Wenn der Ausnahmezustand zum Alltag wird

Thun

Sparta Prag war schon vor 10 Jahren Gegner des FC Thuns. Christian Stahl, damals Medienverantwortlicher des FC Thun, erinnert sich an eine Zeit des permanenten Ausnahmezustands.

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Grosse Erfahrungen als Medienverantwortlicher? Fehlanzeige. Beim FC Thun hatte er in den Monaten vor der Champions League jeweils an den Matchtagen bei der Medienarbeit ausgeholfen. Für eine Bratwurst und ein Bier. Und plötzlich fand sich Christian Stahl in einem veritablen Stahlbad wieder.

Fixe Arbeitszeiten waren ein Fremdwort, meist mussten sechs Stunden Schlaf reichen, der damals 25-jährige Thuner verbrachte Stunden über Stunden in einem improvisierten Bürocontainer hinter dem Olympiator im Lachenstadion. Es war Champions League, der FC Thun mittendrin, der Alltag Ausnahmezustand.

Wie ging Christian Stahl damit um? «Wir haben gar nicht gross überlegt, haben einfach funktioniert, ritten alle auf einer Euphoriewelle. Wir waren ein junges Team, hochmotiviert.» Und das Schöne sei gewesen, dass die Stimmung um den FC, die Spiele, die ganzen Mediengeschichten immer positiv gewesen seien.

Nie habe er das Gefühl gehabt, die Thuner würden herablassend behandelt – weder von den Gegnern noch von den Medien noch vom Europäischen Fussballverband Uefa: «Alle halfen uns und freuten sich über diesen kleinen Club, der Grosses geschafft hatte.»

Staunen in Kiew und London

Heute ist Christian Stahl längst ein gewiefter Medienprofi, zeichnet bei Swiss-Ski für den nordischen Bereich verantwortlich, begleitet Stars wie Simon Ammann oder Dario Cologna an Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele. Damals besuchte Stahl nach einer Banklehre die Fachhochschule für Wirtschaft, musste am Morgen nach dem Qualifikationsrückspiel gegen Dynamo Kiew zur Prüfung antraben.

Rechnungswesen, drei Stunden lang. Sein Handy vermeldete danach: 70 Anrufe in Abwesenheit. Bald interessierten sich nicht mehr nur die hiesigen Medien für den erstaunlichen Aussenseiter, plötzlich besuchten mehrere ausländische TV-Teams die Trainings in Thun. Stahl war Medienverantwortlicher, daneben aber auch ein bisschen Mädchen für alles. Er reiste mit Marketingchef Heinz Moser zur Auslosung der Gruppenspiele in Nyon, half beim Ticketing, bei Materialtransporten, bei der Betreuung der Fussballer. «Es war ein learning by doing», erinnert sich Stahl.

Und hin und wieder kam die Thuner Truppe aus dem Staunen nicht mehr heraus. Etwa wenn in Kiew der milliardenschwere Clubbesitzer für den kleinen Schweizer Verein seine Privatmiliz als Eskorte an den Flughafen schickte und für den Konvoi sämtliche Kreuzungen abgesperrt wurden – «das waren wir uns von Thun her nicht so gewohnt», stapelt Stahl schmunzelnd tief.

Oder als der FC im altehrwürdigen Highbury-Stadion gegen Arsenal einlief, die Champions-League-Hymne ertönte. «Das alles kannten wir ja nur vom Fernsehen. Und plötzlich stehen deine Kollegen unten auf dem Rasen – in London, gegen einen Weltverein, im grössten Clubfussballwettbewerb überhaupt. Da läuft es dir kalt den Rücken runter.» Dass beim FC Thun alles ein bisschen anders lief, merkten in London auch die Sicherheitsleute.

Als nämlich am Tag vor dem Spiel eine Gruppe mitgereister Fans das Training ihres FC besuchen wollten, standen sie vor verschlossenen Stadiontüren – ein Training unter Ausschluss der Öffentlichkeit war etwas, das sie aus Thun schlicht nicht gekannt hatten. Also riefen die Supporter Christian Stahl an – und dieser erklärte den verdutzten Security-Mitarbeitern im Highbury, dass sie diese Gruppe ruhig ins Stadion lassen können. Die englischen Journalisten hingegen blieben ausgesperrt.

Bier im Mittelkreis

«Die Euphorie, die entstanden ist – ich glaube nicht, dass es so etwas in Thun schon einmal gegeben hatte», resümiert der Vater einer neun Monate alten Tochter, der heute noch hin und wieder beim FC Thun aushilft – in der aktuellen Qualifikation für die Europa League war Stahl etwa in Jerusalem beim Spiel gegen Hapoel Beer Sheva für die Medienarbeit zuständig.

Er erinnert sich an eine kleine Episode, die sich nach dem letzten Heimspiel der Champions-League-Gruppenphase am 22.November 2005 gegen Arsenal zutrug, als die Zuschauer längst weg, die Lichter im Stadion gelöscht waren. «Da haben wir im Mittelkreis des Stade de Suisse in aller Ruhe zusammen ein Bier getrunken», erzählt Stahl.

Es sei eine Art Schlusspunkt unter eine unglaubliche Geschichte gewesen, welche das gesamte Team des FC Thun zu einer eingeschworenen Truppe zusammengeschweisst habe. Und für Christian Stahl wars «einer der schönsten Momente jener Zeit».

Thuner Tagblatt

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