Bis 24. Februar arbeitet Frau gratis

Thun

2018 arbeiten die Frauen bis zum 24. Februar gratis, so die Botschaft des Equal Pay Day. Dieser Tag zur Lohnungleichheit von Mann und Frau errechnet sich ­jedes Jahr und pro Land neu und individuell. Am 24. Januar lädt der Thuner BPW-Club Interessierte zu einem Referat von Nationalrätin Kathrin Bertschy ein.

Die politische Stimme der Frau in der Öffentlichkeit (v. l.): Andrea Gisler (Präsidentin Frauenzentrale Zürich), die Nationalrätinnen und Co-Präsidentinnen von Alliance F, Maya Graf und Kathrin Bertschy, sowie Hedi Luck, Vorstandsmitglied von Alliance F am 7. März 2015 in Bern.

(Bild: PD)

Während die Männer bereits seit dem 1. Januar Lohn erhalten, arbeiten dieses Jahr die Frauen in vergleich­baren Tätigkeiten und mit ähn­lichem Bildungsgrad bis zum 24. Februar gratis. Dies ist die Botschaft des Equal Pay Day, welcher in der Schweiz erstmals am 10. März 2009 durchgeführt worden ist. Das Datum wird pro Jahr und Land je nach durchschnittlicher Lohndifferenz errechnet. In der Schweiz fällt der Equal Pay Day 2018 auf den 24. Februar.

Errechnet wurde der Tag folgendermassen: 260 Arbeits­tage (52 Wochen à 5 Tage) dividiert durch 100 und multipliziert mit 15,1, was dem aktuellen Lohnunterschied in Prozenten entspricht. «Dies ergibt eine Differenz von 39 Arbeitstagen, welche die Frauen länger arbeiten müssen, um das Gleiche wie die Männer zu verdienen», rechnet Barbara Martin, Medienverantwortliche und Vizepräsidentin des Thuner Clubs des internationalen Verbands berufs­tätiger Frauen – Business and Professional Women, kurz BPW –, vor.

Er setzt sich für die Lohngleichheit ein, weshalb BPW am 24. Januar um 20.30 Uhr in den «Seepark» zu einem Referat einlädt. Nationalrätin Kathrin Bertschy, Co-Präsidentin von Alliance F (vgl. Kasten), referiert über das Thema.

Ein Drittel wegen Geschlecht

Die BPW-Frauen haben ein perfektes Timing. Sie stellen den Equal Pay Day auf die Agenda in einem Jahr, in welchem auf dem nationalen Politparkett die Gleichstellung von Frau und Mann traktandiert ist – insbesondere mit zwei Vorlagen über Massnahmen gegen Lohndiskriminierung und zur Frage der Frauenquote.

«Solange unsere Politik das traditionelle Familien­modell fördert, ist es schwierig, Lohnungleichheit zu reduzieren.»Kathrin Bertschy, Nationalrätin GLP

«Die Lohnungleichheit ist aktueller denn je», sagt Kathrin Bertschy. Die 39-jährige Ökonomin weiss, wovon sie spricht. «Frauen verdienen rund 20 bis 30 Prozent weniger als Männer, was zum Teil auf die Berufserfahrung oder die Führungsfunktionen zurückzuführen ist.» Ein Drittel der Unterschiede bleibe jedoch unerklärbar, beziehungsweise sei einzig dem Geschlecht geschuldet.

«Junge Frauen verdienen zum Beispiel im Durchschnitt beim Berufseinstieg rund 8 Prozent oder 400 Franken weniger pro Monat als ihre Kollegen», sagt Kathrin Bertschy. Dies bedeute, dass eine Bezahlung noch heute weitgehend nach Stereotypen erfolge: «Der Mann ist leistungs­fähig und will Karriere machen, die Frau wird vermutlich ihren Job für Kinder aufgeben.»

Politik fördert die Tradition

Leider gebe es noch heute sowohl Männer wie auch Frauen, welche Themen wie Gleichstellung und Lohnungleichheit belächelten. «Oft ist das ein Zeichen von Unkenntnis der Fakten», bedauert die Nationalrätin. Vielen sei es nicht bewusst, wie stark unbewusste Vorurteile im Erwerbs­leben eine Rolle spielten. «Es sind aber auch konkrete Gesetze, welche der Gleichstellung zu­widerlaufen», ergänzt die Co-Präsidentin von Alliance F.

«Der einseitige Mutterschaftsurlaub zwingt Paare faktisch zu einer traditionellen Rollenaufteilung.» Und: «Solange unsere Politik das traditionelle Familienmodell fördert, ist es schwierig, Lohnungleichheit zu reduzieren.» Staat und Politik stärkten genau jene Vorurteile, von denen sich Lohnentscheide leiten liessen.

Die Volkswirtschafterin nennt einige Gründe, wo sich dies zeige. «Kinder können nicht bereits mit 14 Wochen in die Kita gegeben werden, familienexterne Kinderbetreuung ist extrem teuer, und der Vater erhält keine Elternzeit.

«Die Zeit ist jetzt reif»

Es sei aber auch die Bevölkerung, welche zur Ungleichheit beitrage. «Es mag Aufgabe der Frauen sein, darauf hinzuweisen, dass gleicher Lohn für gleiche Arbeit nicht überall erreicht ist und dass das inakzeptabel ist», sagt Kathrin Bertschy.

«Der einseitige Mutterschaftsurlaub zwingt Paare faktisch zu einer traditionellen Rollenaufteilung.»Kathrin Bertschy

Aber: «Es ist natürlich eine Aufgabe, welche die Gesellschaft als Ganzes lösen muss – das heisst: Leistung und Fähigkeiten und nicht das Geschlecht entlöhnen.» Die Zeit sei reif für eine liberale Haltung. «Deshalb gebe ich den Vorlagen im Nationalrat gute Chancen», sagt die Co-Präsidentin von Alliance F.

«Es kann nicht sein, dass ­Altersarmut ein Geschlecht hat: Frauen.» Denn das sei auch eine Folge der Lohnungleichheit.

Neue Formen für die Politik

Bertschy tüftelt auch in ihrem ­offenen Politlabor Glp.lab über Politik und Gesellschaft. «Wir suchen nach Formen, wie die Milizpolitik neu interpretiert und sich für das 21. Jahrhundert fit machen kann», erklärt die Ökonomin.

Wie, sehe sie klar vor Augen: «Gleichstellung und Lohngleichheit werden selbstverständlich sein.» Doch bis dahin sei es noch ein beschwerlicher Weg. «Das World Economic Forum hat ausgerechnet, dass es noch über 80 Jahre dauern wird, bis die Gleichstellung von Frau und Mann im Erwerbsleben erreicht ist – sofern wir im selben ­Schneckentempo weitermachen wie bisher.»

Thuner Tagblatt

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