Frutigen

Wie aus dem Kotelett-Knochen Strom fürs Kochen wird

FrutigenAus 6700 Tonnen stinkendem Klärschlamm sowie 300 Tonnen unappetitlichen Gastroabfällen wird Strom für rund 100 Haushalte produziert. Die Idee der Biogasanlage in Frutigen ist bestechend, das Prinzip einfach, die Technik fordernd – und teuer.

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«Danke, das Essen war gut. Nur ein bisschen zu viel!» Im Restaurant wandern die Kotelettknochen mit den Fettresten und allen anderen Speiseabfällen in den Kübel, der Gast macht sich darüber kaum Gedanken. Dass in den Gastroabfällen – vor allem im Fett – viel Energie steckt, ist hingegen für die Betreiber der Biogasanlage im Kanderspitz in Frutigen äusserst nützlich.

Mitte 2012 ist dort ein kleines Kraftwerk ans Netz gegangen, bei dem derzeit nach einer Testphase der Normalbetrieb hochgefahren wird. Wenn alles normal funktioniert, wird Strom für 75 bis 100 Haushalte ins BKW-Netz eingespeist – produziert aus Schlamm der Kläranlagen Frutigen und Kandersteg (5400 Tonnen) sowie aus den Fischbecken des benachbarten Tropenhauses (1300 Tonnen). Und zudem aus den 300 Tonnen Abfällen von Hotels und Restaurants der Umgebung.

Gastroabfälle unbedingt benötigt

«Wir benötigen diese Gastroabfälle unbedingt, um mehr Energie in die Grundsubstanz zu bringen», erklärt Jürg Spahr, der die Anlage bei der BKW betreut. Er steht neben Anlagewart Felix Heimberg, der soeben eine Ladung solcher unappetitlicher und stinkender Abfälle angenommen hat und durch die Mühle drückt. Dort wird alles möglichst verflüssigt und in den Fermenter, den Faulturm, gepumpt. «Mit der hier produzierten Wärme wird die Masse auf rund 40 Grand geheizt, dann arbeiten die Bakterienkulturen unter Ausschluss von Sauerstoff und produzieren im 450 Kubikmeter fassenden Faulturm das Biogas», erklärt Spahr. Dieses besteht aus rund 60 Prozent Methan. Der Rest ist vor allem Kohlendioxid und in geringen Mengen Spurengase wie der übel riechende Schwefelwasserstoff. Das Gas wird abgekühlt und getrocknet und gelangt in den grünen, mit einem Schallschutz versehenen Container.

Dort wird das Gas in einer Motoren-Generatoren-Gruppe in etwa 300'000 kWh elektrische Energie umgewandelt. Die Abwärme wird für den Fermenter, für die eigene Heizung und diejenige der ARA-Zentrale Frutigen benutzt. «Wir haben einen Wirkungsgrad von rund 38 Prozent.

Die Investitionen für die Anlage belaufen sich vor allem technologiebedingt auf 1,6 Millionen Franken. So gesehen ist Biogasstrom unter den erneuerbaren Energien recht teuer», bestätigt der Verantwortliche. «Wir setzen darauf, dass wir von der kostendeckenden Einspeisevergütung profitieren können. Aufgrund von Verzögerungen im Projekt musste die Anlage ein zweites Mal angemeldet werden. Derzeit befinden wir uns immer noch auf der Warteliste, hoffen aber, dass die Zusage möglichst bald eintrifft.»

Herrscht Explosionsgefahr?

Und wie gross ist das Risiko dieser Biogasanlage? «Gas ist brennbar. Deshalb sind mehrere Sicherheitssysteme vorhanden. Einerseits wird das Gas in einem geschlossenen System durch den Motor in Energie umgewandelt. Sollte dieser ausfallen oder wird zu viel produziert, kann das Gas mit einer eigens dafür bestimmten Fackel verbrannt werden. Und als letzte Möglichkeit gibt es ein Überdruckventil, durch das das Gas direkt aus dem Faulturm ausströmen kann», sagt Jürg Spahr.

Eine eigentliche Sicherheitszone rund um die Anlage besteht nicht und wird auch nicht gefordert. Warnschilder weisen auf die Explosionsgefahr hin. «Meines Wissens ist in der Schweiz im direkten Zusammenhang mit Biogas noch nie etwas Gravierendes passiert», hält Spahr fest. Aus Deutschland sind einige Brände und Explosionen bekannt. Die Vorschriften in der Schweiz seien streng, und die Anlagen würden abgenommen, bevor eine Betriebsbewilligung erteilt wird.

Reststoffe werden verbrannt

Nach einer Dauer von etwa 25 Tagen wird der ausgefaulte dunkelgraue Schlamm vom Fermenter in den Faulschlammstapel abgeleitet und bis zu seinem Abtransport dort gelagert. «Diese Masse wird nach Thun in die Kläranlage gebracht und entwässert. Dann endet der Schlamm in der Kehrichtverbrennungsanlage Thun.» Die nächste Biogasanlage steht in Spiez. Im Biomassezentrum der Oberland Energie AG (diese gehört der AG für Abfallverwertung und der BKW) wird aber vor allem aus Grünabfällen sowie Alt- und Restholzabfällen Energie erzeugt. In Interlaken ist seit längerer Zeit eine Anlage durch die Biomasse Jungfrau AG projektiert. Derzeit wird aber immer noch auf eine rechtsgültige Baubewilligung gewartet.

Das Fazit des Besuches in der Anlage Frutigen: Biogas-Kraftwerke stellen eine lokal sinnvolle, aber aufwendige Stromproduktionsart dar. Vor allem sind die energiestarken Rohstoffe aus Gastrobetrieben begrenzt, dadurch ist auch die Leistung nicht unbegrenzt ausbaubar. Der produzierte Strom wird ins BKW-Netz eingespeist. Und wer weiss, ob das Kotelett, das zu Hause oder im Restaurant auf den Teller kommt, mit Strom aus einem früheren gebraten wurde... (Berner Oberländer)

Erstellt: 27.09.2013, 06:14 Uhr

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