und das wird noch lange so bleiben. Maschinen werden aber zukünftig komplexere Tätigkeiten erlernen können und sich zu einem Partner entwickeln.»

Arbeitskraft effizient nutzen

So landet Hadorn von den Ausführungen über seine Firma und die technologische Entwicklung in der Industrie beim Thema Bildung. «Wir müssen uns genau überlegen, welche Arbeit künftig noch Menschen machen sollen und wo Maschinen Aufgaben übernehmen können, sodass Menschen stattdessen andere Arbeiten erledigen können.» Deshalb ist für ihn zentral: «Wir müssen die Menschen dazu motivieren und ausbilden, eigenverantwortlich zu leben und zu handeln. Nur so kann ein Mensch kreativ werden und sich selber weiterentwickeln.» Letztlich gehe es «gerade in der Schweiz mit ihren begrenzten Ressourcen wie Platz und Arbeitskräfte» auch darum, die Arbeitskraft möglichst effizient zu nutzen.

Bisher erschienen: «Für normale Anwender schreitet die Digitalisierung zu schnell voran.», 12. August. (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 17.08.2017, 10:39 Uhr

Zur Person

Benjamin Hadorn (39) wuchs in Gurzelen als Bauernsohn auf und machte bei der Studer AG in Steffisburg eine Lehre zum Maschinenmechaniker. Nach drei Jahren als Servicetechniker für eine Studer-Tochter in den USA absolvierte er ein Informatikstudium an der Berner Fachhochschule, darauf folgte ein Masterabschluss an der Universität Freiburg. Im letzten Herbst promovierte Hadorn dort zum «Doktor in Computerwissenschaften». Neben seinen Studien war Benjamin Hadorn bei der Studer AG im Bereich Softwareentwicklung und Innovation tätig. Im Juli 2016 gründete er die Cybertech Engineering GmbH. Sie befasst sich mit der Digitalisierung von Produktionsprozessen und der Entwicklung von intelligenten Systemen. Dafür arbeitet das Start-up, das am Strättlighügel beheimatet ist, sowohl mit Produktionsbetrieben als auch mit Forschungsabteilungen von Universitäten sowie mit Fachhochschulen zusammen. Während sich Benjamin Hadorn auf die Software­entwicklung spezialisiert hat, ist sein zwei Jahre jüngerer Bruder Matthias IT-Architekt. Benjamin Hadorn ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Steffisburg. Er sagt, er könne sich «durchaus vorstellen», sich ­später einmal auch im elterlichen Bauernbetrieb zu enga­gieren. maz

Industrie 4.0

«Wer von ‹Industrie 4.0› spricht, weiss heute eigentlich noch gar nicht, was damit gemeint ist», sagt Benjamin Hadorn (vgl. Haupttext). «Es wird dereinst Aufgabe der Historiker sein, zu benennen, was die sogenannte vierte industrielle Revolution ausgemacht haben wird.» Als erste industrielle Revolution gilt die Erfindung und Verbreitung von Wasser- und Dampfkraft zum Antrieb von Maschinen in der zweiten Hälfte des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts. «Ab dem Moment konnte mehr als nur menschliche oder tierische Kraft eingesetzt werden», sagt Hadorn. Es folgten die Massenproduktion mithilfe von Fliessbändern, wie sie Autohersteller Henry Ford Anfang der 1920er-Jahre erfand, als zweite industrielle Revolution und ab Mitte des letzten Jahrhunderts die dritte indus­trielle Revolution, mit der Computer in die Fabriken Einzug hielten. Im Gegensatz zu den ersten drei Entwicklungsschritten, die jeweils erst rückblickend als erste, zweite oder dritte Revolution bezeichnet wurden, wurde der Begriff Industrie 4.0 ausgerufen, ohne dass klar ist, ob und mit welchen Auswirkungen die Digitalisierung der Industrie abgeschlossen ist. Forscher sprechen gemäss der Onlineenzy­klopädie Wikipedia lieber von einer «zweiten Phase der Digi­talisierung». maz

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