Adelboden

Tiefe Steuern sollen reiche Gäste anlocken

AdelbodenZwei Fliegen auf einen Streich: Um die Zahl kalter Betten zu reduzieren, will sich Adelboden als Wohnsitz für reiche Zweitwohnungsbesitzer schön machen. Die famose Idee: Den Gemeindesteuersatz von 2,09 auf 1,0 senken.

Der Ferieort Adelboden

Markus Hubacher

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Tourismusort Adelboden ist unbestritten schön. Meist lebt es sich aber nicht von der Schönheit allein – so auch nicht am Fusse von Wildstrubel und Lohner. Sorgen bereiten hier – wie in vielen anderen Schweizer Ferienorten – die hohe Zahl kalter Betten. Jene also, die einzig von den Zweitwohnungsbesitzern ab und an gewärmt werden. Als Folge davon bleiben zahlreiche Chalets oder Ferienwohnungen viele Wochen im Jahr unbewohnt. Das ist aber nicht die einzige Hypothek der 3650-Seelen-Gemeinde: Mit einem Steuersatz von 2,09 Einheiten liegt Adelboden im bernischen Vergleich weit hinten. Sehr weit sogar. Freuen sich im Oberland die Einwohner Guttannens (1,25), Saanens (1,40) und Oberhofens (1,45) an den tiefsten Steueranlagen, müssen nur die Bürger von Beatenberg (2,18) und Lauterbunnen (2,12) mehr Gemeindesteuern berappen als die Adelbodner.

Gesucht: Wohlhabende

Das soll sich ändern, fanden die Engstligtaler. Und: Obmann Stefan Lauber trug eine famose Idee in den Adelbodner Gemeinderat. Dank massiv tieferen Steuern – 1,0 statt 2,09 Einheiten – sollen potente Zweitwohnungsbesitzer angelockt werden und im Strubeldorf Wohnsitz nehmen.

Gäste würden zu Steuerzahlern, die dank dem Umzug in ihr Feriendomizil gleich auch das Problem der kalten Betten lösten. «Wir finden, das ist eine Top-Idee», bestätigt Jürg Blum (Bild) einen Bericht des Regionaljournals von Radio DRS – «das auch aus touristischer Sicht.» Wie der Vize-Gemeinderatspräsident von Adelboden erklärt, wurden die 1300 Zweitwohnungsbesitzer in den letzten Monaten angeschrieben. Die Frage: «Könnten Sie es sich vorstellen, in Adelboden zu leben und hier die Schriften zu deponieren, wenn der Steuersatz auf 1,0 Einheiten gesenkt würde?» Blum spricht von einem Rücklauf, der die Erwartungen übertroffen habe. «Wir erhielten 277 Rückmeldungen, deren 157 waren positiv.» Die Knochenarbeit, so der Vize-Obmann, stehe nun bevor. «Wir werden alle Interessenten kontaktieren, um abzuklären, wie ernst deren Absicht ist, nach Adelboden zu ziehen.»

Benötigt: 3 Mio. Franken

Jürg Blum verrät auch die Höhe des neu zu generierenden Steuerertrags: «Halbieren wir den Steuerfuss, brauchen wir verbindliche Zusagen in der Höhe von 3 Millionen Franken.» Das entspricht knapp der Hälfte der heutigen Steuereinnahmen. Die 3 Millionen sind von Nöten, damit die Idee überhaupt an die Hand genommen und der Gemeindeversammlung eine Steuersenkung zum Beschluss vorgelegt wird. Blum glaubt, dass das Ziel mit «20 bis 25» Neu-Steuerzahlern erreicht werden könnte. «Ohne einen Namen nennen zu wollen: Wir haben einen Interessenten, der mündlich zugesagt hat. Fünf solche würden bereits genügen», meint er. Man habe wohlhabende Gäste, der Unterschied zwischen Adelboden und Gstaad sei: «Geht es in Gstaad um das Sehen und Gesehen werden, haben wir Gäste, die eine gewisse Zurückhaltung zu schätzen wissen.»

Gefordert: Unterschrift

Mündliche Zusagen der reichen Interessenten reichen nicht aus, die Gemeinde Adelboden möchte schriftliche Zusicherungen, wie Jürg Blum sagt. Diese vertragliche Anbindung dürfte aber allein wegen der Niederlassungsfreiheit eine Gratwanderung sein. «Was passiert, wenn ich nach Adelboden ziehe und ein Jahr später sterbe – werde ich dann gebüsst?», fragt Yvonne von Kauffungen. Die Kommunikationsverantwortliche der kantonalen Steuerverwaltung stellt zudem klar: «Man kann nicht einfach aussuchen, wo man die Steuern zahlen will. Den steuerlichen Wohnsitz hat eine Person dort, wo sie auch ihren Lebensmittelpunkt hat.» Auch wenn er die Idee kreativ finde: Kommentieren mag Lorenz Hess vom Verband Bernischer Gemeinden das Vorhaben der Adelbodner nicht. Gegenüber dem Regionaljournal erklärte Hess, als Präsident liege es ihm fern zu sagen, «ob die Idee gut oder schlecht ist».

Geplant: 3 bis 5 Jahre

Jürg Blum glaubt an deren Chance. Als Zeithorizont skizziert er, das Projekt müsse in den nächsten drei bis fünf Jahren umgesetzt sein. «So lange es noch warm ist», wie er sich ausdrückt. Er rechnet an einem Beispiel vor, in welchem Mass die Adelbodner von der massiven Steuersenkung profitierten: «Eine Person mit einem Jahreseinkommen von 80000 Franken müsste rund 5000 Franken weniger Steuern zahlen als heute.» Ähnlich wie die Bewohner der Berner Agglogemeinde Muri (0,99 Einheiten) lebten die Adelbodner auf einmal mitten im Steuerparadies. Das fände man im unbestritten schönen Tourismusort ganz sicherparadiesisch. (Berner Oberländer)

Erstellt: 12.09.2008, 09:33 Uhr

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitag um 16 Uhr Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Blogs

Bern & so Eine Stadt im Wandel

Sportblog Ich, ich, ich!

Die Welt in Bildern

Hammerschlag für die Kunst: 15 Asylsuchende aus Afghanistan, Eritrea und Sri Lanka arbeiten im Kunstsilo in Emmen für die Ausstellung «Ich bin hier». (21. September 2017)
(Bild: KEYSTONE/Alexandra Wey) Mehr...