Der Gletscherabbruch ist überfällig

Lauterbrunnen

Seit einer halben Woche erwarten die Fachleute den Abbruch von 20 000 Kubikmetern vom Hängegletscher an der Eiger-Westflanke. Nun wird der Gletscher auch für den Gastrobetrieb am Eigergletscher und für den Jungfrau-Marathon zum Thema.

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Der Hängegletscher am Eiger wäre eigentlich längst fällig – doch er hängt immer noch. Nicht weniger als 80 000 Kubikmeter Eismassen sind auf der Meereshöhe von rund 3400 Metern instabil – ein Viertel davon ist akut absturzgefährdet. So konnten die Experten mithilfe des interferometrischen Radars eine Rutschgeschwindigkeit des gefährdeten Pakets von 15 Zentimetern pro Tag feststellen; dieses Tempo hat sich bis gestern Mittwoch verdoppelt – der Absturz kann jederzeit erfolgen.

An Ort und Stelle kann festgestellt werden, dass es im Inneren des Gletschers in unregelmässigen Abständen knackt und kracht. Auch ereigneten sich in den letzten Tagen vereinzelte Abstürze von kleinen Kubaturen.

Schon im April machte der Hängegletscher von sich reden, als 2000 Kubikmeter zu Tal gestürzt sind.

Was offen ist, was nicht

Die gut 1000 Meter unter dem Gletscher liegende Station Eigergletscher der Jungfraubahnen liegt zwar im mittelbaren Gefahrenbereich der Eismassen. «Beim Abbruch von 20 000 Kubikmetern droht der Bahnstation aber keine direkte Gefährdung. Die grösste Gefahr für die Station Eigergletscher sind jedoch die Auswirkungen einer möglichen Druckwelle.

Seit Sonntag ist aus diesem Grund der gesamte Bereich oberhalb der Station Eigergletscher der Jungfraubahnen gesperrt, so auch der direkte Zustieg zum Rotstock, zur Westflanke des Eigers und zum sogenannten Pilz. Offen sind der untere Teil der von der Haaregg zum Eigergletscher führenden Moräne bis zur Locherflueh, der Eiger-Trail sowie der Klettersteig auf den Rotstock.

Patrizia Bickel, Mediensprecherin der Jungfraubahnen: «Ein Teil der Wanderwege und des Bereiches um die Station Eigergletscher inklusive Restaurantterrasse sind derzeit abgesperrt und nicht zugänglich. Die Sperrung wird bis zu einem möglichen Gletscherabbruch aufrechterhalten. Bei Einhaltung des Sicherheitskonzepts besteht keine Gefahr für Personen und den Bahnbetrieb.»

«Generell völlig normal»

Der Zürcher ETH-Glaziologe Martin Funk beobachtet den über eine Million Kubikmeter grossen Hängegletscher schon seit 25 Jahren: «Der Gletscher hat sich seither in seiner Geometrie nicht wesentlich ver­ändert und wurde nicht mal viel kleiner.» Funk erachtet solche Abbrüche an Hängegletschern generell als völlig normal: «Diese sind nicht durch die Schmelze bedingt, sondern dadurch, dass der Gletscher wächst, bis er ­vorne durch sein Eigengewicht bricht.»

«Den Stecker gezogen»

Die Sperrung der Sonnenterrasse des Restaurants Eigergletscher ist für dessen Betreiber deutlich spürbar. So treten immer wieder Gäste mit der Frage ins Lokal, wieso die Terrasse gesperrt sei – jetzt seien sie extra deswegen hier hinaufgekommen. Eigergletscher-Pächter Martin Soche bestätigt auf Anfrage: «Es ist, als hätte jemand den Stecker gezogen. Kaum mehr etwas geht im Moment im Eigergletscher. Aber es ist nun mal so, wie es ist. Das ist höhere Gewalt, und da kann man nichts machen. Letzten Endes geht es um die Sicherheit der Gäste und des Personals.»

«Es ist, als hätte jemand den Stecker gezogen. Kaum mehr etwas geht  im Moment im Eigergletscher. Aber das ist höhere Gewalt, und da kann man nichts machen.»Martin Soche, Wirt Eigergletscher

Zehn Tage bis zum Marathon...

Ob die Vorgänge am Eiger einen Einfluss auf die Streckenführung des in zehn Tagen statt­findenden Jungfrau-Marathons haben wird, welcher auf dem 40. Kilometer über die Moräne des Eigergletschers führt, kann im Moment nicht gesagt werden. OK-Präsident Toni Alpinice dazu: «In diesem Fall müssten wir die Laufstrecke alternativ umleiten. Eine Gefahr besteht aber nicht.»

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