Wie im Justistal seit 300 Jahren auf neun Alpen gekäst und geteilt wird

Am Freitag findet im Justistal der traditionelle Chästeilet statt. Dort wird das Ergebnis der harten Arbeit zu sehen sein, die den Sommer über auf den neun Alpen im Tal verrichtet wurde.

  • loading indicator

Der Chästeilet im Justistal in Sigriswil BE ist weltberühmt und mit seinem ausgeklügelten System sehr gerecht. Zusammen mit dem Chästeilet auf der ebenfalls zu Sigriswil gehörigen Zettenalp ist es der älteste Chästeilet überhaupt. Der Brauch ist seit fast 300 Jahren bezeugt, aber eventuell noch wesentlich älter.

Gut zusammenarbeiten

Damit die Bewirtschaftung und damit der Chästeilet überhaupt möglich sind, müssen die Bauern, die ein oder mehrere Seyrechte oder Bergrechte besitzen, zusammenarbeiten. Dazu gehören aber auch Pflichten wie die ungefähr fünf Tagewerke (Gmiwärch), die pro Recht jedes Jahr geleistet werden müssen.

Die Bergrechte wurden vom Kloster Interlaken, vor der Reformation Eigentümerin des Tals, an einzelne Familien vergeben. Damit es gerecht zu- und hergehen würde und weil in der Regel meistens mehrere Familiengemeinschaften in einem Haus wohnten, richtete man sich bei der Vergabe der Seyrechte nicht nach den Häusern, sondern nach den Feuerstellen. «Man dachte sich, eine Familie habe eine Feuerstelle», erklärt Christian Sauser, Bergvogt der Alp Büffel und Vizepräsident der Vereinigten Alpgenossenschaften, dazu. «Weil die Seyrechte sehr begehrt waren, wurden dann plötzlich in vielen Häusern zusätzliche Feuerstellen gebaut, damit noch ein weiteres Bergrecht beantragt werden konnte.»

Alles ist organisiert

Zu dem Vereinigten Alpgenossenschaft gehören die acht Berge, die vom Spycherberg bis fast zur Sichle verteilt im Tal liegen. «Die Alpgenossenschaften haben sich zusammengeschlossen, damit grössere organisatorische Angelegenheiten von einer Person übernommen werden können», erklärt Christian Stauffer, Präsident der Vereinigten Alpgenossenschaften. Dabei gehe es vor allem darum, das Tal zu repräsentieren, und um die Koordination der Aufräumarbeiten, wenn es durch Unwetter im Tal zu Verwüstungen komme. «Und natürlich um die Organisation des Chästeilet.» Der Käse der acht Berge, die zur Alpgenossenschaft gehören, wird zur Aufbewahrung von den Alpen in die Spycher am Spycherberg gebracht, wo sie bis zum Teilet gelagert und gepflegt werden. Dort liegt auch die zweitvorderste Alp des Tales, der Spycherberg. Der vorderste Berg am Taleingang ist das Grön, das aber bis heute nicht offiziell zu den Vereinigten Alpgenossenschaften gehört und auch keinen Spycher am Spycherberg hat. Die Alpen im Justistal werden jeweils von Anfang Juni bis Ende September besetzt. Abschluss und zugleich Höhepunkt des Alpsommers ist der Chästeilet.

Völkerwanderung ins Tal

«Eh min Troescht, was Lütt, was Lütt! Ueseriim bchönnt d’Häufti nüt. Lue – mi tüüri – us dr Stadt, Giit dert e Regierigsrat», so heisst es im Gedicht «Chästiuwet im Wüeschtisthal» des früheren Sigriswiler Dorflehrers Adolf Schaer-Ris. Tatsächlich findet an diesem Tag, in der Regel ist es der Freitag nach dem Buss- und Bettag, eine wahre Völkerwanderung ins Tal statt. Kurz vor dem Teilet berechnen die Bergvögte zusammen mit dem Senn, wie viel Käse jedem Bergrechtsbesitzer zusteht, und notieren dies auf Holzbrettchen, den sogenannten Brittlein. Dabei wird der Milchertrag pro Kuh, der über den ganzen Alpsommer genau notiert worden war, auf den Käseertrag umgerechnet. Je mehr Milch eine Kuh gegeben hat, desto mehr Käse erhält deren Besitzer. Gerechnet wird dabei in sogenannten Säumen und Losen. Die Käselaibe werden in möglichst gleichartige Lose von älteren, mittleren und jüngeren Exemplaren und mit möglichst gleichem Gesamtgewicht aufgeschichtet.

Wenn die Sonne kommt

Traditionellerweise werden die Käse am späten Vormittag aus den Speichern geholt, genau dann, wenn die ersten Sonnenstrahlen über die Felswände in das Tal hinunterscheinen. «Mengem feet’s ierscht ofoo wohle, We de d’Chäsleni cheme z’troele, Iis no’m ondre vo Hond zu Hond, Usa auf e Spycherstond», heisst es in Schärs Gedicht. Damit niemand einen Vorteil von einem besseren Los hat, geht der Senn mit einem Säcklein, dem «Aaserseckli», das genauso viele Brittlein enthält, wie es Lose hat, durch den Käse und legt Brittlein um Brittlein hin. Dazu ruft er den Namen der Bergrechtsbesitzer, die einzeln oder zusammen das Los bekommen. Wenn er fertig ist, bringen die Besitzer den Käse in ihre Fahrzeuge. Nach dem Teilen werden am späteren Nachmittag die Kühe aus dem Tal getrieben. Diejenigen Kühe, die am Meisten Milch gegeben haben, dürfen dabei einen Meien, eine kleine Tanne mit selbst gemachten Seidenpapierblumen, auf dem Kopf und eine grosse Glocke, die «Plümpe», um den Hals tragen. Danach wird bis tief in die Nacht gefeiert.

Der Chästeilet findet morgen Freitag, 21.9., im Justistal statt.

Berner Oberländer

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...