Vor 10 Jahren: Präsident im Auge des Sturms

Am 22. November 2005 trat der FC Thun zum letzten Champions-League-Heimspiel gegen Arsenal an (0:1). Für den damaligen Präsidenten Kurt Weder war jene Zeit vor zehn Jahren ein Wechselbad der Gefühle.

Feuer und Flamme für den FC Thun:?Der damalige Präsident Kurt Weder (links) mit Trainer Urs «Longo» Schönenberger nach dem 3:0-Sieg gegen Malmö im Rückspiel der Champions-League-Qualifikation 2005.

Feuer und Flamme für den FC Thun:?Der damalige Präsident Kurt Weder (links) mit Trainer Urs «Longo» Schönenberger nach dem 3:0-Sieg gegen Malmö im Rückspiel der Champions-League-Qualifikation 2005.

(Bild: Patric Spahni)

Ein Märchen? «Ich komme nicht so aus der Märchenabteilung», sagt Kurt Weder mit einem Schmunzeln, angesprochen auf einen der inflationär verwendeten Ausdrücke, um den Höhenflug des FC Thun vor genau zehn Jahren zu beschreiben.

Für den damaligen Präsidenten war es vor allem: Arbeit, Arbeit, Arbeit. «Ich habe eine gesunde Kapazität zum Arbeiten», sagt er. «Aber das war mehr als an der obersten Grenze.» Innert kürzester Zeit habe der Verein eine völlig neue Stufe erreicht und aus dem Stand eine nie gekannte Organisation hochfahren müssen. Das ist die eine Seite.

Die andere ist die «gigantische Euphorie», die der FC Thun lostrat. Das Schlüsselspiel war für Weder ganz klar das Hinspiel in der Qualifikation in Kiew – er nennt es «das Wahnsinnigste, was ich je an einem Match erlebt habe»: «Nach 30 Minuten hätte es 5:0 oder 6:0 für Kiew heissen können.»

Aber Torhüter Eldin Jakupovic erwischte das Spiel seines Lebens, am Ende hiess es 2:2, «da war der Glaube plötzlich da, dass wir es tatsächlich schaffen können».Und wie sie es schafften. Malmö im Stade de Suisse, das war für den Präsidenten der allerschönste Moment. «Als Mauro Lustrinelli aus 30 Metern das Tor macht.»

Und Nelson Ferreiras Goal im ersten Gruppenspiel in London gegen Arsenal nennt ­Weder «die schönste abverreckte Flanke, die ich je gesehen habe». Der bunte Haufen von Spielern sei auf dem Feld zusammengewachsen. «Das alles möchte ich nie missen.» Es waren die Momente, die richtig Spass machten.

«Mär» statt Märchen

Und dann gab es die anderen. Vor allem nach dem ganzen Zauber. «Die Mär», wie es Kurt Weder nennt, dass mit den Champions-League-Millionen gar freigebig umgegangen worden sei. «Obwohl zwei renommierte Treuhandgesellschaften das Gegenteil bestätigten, wurde von verschiedenen Seiten Rufmord betrieben.»

Weder zählt diverse Budgetposten auf, die damals in die Millionen gingen – von der Miete des Stade de Suisse über die Spielerprämien und Transferkosten bis zum Kauf der bestehenden Infrastruktur und zum Bau einer Zusatztribüne im Lachenstadion. Sagt, damals seien alle Schulden abgebaut, sämtliche Spielerrechte gekauft worden – «davon hatte der FC Thun zuvor null».

Was würde er anders machen, wenn er nochmals in jene Zeit zurückkönnte? «Nach dem Höhenflug die ganze Mannschaft entlassen», antwortet der 71-Jährige. Die Spieler hätten die Realität nicht mehr gesehen, nur noch Forderungen gestellt, das Gebilde sei auseinandergefallen.

Vieles sei in dieser Zeit aufgebaut worden – «aber das Kon­strukt war noch zu wenig stabil». Weder spricht auch von Fehlern, etwa in der Konstellation Trainer/Sportchef und bei Spielerkäufen. Und später sei eine Portion Pech dazugekommen: Dass der 2007 geholte Trainer René van Eck ausgerechnet in dieser Zeit familiäre Probleme hatte und sein Vater im Sterben lag etwa.

Oder dass Weder selber im Januar 2008 so schwer stürzte, dass er danach viereinhalb Monate im Paraplegikerzentrum Nottwil verbrachte. Und schliesslich das Präsidentenamt beim FC abgab – «mit einer revidierten Rechnung und einer Lizenz ohne Vorbehalte», wie er betont.

Harte Arbeit statt Märchen

Heute besucht der ehemalige Präsident noch immer gerne und oft Fussballspiele, auch in Thun. Aber der hiesige FC macht ihn «nicht mehr nervös», die Leidenschaft für den Club, den er einst präsidierte, ist deutlich abgeflaut.

Der 71-Jährige arbeitet noch immer in seinem Immobilienbüro in Thun – «nicht mehr 300 Prozent, aber ich bin auch noch nicht ganz beschäftigungslos», wie er es ausdrückt.

Und er spricht von einem zweiten Leben, das ihm nach der schweren Verletzung geschenkt worden sei. Wobei «geschenkt» eigentlich nicht das richtige Wort ist: «Die Therapeuten in Nottwil sagten mir, sie hätten nur einen Wilderen als mich erlebt – den ehemaligen Skirennfahrer Silvano Beltrametti.»

Dass Kurt Weder heute nur kleine Einschränkungen hat (und darüber keine grossen Worte verliert), hat also vor allem auch mit viel Willen und harter Arbeit zu tun. Auch das – kein Märchen.

Zum Jubiläum «10 Jahre FC Thun in der Champions League»publizieren wir unter «Meine Champions League» in loser Folge die Erinnerungen von beteiligten Personen.Alle Texte der Serie unter championsleague.thunertagblatt.ch.

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