Ursula Haller sagt Adieu

Es ist noch stockfinster, als Ursula Haller gestern Morgen den Zug besteigt: 6.32 Uhr. Sie ist auf einen intensiven Tag vorbereitet. Dennoch wirkt sie gelassen – und trotz der privaten Abschiedsfeier vom Vortag sogar ausgeruht.

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Ursula Hallers letzter Besuch als Nationalrätin im Bundeshaus stösst auf reges Interesse. Bereits um 7.15 Uhr steht das erste Interview mit einem lokalen Fernsehsender an. Danach gibts einen Zwischenhalt im Bundeshauscafé, wo die Thuner Noch-Gemeinderätin vor lauter Händeschütteln kaum zum Trinken ihrer Schale – mit kalter Milch – kommt. «Jetzt werde ich schon etwas sentimental», gesteht sie, «schliesslich ist für mich alles hier zum letzten Mal.» Sie sei aber nach wie vor überzeugt, nach 15 Jahren als Nationalrätin den richtigen Zeitpunkt für ihren Rücktritt gewählt zu haben.

Um 8 Uhr beginnt die letzte Sitzung der Herbstsession. Die Themen, die behandelt werden, sind wenig umstritten, die Stimmung im Nationalratssaal ist entsprechend gelöst. Als es für einen Moment recht ruhig ist im Saal, nutzt Nationalratspräsident Ruedi Lustenberger die Gelegenheit. Er verabschiede sich von einer Nationalrätin, die stets «mit Herz und Verstand» politisiert habe. Ursula Haller sei für ihre offene und menschliche Art geschätzt worden, sagt er. Als ihm die Nationalrätinnen und -räte mit tosendem, langem Applaus zustimmen, wischt sich Ursula Haller eine Träne aus den Augen. Nur ganz rechts im Saal währt der Applaus nicht ganz so lange.

«Mir wurde oft vorgeworfen, ich sei zu emotional», sagt Ursula Haller halb entschuldigend, als sie im Anschluss an die Sitzung, nach einem Interviewmarathon und vielfachem Händeschütteln, zu einer Verschnaufpause kommt. Freundlich, wortgewandt und -reich ist sie auf die Fragen der Reporter eingegangen, hat zigfach ausgeführt, was sie als Höhe- und Tiefpunkte ihrer Karriere erachtet. «Aber Gefühle und Politik, das gehört zusammen. Es geht ja immer um Menschen.»

Dann reicht die Zeit sogar für einen Drink im Restaurant. Ehemann Reto Vannini und Sohn Stefan Haller haben geduldig gewartet. «Wie gehts dir?», fragt Vannini. «Gut», erwidert seine Frau. Sie, die per Ende Jahr auch als Gemeinderätin von Thun zurücktritt, scheint den Rummel zu geniessen; doch das Wissen darum, dass trotz aller Vorbereitung ein Loch folgen wird, schwingt mit. Sogleich bricht aber wieder der Optimismus durch, der für ihre Art zu politisieren typisch war: «Jetzt beginnt auch für mich der Altweibersommer», sagt sie mit Blick auf den stahlblauen Herbsthimmel über dem Gurten.

Kurz darauf ruft ein weiterer Pressetermin. Ursula Haller geht noch einmal in den Nationalratssaal zurück, um ihre Siebensachen zusammenzuramisieren. Für Sentimentalitäten bleibt keine Zeit: Bald folgt eine Liveschaltung, dann gehts zurück nach Thun, wo das Fernsehen noch eine Art Homestory im Wohnmobil drehen möchte. Und dann, dann gehts erst mal ab in die Ferien.

Thuner Tagblatt

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