«Auf seinem Gesicht lag tiefe Zufriedenheit»

Ein Nachruf zum Tod von Polo Hofer von seiner Ehefrau Alice Hofer.

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Es hatte aufgehört zu regnen. Wir sassen still da und bestaunten die Berge, die sich allmählich aus dem Dunst schälten und ihre Konturen vor dem dämmrigen Himmel abhoben.

Dann begann Polo zu reden. Das Flackern der Kerzen zeichnete bizarre Schatten auf sein Gesicht und enthüllte Furchen und Falten, die seine lange Lebensgeschichte erzählten, von Lachen und Schmerz, von Gewissheit und Zweifel, von Gipfeln und Tälern.

Am Morgen nach dem Tod von ihrem Mann schwebte eine strahlend weisse Wolke über dem Niesen, schreibt Alice Hofer.

«Sich mit Musik zu beschäftigen, ist etwas vom Gescheitesten, was man tun kann», erklärte er. «Musik beinhaltet sowohl Schönheit wie Schöngeist und Wohlgefühl. Sie bietet uns die Möglichkeit, die Wirklichkeit in die Kunst zu überführen. Dabei muss man unbedingt seinem Instinkt folgen. Wenn man Rücksicht nimmt auf die Meinung der Allgemeinheit, hat man schon verloren. Wer den Mainstream ehelicht, muss mit Scheidung rechnen».

Er steigerte sich in ein Plädoyer zugunsten der musischen Künste, die letztlich allesamt der Sehnsucht entsprängen nach Geborgenheit und Aufgehoben-Sein, und brachte es auf den Punkt: «Friede heisst, dass i mi a Dir cha häbe, u dass mir enander warm gäbe». Das meine er nicht nur im persönlichen, sondern auch im übertragenen Sinne, betonte er.

Dann legte er eine alte CD auf. «Bitte, hör Dir das an: ‹Lean On Me› heisst das Lied». Wir lauschten gemeinsam der Melodie und dem tiefsinnigen Text. Den Refrain sang er mit und schaute mich dabei bedeutungsvoll an:

If there is a load you have to bear that you can't carry I'm right up the road, I'll share your load If you just call me

«Du darfst dann schon ein bisschen weinen, wenn ich nicht mehr da bin», meinte er mit sanftem Lächeln, «doch übertreibe es nicht. Hülle Dich nicht in Schwarz. Verliere Dich nicht im Schmerz. Wende Dich dem Leben zu. Lass Dich tragen vom Fluss und bedenke, dass alles vergänglich ist, auch die Trauer. Finde einen Weg, wie Du Deine Talente zur Erfüllung bringen kannst, und sei glücklich.

Ich will eine Wolke werden, die Dir Schatten spendet, wenn Du brennst, und Dir Regen bringt, wenn Du dürstest, und ich werde immer in Deiner Nähe sein. Du wirst mir begegnen, wenn Du traurig bist, und vor allem dann, wenn Du fröhlich bist, weil ich selber eine Froh-Natur bin. Denn am Ende des Tages, wenn wir vor Petrus’ Pforte stehen, lauten die wesentlichen Fragen: ‹Hast Du Freude gesät? Hast Du Freude geerntet›».

Und weiter: «Der Tod eines alten Menschen birgt keine Tragik. Vergeben wir ihm also seine Fehler und danken ihm für seine Liebe». Er schenkte die Gläser nach und befahl: «Notiere jetzt meinen Text für die Anzeige: ‹Polo war einst in den Fischen geboren. Jetzt ist er untergetaucht. Alles andere geht ihm an der Schwanzflosse vorbei›».

Wir lachten, weinten und scherzten, und ich fragte mich, ob es für mich jemals ein Dasein ohne ihn geben könnte. Als hätte er meine Gedanken erraten, sagte er: «Die letzte Erkenntnis des Lebens empfangen wir erst im Tod, dann werden wir alle Antworten erhalten. Gräme Dich also nicht im Vornherein, denn Du wirst wissen, was Du wissen musst, wenn es soweit ist».

Der Mond schien leichtfüssig und schwerkräftig zugleich und gab mir das Gefühl, in der Unendlichkeit des Kosmos geborgen zu sein. Dann legten wir uns hin und ergaben uns der Gegenwart.

Als das Morgenlicht hereinfiel, war diese einzigartige Ruhe im Raum. Auf seinem Gesicht lag tiefe Zufriedenheit. Die ersten Sonnenstrahlen erleuchteten den Niesen in zartem Gold. Darüber schwebte eine strahlend weisse Wolke, die sich langsam verdichtete. (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 28.07.2017, 11:46 Uhr

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