Vor 10 Jahren griff der FC Thun nach den Sternen

Thun

Am 14.9.2005 spielte der FC Thun im Highbury Stadium gegen Arsenal London das erste Spiel in der Champions League. Peter Voegeli, damals Sportredaktor dieser Zeitung, erinnert sich an den denkwürdigen Tag.

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Auf diesen Tag hatten die Thuner Fussballfreunde gewartet: Mittwoch, den 14. September 2005. Die Mannschaft des FC Thun war am Vortag nach London geflogen. Das erste Spiel der Klubgeschichte in der Königsklasse, der Champions League, stand auf dem Programm. Der Gegner Arsenal London. Einer der ganz Grossen des englischen und des europäischen Klubfussballs wartete auf die Berner Oberländer.

34'498 Zuschauer kamen in das Highbury Stadium. Gänsehautstimmung, denn noch nie hatte der FC Thun vor einer derartigen Kulisse gespielt. Das Team von Trainer Urs «Longo» Schönenberger hatte sich gut auf den haushohen Favoriten eingestellt. Erst in der 51. Minute konnte der Brasilianer Gilberto Silva das Thuner Abwehrbollwerk knacken. Doch zwei Minuten später erzielte Nelson Ferreira mit einem spektakulären Tor den Ausgleich.

Wäre das Spiel nach neunzig Minuten zu Ende gewesen, wäre den Thunern die ganz grosse Sensation geglückt. Dem holländischen Topskorer Dennis Bergkamp glückte in der 91. Minute das siegbringende 2:1 für Arsenal. Ausser der Anerkennung, ein grosses Spiel gezeigt zu haben, blieb den Oberländern nur der Frust. Auch die nachfolgenden Spiele gegen Ajax Amsterdam und Sparta Prag boten grossen Unterhaltungswert und beste Propaganda für den Schweizer Fussball.

Sporthistorisches Ereignis

Der FC Thun hatte sich mit einem vorzüglichen 2.Rang in der nationalen Meisterschaft für die Spiele der Barrage zur Champions League qualifiziert. In diesen waren die Oberländer klare Aussenseiter. Die erste Hürde hiess Dynamo Kiew. Nach dem 2:2 in Kiew sorgte der 1:0-Heimsieg gegen die Ukrainer für Aufsehen. Dynamo war praktisch identisch mit der ukrainischen Nationalmannschaft. Auch gegen den nächsten Gegner Malmö FF wurde den Oberländern nur wenig Kredit eingeräumt.

Der 1:0-Sieg im Hinspiel liess die Thuner aber von der Königsklasse träumen. Das Rückspiel im Berner Stade de Suisse wurde zu einem sporthistorischen Ereignis. Mit wunderschönem Offensivfussball und herrlichen Toren wurden die Schweden schwindlig gespielt. Der 3:0-Sieg riss die Zuschauer zu wahren Gefühlsausbrüchen mit. Wildfremde Leute umarmten sich, tanzten, sangen und spendeten den FCT-Spielern immer wieder Applaus. Mehrmals mussten diese Ehrenrunden drehen.

Nach dem letzten Heimspiel der Saison 2004/2005 – St.Gallen wurde 3:1 besiegt – stieg in Thun ein grosses Fest. In einem eigens für diesen Anlass aufgestellten Zelt wurde die Mannschaft und der Verein gebührend gefeiert. Die Berner Regierung und der Thuner Stadtpräsident Hansueli von Allmen sowie Peter Stadelmann, Präsident der Nationalliga, überbrachten Glückwünsche. Armand Deumi versuchte sich als Conférencier und Stimmungskanone.

Bis weit in die Morgenstunden wurde gefeiert. Aber es gab auch Wermutstropfen: An diesem Abend wurden Spieler verabschiedet, welche wegen ihrer ausgezeichneten Leistungen von anderen Vereinen umworben waren und den FC Thun auch verliessen: Mario Raimondi (YB), Fabio Coltorti und Michel Renggli (beide zu GC), Baykal (Basel), Pascal Cerrone (St.Gallen) und David Pallas (VfL Bochum) waren die prominentesten Abgänge.

Team wurde verstärkt

Werner Gerber, der Sportchef der Thuner, war gefordert. Er musste praktisch eine neue, schlagkräftige Mannschaft zusammenstellen. Viel Zeit blieb ihm vor den entscheidenden Spielen gegen Kiew nicht. Dank seinen ausgezeichneten Beziehungen wurde er in Brasilien fündig.

Mit Adriano Pimenta, Adriano Spadolo, Leandro Vieira und Tiago Bernardi stiessen vier Südamerikaner zum Team. Zudem verstärkten José Gonçalves (er kam von der AC Venedig) und Grégory Duruz (Amiens) die Abwehr. Und als Nachfolger für Coltorti wurde der junge und talentierte Eldin Jakupovic (von GC) geholt. Eine neue Mannschaft war geboren. Der umtriebige Gerber hatte Massarbeit geliefert.

Baucontainer als Sekretariat

Nicht alles war damals beim FC Thun professionell. Als Sekretariat und als Raum für die jeweiligen Pressekonferenzen diente ein Baucontainer neben dem Lachenstadion. Die Infrastruktur im und rund um das Lachenareal war veraltet. Unmittelbar vor der Champions League konnte sich der FC Thun in einem Garagegebäude an der Frutigenstrasse einmieten. Ein riesiger Fortschritt. Mehr Personal auf der Geschäftsstelle sorgte nun für einen reibungslosen Ablauf.

Heinz Moser, «Mädchen für alles», war die treibende Kraft. Er mietete in Steffisburg ein bescheidenes Hotelzimmer, damit er praktisch Tag und Nacht für den FC Thun arbeiten konnte. Seine Familie in der Innerschweiz bekam ihn nur noch wenig zu sehen. Nebst der tollen Mannschaft verdienten auch Gerber und Moser die «Champions-League-Krone». Sie sind für mich die wahren Helden.

Zum Jubiläum «10 Jahre FC Thun in der Champions League» publizieren wir unter «Meine Champions League» in loser Folge die Erinnerungen von beteiligten Personen an diese denkwürdigen Monate.

Die europäischen Stationen des FC Thun 2005 sehen Sie hier:

Thuner Tagblatt

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