Thun

Thuns fast vergessener Olympiasieger

ThunAm 9. Mai 1948 erlangte der Thuner Hans Moser an den Olympischen Spielen in London die Goldmedaille im Dressurreiten. Am Tag nach seiner Rückkehr strich er seinen Gartenzaun fertig.

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Bisher kann sich die Schweizer Delegation an den Olympischen Spielen in London nur mit wenigen Spitzenleistungen rühmen. Ganz anders sah die Situation bei der letzten Olympiade, die in der englischen Hauptstadt ausgetragen wurde, aus. Ganze 20 Medaillen holten die Schweizer anno 1948 nach Hause, davon 5 goldene. So viele hat es seither nie mehr gegeben. Nur 1924 war der Medaillensegen für die Schweiz noch grösser: Nicht weniger als 25 Medaillen regnete es damals.

Einer der fünf Schweizer Goldmedaillengewinner von 1948 war der Thuner Hans Moser. An der ersten Olympiade nach dem Zweiten Weltkrieg (die Olympischen Spiele von 1940 und 1944 wurden wegen des Krieges nicht ausgetragen) bestach er auf seinem Pferd Hummer im Dressurreiten, einer Disziplin, die damals noch fest in militärischer Hand war.

Krieg lässt Traum platzen

Hans Moser kam 1901 als Sohn einer Bauernfamilie in Oberdiessbach zur Welt. Als grosser Tierliebhaber wäre er gerne Tierarzt geworden. Dieser Traum platzte allerdings, als der Erste Weltkrieg ausbrach: Noch mehr als sonst war jede helfende Hand auf dem Bauernhof gefordert. Zum Reitsport kam Moser durchs Militär: Er absolvierte die Kavallerie-RS und liess sich anschliessend an der eidgenössischen Pferderegieanstalt zum Bereiter ausbilden. Seine überdurchschnittlichen Fähigkeiten im Umgang mit Pferden waren es, die ihm eine Abberufung an die Spanische Hofreitschule in Wien einbrachte, wo er 1933 seine Tätigkeit aufnahm. Drei Jahre später konnte Moser in der Disziplin Military (heute: Vielseitigkeitsprüfung) an den Olympischen Spielen in Berlin teilnehmen, die später als «Propaganda-Olympiade» in die Geschichte eingingen. Moser hatte Pech: Er lag in Führung, verlor aber auf halber Strecke seine Brille und fiel, nicht mehr scharf sehend, auf den fünften Rang zurück.

Überragende Leistung

Die Dressurprüfungen an den Olympischen Spielen in London wurden am 9.August 1948 in Aldershot, rund 50 Kilometer südwestlich der Themsestadt, abgenommen. «Äusserst präzis reitet Hptm. Moser ein. Sein Stehen und Gruss finden genau auf dem Mittelpunkt des Dressurvierecks statt.» So beschrieb die Zeitschrift «Sport» am 10.August 1948 Mosers Auftritt. «Leider misslingt die erste Pirouette, indem sich Hummer zu schnell herumwirft, und erst die zweite kann man als gut bezeichnen. Magistral waren hingegen die Galoppwechsel, besonders die schwierigen 15 à 1 Tempi. Während des ganzen Programms ist Hummer in ausgezeichneter Haltung gegangen. Ein Vergleich mit anderen Reitern zeigt uns, dass der Sitz Hptm. Mosers einer der besten, wenn nicht überhaupt der beste war.» Das Magazin «Der Schweizer Kavallerist» zeigte sich von Mosers Leistung ebenso angetan: «Man hatte das Gefühl, das Pferd folge den Gedanken des Reiters.»

Audienz bei Queen Mum

Mosers Verbundenheit mit dem Pferd stach nicht nur der Schweizer Presse ins Auge, sondern auch Queen Elizabeth, welche selber begeisterte Reiterin war und den Wettkampf mitverfolgte. Sie war von Mosers Umgang mit seinem Pferd so verzückt, dass sie sich eine private Vorführung wünschte. So kam es, dass der Bauernsohn aus Oberdiessbach wenige Tage nach seinem Olympiasieg seine Dressurprüfung der Queen Mum noch einmal vorführte.

Das Tier als Freund gewinnen

Ein respektvoller Umgang mit dem Tier sei immer Mosers grösstes Anliegen gewesen, erinnert sich sein Schwiegersohn Eduard Erb. «Man muss das Pferd nicht dressieren, man muss es als Freund gewinnen», habe er oft gesagt. «Das war für jene Zeit eine eher unübliche Ansicht», weiss Erb. Weil ihm die Beziehung zum Tier so wichtig war, wollte Moser unbedingt mit Hummer, seinem Lieblingspferd, an die Olympiade. «Das Vertrauen zwischen mir und Hummer, dieses restlose Sichkennen war es, das mich mit einer ganz stillen, aber festen Hoffnung nach London fahren liess, dort bestimmt nicht schlechte Figur zu machen», schrieb Moser in einem Erinnerungswerk. Mit Mosers Wahl des Pferdes war sein Vorgesetzter nicht einverstanden; der Oberst hatte nämlich andere Tiere für die Teilnahme an den Olympischen Spielen vorgesehen. Moser liess sich nicht unterkriegen. «Auf irgendeine Weise gelang es ihm, Hummer auf eigene Kosten doch nach England zu transportieren», so Erb. Eine Entscheidung, die sich am 9.August 1948 als richtig erwies.

Hummers Leben nahm 1950 ein unglückliches Ende: Bei der Auflösung der Pferderegieanstalt Thun wurde er geschlachtet, was nicht nur vonseiten der Reitfans heftige Kritik auslöste.

Kaum mediale Beachtung

Hans Mosers Olympiasieg stiess in seiner Heimat lediglich auf bescheidene Beachtung. Einige Zeitungen und Zeitschriften berichteten erst Tage nach dem Wettkampf über das erfolgreiche Abschneiden des Thuners. Fernsehen war zu jener Zeit noch ziemlich unbedeutend. Die Olympischen Spiele von 1948 waren zwar die ersten, die im Fernsehen übertragen wurden, in Grossbritannien gab es zu jener Zeit aber lediglich um die 80'000 Fernsehgeräte. In der Schweiz war die Flimmerkiste noch weniger ein Thema: Die SRG nahm ihre regelmässige Sendetätigkeit erst 1953 auf.

So ergab es sich, dass Moser den Heimweg vom Bahnhof Thun an den Blumenweg in Dürrenast mutterseelenallein antrat. «Das kann man sich heute fast nicht mehr vorstellen», meint Schwiegersohn Erb. «Als ich ihn am nächsten Tag besuchte, um zu gratulieren, war er dabei, den Gartenzaun fertig zu streichen, weil er vor der Olympiade nicht mehr dazu gekommen war.» Es erstaunt daher nicht, dass Bescheidenheit eine der Haupteigenschaften ist, die Hans Moser in Artikeln zugeschrieben werden. So titelte «Der Schweizer Kavallerist» im August 1948: «Ein Reiter, der viel zu bescheiden ist, um zuzugeben, dass er zu den bedeutendsten Künstlern im Sattel zählt.» (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 06.08.2012, 07:20 Uhr

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