Abheben mit der Harfe

Als Maya Obrist aus Wattenwil zum ersten Mal dem Spiel einer Veeh-Harfe lauschte, wusste sie: Das ist ihr Instrument. Heute perfektioniert Obrist sogar in den Ferien ihr Harfenspiel.

Wo die Vögel pfeifen, fühlt sie sich wohl: Maya Obrist (64) aus Wattenwil spielt die Veeh-Harfe im Garten vor ihrem Haus.

Wo die Vögel pfeifen, fühlt sie sich wohl: Maya Obrist (64) aus Wattenwil spielt die Veeh-Harfe im Garten vor ihrem Haus.

(Bild: Andreas Blatter)

Es sind die leisen Töne, die Maya Obrist ansprechen. Vogelgezwitscher etwa oder der zarte Klang der Veeh-Harfe. Eine Tischharfe aus Holz von Fichte und Ahorn, zwei Kilogramm schwer, 25 Saiten, chromatisch gestimmt.

Vor drei Jahren machten die 64-jährige Obrist aus Wattenwil und ihr Mann Erich Ferien in Interlaken. Am letzten Tag ihres Aufenthaltes linsten die beiden in einen Seminarraum des Hotels und erblickten 15 Menschen mit einer Veeh-Harfe auf dem Schoss.

Vor allem aber hörte Maya Obrist die Antwort auf eine Frage, die sie schon länger umtrieb: Welches Hobby begeistert sie nach der Pensionierung? «Als ich den Klang der Harfen hörte, wusste ich: Das ist es!»

Blockflöte spielte Obrist bereits, doch störte sie, dass die hohen Töne oft quietschten. Nicht so bei der Veeh-Harfe: Die Finger zupfen die Stahlsaiten, verändern die Dynamik des Klangs mit der Stärke des Zupfens.

Ihre Hände könne sie eben besser kontrollieren als Lunge, Lippe, Zwerchfell, meint Obrist. Kein Wunder, als gelernte Ergotherapeutin beschäftigte sie sich ein Berufsleben lang mit Händen.

«Als ich den Klang der Harfe hörte, wusste ich: Das ist es!»Maya Obrist

Schnelles Lernen

Seine nächsten Ferien verbrachte das Paar erneut in Interlaken, dieses Mal aber mit dem Ziel, Veeh-Harfe spielen zu lernen. Eine Kursleiterin aus dem Kanton Aargau organisierte einen Kurs für Anfänger. Eine Woche dauerte dieser, das sollte reichen, um die eigens für die Veeh-Harfe entwickelte Notenschrift und die Spieltechnik zu erlernen.

Dass das so schnell geht, ist kein Zufall: Landwirt Hermann Veeh entwickelte Ende der 1980er-Jahre in Deutschland die Veeh-Harfe für seinen mit dem Downsyndrom geborenen Sohn, damit dieser trotz seinen Einschränkungen musizieren konnte.

Maya Obrist erreichte das Kursziel. Weil sie sofort weiterlernen wollte, und dies nicht nur allein zu Hause, sondern mit anderen zusammen, gründete sie mit einer Frau aus dem Kurs eine eigene Gruppe.

Jeden Monat treffen sich Maya und Erich Obrist mit sieben anderen Leuten für zweieinhalb Stunden in Interlaken zum gemeinsamen Musizieren, dabei werden sie von einer Veeh-Harfe-Lehrerin unterstützt.

Neu Gelerntes spielt Obrist gerne ihren sieben Grosskindern vor. Weit kommt sie jeweils aber nicht: «Kaum habe ich ein Stück begonnen, versuchen die Kinder, reinzuzupfen.» Mit ihren zwei bis acht Jahren seien sie aber eher noch zu klein, um selber das Instrument zu spielen. Es gehe ihr darum, den Kindern die Freude an der Musik weiterzugeben; ob sie eines Tages auch Veeh-Harfe spielen würden, sei nicht entscheidend.

Als ausgebildete Ergotherapeutin faszinieren Obrist die Hände. (Bild: Andreas Blatter)

Herz und Seele

Angesteckt mit ihrer Entzückung für die Veeh-Harfe hat sie eine andere Person: Im letzten Winter spielte Maya Obrist während der Meditation in ihrer Yogagruppe einige Töne. «Eine Frau war derart fasziniert vom Klang, dass sie kurze Zeit später eine Harfe kaufte und sich seither selber das Spielen beibringt.»

Um selber weiter Fortschritte zu machen, besuchen Obrist und ihr Mann zweimal pro Jahr einen Wochenkurs in Interlaken. Sie habe aber keinen Ehrgeiz, allzu schwierige Stücke zu lernen: «Das Instrument spricht Herz und Seele an. Bei schweren Stücken würde dieses Gefühl ver­loren gehen, da der Kopf stärker involviert ist.»

Um den Geist herauszufordern, könne sie sich eher vorstellen, das Spiel der Akkordzither zu erlernen. Das Instrument ähnelt der Veeh-Harfe, hat aber mehr Saiten, die enger beieinanderliegen, und sein Spiel ist entsprechend komplexer.

Besonders reizt Obrist daran der Klang. Er sei kräftiger und voller als jener der Veeh-Harfe. «Die Zither würde mir Boden geben, während mich die Veeh-Harfe in den Himmel zieht.» Dort, wo die Vögel fliegen und zwitschern. Wo die leisen Töne erklingen.

Eine kleine Kostprobe von Maya Obrist an der Harfe. (Quelle: Andreas Blatter)

Berner Zeitung

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