Wie von Heimenschwand aus die ganze Welt belauscht wird

Heimenschwand

Seit zehn Jahren belauscht der Geheimdienst von Buchholterberg bei Heimenschwand aus die ganze Welt. Gerüchte von Verbindungen zum US-Geheimdienst, unterirdischen Anlagen und Lauschangriffen auf die Bevölkerung machen die Runde.

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Ein kreisender Bussard, der seine Umgebung ausspäht, ist das Erste, was auffällt. Dann Kuhglockengebimmel und viel Grün. Buchholterberg könnte als Synonym für ländliche Idylle stehen: Saftige, grüne Wiesen, weidende Kühe und Bauernhäuser mit grosszügigen, gepflegten Gärten prägen das Bild der 1500-Seelen-Gemeinde an der nördlichen Grenze des Verwaltungskreises Thun am Tor zum Emmental.

Zahlreiche Spaziergänger geniessen an diesem Sonntag die Sommersonne, auf einer Wiese ist ein Festzelt aufgestellt, vor dem ein Mädchen einem Hund ein Stöckchen zuwirft. Doch das Voralpenidyll birgt ein Geheimnis: Hier hat sich seit längerem der Schweizer Nachrichtendienst eingenistet.

Die drei Satelliten zeigen Richtung Süden

Man fährt beim Altersheim Schibistei weiter, um zu diesem Lauschposten zu gelangen. Die sanft geschwungene, schmale Strasse führt durch Wiesen und an Häusern vorbei, danach durch ein kleines Wäldchen. Und plötzlich tauchen sie im Sichtfeld auf, die gigantischen, weissen Parabolspiegel. Sie sind eingezäunt in einem Gelände direkt an der schmalen asphaltierten Strasse.

Drei grosse, daneben ein Dutzend kleinere «Schüsseln». Derzeit laufen Arbeiten für den Bau eines vierten grossen Parabolspiegels, das Fundament ist bereits gelegt. Von den drei bestehenden zeigt einer ungefähr Richtung Hohgant, der zweite zum Sigriswiler Rothorn und der dritte zum Stockhorn – alle in Richtung Süden also. Zudem hat es drei Antennen, welche die Spiegel in Sachen Höhe noch übertreffen.

Von den Parabolspiegeln geht von Zeit zu Zeit ein helles, metallenes Geräusch aus. Ein flaches, dunkelblaues Gebäude mit zahlreichen Fenstern steht inmitten der Sende- und Empfgangstürme. Unmittelbar daneben weht an einem Mast eine Schweizer Fahne. Die Rollläden sind dicht – es scheint, als machten selbst Agenten Wochenende.

Das Einzige, was unermüdlich in die Umgebung glotzt, ist die Kamera, welche auf den Bereich vor dem Eingangstor gerichtet ist. Und die Kühe auf der Wiese auf der anderen Strassenseite. Die Anlage wirkt – abgesehen vom Zaun – kaum geschützt vor Eindringlingen.

Laut dem ZDF hört die NSA in Buchholterberg mit

Die in den 60er-Jahren gebaute und nach dem Jahr 2000 erweiterte Anlage ist nicht unumstritten. Seit Edward Snowden, der Analyst des US-Auslandgeheimdienstes National Security Agency (NSA), im Sommer 2013 enthüllte, dass sein Geheimdienst seit Ende 2001 als Reaktion auf die Terrorgefahr die eigene Bevölkerung und quasi die ganze Welt schamlos ausspioniert, sind die Aktivitäten der Geheimdienste wieder stärker ins Bewusstsein gerückt – auch in der Schweiz.

Wie weit reichen die Befugnisse des Nachrichtendienst des Bundes (NDB)? Spioniert auch er die eigene Bevölkerung aus? Und was für ein Verhältnis pflegt er zur NSA? Das Zweite Deutsche Fernsehen ZDF behauptete in seiner Sendung «Zoom» im letzten September, dass die Anlage in Buchholterberg ein wichtiger Lauschposten der NSA in Europa darstelle. Neuste Informationen, relativieren diese Behauptung jedoch (vgl. Text «Snowden-Dokumente zeigen»).

«Die Schiessanlage stört mich mehr als der Geheimdienst»

Was in der Armeeanlage läuft, wissen auch die Anwohner in Buchholterberg nicht. Ein Ärgernis an und für sich ist sie jedoch nicht. «Sie stört mich nicht im Geringsten, schliesslich hört und sieht man sie nicht, so versteckt hinter dem Wäldchen», sagt etwa Daniel Fricker, der seit vielen Jahren in unmittelbarer Nähe zur Anlage wohnt. Da störe ihn die Schiessanlage viel mehr. «Ich nerve mich aber tierisch darüber, dass die Armee über die Köpfe hinweg etwas bauen kann, ohne eine Bewilligung einholen zu müssen oder die Leute auch nur zu informieren», sagt Fricker.

Auch Nachbar Hugo Rellstab analysiert die Sache mit dem Horchposten nüchtern: «Grundsätzlich finde ich gut, was der Geheimdienst tut. Uns betrifft das ja nicht, und Lauschen tun offenbar alle Staaten.» Er finde es gut, dass sich die Armee der Aktualität anpasse, um Herausforderungen wie den Terrorismus bewältigen zu können. Störend seien für ihn einzig manchmal die Fahrten des Militärs zur Anlage. «Manche sind viel zu schnell unterwegs, vor allem im Winter bei Glatteis.»

Werden die Einheimischen abgehört?

Ein Landwirt (Name der Redaktion bekannt), der unter anderem eine Parzelle in unmittelbarer Nachbarschaft bewirtschaftet, weiss nicht, was hinter dem Zaun konkret gemacht wird. «Die Leute sind sehr diskret.» Vor ein paar Monaten habe er einen Anruf eines Adjutanten erhalten. Dieser habe ihn für eine Übung sensibilisiert. «Ich sollte mit meinen Maschinen nicht über frei gelegte Kabel fahren», sagt der 39-jährige Ur-Heimenschwander. Das sei aber auch schon alles an direktem Kontakt.

Wo die Informationen zäh fliessen, ranken sich schnell Gerüchte. Der Landwirt erzählt von einem, das sich hartnäckig hält. «Es wird gemunkelt, dass zwischen der Kaserne Jassbach und der Überwachungsanlage eine unterirdische Strasse existiert.» Er selber erinnere sich noch an den Neubau der Kaserne Jassbach, die sich ausgangs Heimenschwand an der Hauptstrasse befinde. «Ich habe mich damals über die riesigen Aushubmengen gewundert.» Ein anderer Bürger* will wissen, dass in der Anlage bei Wiederholungskursen übungshalber auch die Einheimischen abgehört werde. «Das ist gang und gäbe.»

Auch den Gemeindebehörden ist wenig über den Horchposten bekannt, über bauliche Änderungen werden sie lediglich informiert (vgl. Kasten «Das sagen die Gemeindepräsidenten Beat Haldimann und Peter Roth»). In dieser Zeitung wurde am 20.Januar 2000 folgende Meldung publiziert: «Die Antenne für die elektronische Kriegsführung bei der Kaserne Wolfrichti wird gebaut.

Die Anlage muss wohl oder übel zähneknirschend akzeptiert werden, schreibt die Gemeinde Buchholterberg in einem Pressecommuniqué. Widerstand gegen das Projekt sei sinnlos, weil der Bau der Antenne dem Auftrag des Bundesrat entspreche. Sie hätten zwar vor einigen Jahren einen Teil der Anlage besichtigen können, sagt Gemeindepräsident Beat Haldimann, aber «was dort genau passiert, wissen wir nicht».

Berner Zeitung

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