Avenir-Suisse-Direktor: «Wir müssen den Wandel annehmen»

Thun

Keine Berührungsängste: Dafür warb Peter Grünenfelder bei der Boss Holzbau AG.

«Der Status quo kann nicht die Lösung sein»: Peter Grünenfelder von Avenir Suisse bei seinem Vortrag in Thun. Foto: Patric Spahni

«Der Status quo kann nicht die Lösung sein»: Peter Grünenfelder von Avenir Suisse bei seinem Vortrag in Thun. Foto: Patric Spahni

Wie ist der Wohlstand in der Schweiz auf Dauer gesichert? Antworten auf diese Frage gab Peter Grünenfelder von Avenir Suisse am Wochenende in Thun. Am Herbstanlass der Boss Holzbau AG mit dem Titel «Die Schweiz der Zukunft» erörterte der Direktor der Denkfabrik für marktwirtschaft­liche und liberale Ideen zunächst die momentane Ausgangslage.

Kaum ein Land sei mit seinen Unternehmen so gut global vernetzt wie die Schweiz, sagte Grünenfelder. «Zwei Drittel aller KMU haben einen Bezug zum Ausland.» Weiter sei das Unternehmertum weltweit führend in Bezug auf Innovation und Qualität. Diese Stärken gelte es zu bewahren, so Grünenfelder. Gleichzeitig ortete er zahlreiche wirtschaftliche Herausforderungen, auf globaler Ebene beispielsweise in der Schwächung des Multilateralismus, also der vielfach verknüpften Weltwirtschaft mit allseitig geöffneten Märkten, im Handelskrieg zwischen den USA und China oder in den Steuerplänen der OECD. Als Herausforderungen im Inland wurden das institutionelle Abkommen mit der EU, die rückläufigen Exporte oder ein Reformstau aufgeführt.

Für flexibles Rentenalter

Diverse andere problematische Entwicklungen machte Grünenfelder in der abnehmenden Wettbewerbsfähigkeit, im akuten Fachkräftemangel oder in der ­demografischen Dynamik aus. «Schon heute gibt es mehr Austritte als Eintritte in den Arbeitsmarkt», sagte Grünenfelder und zeigte mittels einer Grafik auf, wie sich diese Tendenz bis 2030 voraussichtlich noch verschärfen wird.

Bei der steigenden Lebenserwartung, der aktuell tiefen Geburtenrate und dem damit einhergehenden steigenden Druck auf die Beitragszahler der AHV würden längerfristig Generationen gegeneinander ausgespielt, wenn das Rentenalter nicht angepasst werde. Eine Lösung, die Grünenfelder hierzu am Schluss präsentieren sollte: Das Rentenalter an der Anzahl der Beitragsjahre ausrichten.

Bevor der Direktor von Avenir Suisse in seinem dichten Referat aber an diesen Punkt gelangte, wollte er noch mit einigen Mythen aufräumen. Als solchen Mythos bezeichnete er auch das Narrativ, wonach die Kluft zwischen Arm und Reich immer grösser werde. Obwohl es immer wieder Extremfälle gebe, sei der Gini-Koeffizient, der aussagt, wie das Einkommen in einem Land verteilt ist, in der Schweiz seit Jahren stabil, so Grünenfelder.

Der Darstellung des «bösen Auslandes» stellte er gegenüber, dass die Schweiz äusserst abhängig sei von den Absatzmärkten im Ausland und dass die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte ohne die Zuwanderung stark einbrechen würde. «Wir machen nicht Geschäfte mit Brüssel, sondern mit den Unternehmen», sagte er hinsichtlich der Bedeutung der bilateralen Verträge mit der EU. Zu guter Letzt bezeichnete Grünenfelder auch die technologiebedingte Arbeitslosigkeit als Mythos und warb für die Digitalisierung. Sie werde neue Jobs hervorbringen, die man heute nur erahnen könne.

Für mehr Visionäres

Beim Legislaturprogramm des Bundesrates fehle ihm das Visionäre, kritisierte Grünenfelder in seinem Fazit. «Es ist ein Sammelsurium von Verwaltungsprogrammen.» Es sei jedoch nötig, den vertrauten Ist-Zustand zu verlassen und die hausgemachte Reformblockade zu überwinden. Mit der Stärkung des bilateralen Wegs, der Wettbewerbskräfte und einer umfassenden Reform des Service public müssten kommende Veränderungen antizipiert werden.

Und im Zuge des Ausbaus des digitalen Sektors sei auch eine Reformierung des Arbeitsrechts und des Bildungswesens unabdingbar. «In einem sich stetig schneller wandelnden Arbeitsmarkt muss das Allgemeinwissen in der Ausbildung noch mehr gestärkt werden», sagte Grünenfelder. Er propagierte zuletzt: «Wir müssen den Wandel annehmen. Der Status quo kann nicht die Lösung sein.»

Berner Zeitung

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