Wenn der Heimatort wegfusioniert

«Was hat es eigentlich für Folgen, wenn mein Heimatort fusioniert?» Diese Frage stellte sich der Thuner Ueli Gurtner, heimatberechtigt in Mühledorf, das seit Anfang Jahr zur Gemeinde Kirchdorf gehört.

Ueli Gurtner in seinem bisherigen Heimatort Mühledorf: Nach der Fusion am Fusse des Belpbergs ist sein offizieller Heimatort nun Kirchdorf.

Ueli Gurtner in seinem bisherigen Heimatort Mühledorf: Nach der Fusion am Fusse des Belpbergs ist sein offizieller Heimatort nun Kirchdorf. Bild: Patric Spahni

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«Ich habe nicht im Sinn, eine Staatsaffäre auszulösen und gegen etwas Sturm zu laufen», sagt Ueli Gurtner mit einem Schmunzeln. Und doch: Die Geschichte liess ihm keine Ruhe. Die Geschichte, die eigentlich im 17. Jahrhundert beginnt. So weit reicht nämlich der belegte Stammbaum seiner Familie zurück, den der 75-Jährige durchaus mit einem gewissen Stolz zeigt.

Heimatort der Familie ist Mühledorf. Oder besser: war Mühledorf. Denn der Ort am Fusse des Belpbergs hat auf den 1. Januar 2018 bekanntlich mit Kirchdorf, Gelterfingen und Noflen fusioniert. Der Name der Gemeinde ist Kirchdorf. Dass dies so geplant war, wusste Ueli Gurtner seit längerem. Dass es konkrete Auswirkungen für ihn hat, wurde ihm aber erst später bewusst. Nämlich als er bemerkte, dass er im Verlauf des Jahres 2018 eine neue Identitätskarte braucht.

Da ­stellte er sich die Frage: Was steht dort künftig unter «Heimatort»? Sprich: Welche Auswirkungen hat eine Fusion für Heimatberechtigte einer der betroffenen Ortschaften? Im Kanton Bern ­haben sich in den letzten Jahren diverse Gemeinden mit anderen zusammengeschlossen.

Entsprechend sind zahlreiche Familien von dieser Frage betroffen: Auch wenn der Heimatort heute nicht mehr so wichtig ist wie früher (vgl. Infobox), hat er dennoch für viele eine emotionale Bedeutung. So auch für Ueli Gurtner, der im nahen Seftigen aufgewachsen ist und in Mühledorf so manches Familientreffen erlebt hat.

Ueli Gurtner kann «Kirchdorf (Mühledorf BE)» beantragen

Weil er auf Anhieb keine Informationen zum Thema fand, griff Gurtner in die Tasten, schrieb einen Brief an die Kantonsverwaltung. Und erhielt umgehend Auskunft. «Es ist richtig, dass die Heimatgemeinde (Heimatort) immer mit einer Einwohnergemeinde einhergeht», antwortete das Amt für Gemeinden und Raumordnung (AGR; siehe auch Zweittext).

«Entsprechend haben Fusionen zur Folge, dass Heimatgemeinden je nach Namensgebung bei der Fusion in einer ­anderen Gemeinde aufgehen.» Heisst konkret: In den Ausweisdokumenten wird der neue Name der Gemeinde aufgeführt – in ­Ueli Gurtners Fall also Kirchdorf.

Allerdings weist das AGR auf eine Möglichkeit hin, die Gurtner und andere Betroffene haben: Sie können beim Zivilstandsamt, in dessen Kreis sich die zusammengeschlossene Gemeinde befindet, den Antrag stellen, dass der Name der aufgehobenen Gemeinde in Klammern angefügt wird.

So werde den verschwindenden Heimatgemeinden Rechnung getragen. «In Ihrem Fall wird es ­also möglich sein, auf den Ausweisdokumenten unter Heimatort ‹Kirchdorf (Mühledorf BE)› eintragen zu lassen», lässt das Amt für Gemeinden und Raumordnung Ueli Gurtner wissen.

1 Jahr Zeit und 75 Franken Bearbeitungsgebühr

Die Sache hat allerdings zwei Haken. Der erste: Der Antrag muss innerhalb eines Jahres, nachdem der Gemeindezusammenschluss in Kraft tritt, gestellt werden – für Ueli Gurtner läuft die Frist also Ende 2018 ab. Der zweite: Das Ganze hat seinen Preis. «75 Franken Bearbeitungsgebühr», weiss Gurtner. Er stört sich daran. Aber er wird den Antrag stellen.

Und er sagt: «Ich verstehe, dass die Vorteile bei einer Gemeindefusion überwiegen. Und dass es ein Ding der Unmöglichkeit ist, alle Heimatberechtigten zu informieren.» Trotzdem gebe ihm zu denken, dass aufgrund der einjährigen Frist viele wohl gar nicht rechtzeitig erführen, dass sie aktiv werden müssten, um den alten Heimatort in den Ausweispapieren wenigstens in Klammern zu «behalten».

Er nennt ein Beispiel: «Ich habe einen Cousin in Genf. Der hat von der Fusion nichts mitbekommen.» Der Thuner streut die Infos deshalb nun in seiner Verwandtschaft. Und er sagt im Hinblick darauf, dass der Regierungsrat die Zahl der Gemeinden in Zukunft massiv reduzieren möchte: «Ich wünsche mir, dass die Thematik der dadurch verschwindenden Heimatorte nicht leichtfertig übersehen, sondern mit der nötigen Aufmerksamkeit behandelt wird.»

Dass auf seiner neuen Iden­titätskarte beim Heimatort «Kirchdorf (Mühledorf BE)» stehen wird, ist «kein Weltuntergang», sagt Ueli Gurtner. Und fügt dann doch noch an: «Umgekehrt wäre es mir lieber.» Aber die Lösung «Mühledorf (Gemeinde Kirchdorf)» ist nicht vorgesehen.

Anmerkung der Redaktion: Autor und Protagonist dieses Berichtstragen beide den Nachnamen Gurtner, sie kannten sich aber vorher nicht. Beide haben Heimatort Mühledorf – ob eine Verwandtschaft besteht, konnten sie nicht eruieren. (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 24.02.2018, 17:50 Uhr

Heimatort

Der Heimatort bezeichnet hierzulande die Gemeinde, in der ein Schweizer Bürger sein Heimatrecht hat. «Heute hat der Heimatort eine geringere praktische Bedeutung als früher», sagt Verena Berisha, stellvertretende Geschäftsleiterin im kantonalen Amt für Migration und Personenstand.

«Er begründet beispielsweise noch gewisse Zuständigkeiten im Bereich des Zivilstandswesens.» Der Heimatort ist jedoch im Schweizer Pass und auf der Schweizer Identitätskarte eingetragen, während in anderen Ländern allein der Geburtsort an entsprechender Stelle vermerkt ist.

Für den Heimatort besteht laut Berisha seit 2017 keine Verpflichtung mehr, seinen Bürgern ­Sozialhilfe zu leisten. Diese Aufgabe wird nach der Regelung des Zuständigkeitsgesetzes vom Wohnort wahrgenommen. Für viele Menschen ist der Heimatort jedoch emotional wichtig. (mik)

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