Blieb es wirklich bei einer Ohrfeige?

Ein Streit zwischen einem Liebespaar eskalierte. Der Mann schlug angeblich zu und würgte die Partnerin. Zudem drohte er ihr mit dem Tod. Vor dem Gericht in Thun beschwichtigte das mutmassliche Opfer plötzlich.

Was geschah in der Wohnung des irakischen Paares? Diese Frage muss das Regionalgericht in Thun klären.

Was geschah in der Wohnung des irakischen Paares? Diese Frage muss das Regionalgericht in Thun klären.

(Bild: Keystone Marcel Bieri)

In der Wohnung eines irakischen Liebespaars haben sich laut Anklageschrift dramatische Szenen abgespielt. Angefangen hatte alles mit einem Streit. Ein Wort gab das andere, plötzlich eskalierte die Auseinandersetzung. Der Mann geriet in Rage, schlug und trat seine Partnerin. Und er drohte, sie umzubringen.

Er zog sie an den Haaren und stiess sie zu Boden. Der Frau gelang es, das Fenster zu öffnen und um Hilfe zu rufen. Nachbarn hörten die Schreie und avisierten die Polizei. Bis die Patrouille eintraf, dauerte es lange Minuten. In dieser Zeit würgte der Mann sein Opfer, bis es diesem schwarz vor Augen wurde. Er schloss die Wohnung ab, damit die Frau keine Chance hatte zu flüchten.

Erst als die Polizisten die Tür aufbrachen, hatte der Spuk ein Ende. Der Mann kam hinter Schloss und Riegel, die Frau für Untersuchungen ins Spital. Dort wurden Würgemale und Punktblutungen an den Augenbindehäuten festgestellt. Das Bild rundeten die Aussagen der Frau ab, die ihren Partner schwer belasteten. Die Sache schien klar.

Der Mann blieb in Sicherheitshaft, bis ihm am Montag vor dem Regionalgericht Oberland in Thun der Prozess gemacht wurde. Gefährdung des Lebens und Freiheitsberaubung wurden ihm angelastet. Die Staatsanwältin forderte eine bedingte Freiheitsstrafe von 24 Monaten, verbunden mit einem Landesverweis für sieben Jahre. Für sie war die Sache sonnenklar. Doch plötzlich war alles anders. Aber eins nach dem anderen.

Unerwartete Wendung

Der 46-jährige Iraker war vor vier Jahren mit seinem mutmasslichen Opfer in die Schweiz geflüchtet. Vorher hatte er unter anderem für die amerikanischen Truppen im Kriegsgebiet Übersetzungsdienste geleistet. Die Beziehung hatte Höhen und Tiefen. Es kam immer wieder zu Streit. Auch in der gemeinsamen Wohnung in einer Gemeinde im Westen von Thun.

Auffällig war der Mann aber sonst nicht. Er war in Beschäftigungsprogrammen engagiert, solange sein Status nicht geklärt war. Als er dann definitiv aufgenommen wurde, bemühte er sich um eine Arbeit. Er hatte einen Job in Aussicht, als es zum verhängnisvollen Vorfall kam. Es tue im leid, was passiert sei, sagte er vor Gericht. Er liebe seine Partnerin nach wie vor, leide tagtäglich an der Situation. Die Vorkommnisse in der Wohnung hatte er aber anders als die Staatsanwältin wahrgenommen.

So habe er die Frau nie gewürgt. «Sie drohte, aus dem Fenster zu springen. Ich wollte sie retten und habe sie von hinten gepackt.» Er wollte sie beruhigen, gab der Angeklagte zu Protokoll. Auch stritt er ab, die Wohnung abgeschlossen zu haben. Seine Partnerin sei dafür verantwortlich. Sie habe dann den Schlüssel verlegt. Der Mann gab aber zu, dass auch er aufgebracht gewesen sei. So sei es zu einer Ohrfeige gekommen.

Und dann liess die Frau die Katze aus dem Sack. «Meine bisherigen Aussagen stimmen nicht.» Sie habe verhindern wollen, dass der Mann zu ihr zurückkomme, begründete sie ihr Verhalten. «Ich habe meine Aussagen aus Wut gemacht. Jetzt will ich die Wahrheit sagen.» Sie hätten sich zwar gestritten, aber es sei nicht so schlimm gewesen. Die Würgemale seien mit grösster Wahrscheinlichkeit entstanden, als ihr Partner sie vom Fenster zurückgezogen habe.

Die Punktblutungen im Auge begründete sie mit starker Migräne. Sie bestätigte also grossmehrheitlich die Version des Mannes. Auch im Punkt, dass sie die Tür selbst abgeschlossen habe. Sie könne sich zudem nicht daran erinnern, dass sie mit dem Tod bedroht worden sei. Dass es zu einer Ohrfeige gekommen sei, stritt die Frau hingegen nicht ab.

Und jetzt?

«Es ist kein gewöhnlicher Fall», führte der Verteidiger in seinem Plädoyer aus. «Die Details kennen nur die beiden.» Es wäre möglich gewesen, besonnener zu handeln, gab er zu. Für den Verteidiger waren die Ausführungen in der Anklageschrift aber alles andere als erwiesen.

Die Gretchenfrage sei, auf welche Aussagen der Frau das Gericht abstelle. So oder so gebe es viele Widersprüche. Er beantragte deshalb einen Freispruch. Sollte es trotzdem anders herauskommen, dürfe kein Landesverweis ausgesprochen werden. «Eine Rückkehr in den Irak ist für den Mann lebensgefährlich.» Am Dienstag wird das Urteil eröffnet.

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