Thunersee-Plankton ist an Missbildung der Felchen schuld

Thun

Das Plankton und nicht die Munition im Thunersee ist verantwortlich für die missgebildeten Fortpflanzungskeimdrüsen der Felchen. Warum das so ist, bleibt aber nach wie vor ein Rätsel. Doch die Forscher geben nicht auf.

Forschung auf dem Thunersee: David Bittner untersucht eine Felche. Im Hintergrund Kurt und Edith Klopfenstein, Berufsfischer aus Faulensee.

Forschung auf dem Thunersee: David Bittner untersucht eine Felche. Im Hintergrund Kurt und Edith Klopfenstein, Berufsfischer aus Faulensee.

(Bild: zvg)

Vor zehn Jahren wurden im Thunersee zum ersten Mal Felchen gefangen, deren Gonaden (Keimdrüsen) Missbildungen aufwiesen. Die Tiere können sich zwar fortpflanzen, doch die Deformationen beschäftigten Fischer und Forscher dennoch. Eine These war, dass die Munition dafür verantwortlich sei, welche die Armee während Jahren im See versenkt hatte. Ein neue Studie hingegen ergibt keine entsprechenden Hinweise für einen solchen Zusammenhang.

Neun Jahre Arbeit

Die beiden Biologen David Bittner und Daniel Bernet haben sich dem «Rätsel vom Thunersee» – so der Titel ihrer Abhandlung – in den letzten neun Jahren intensiv gewidmet und dabei mit Berufsfischern und Behörden zusammengearbeitet. «Wir haben herausgefunden, dass das Zooplankton des Thunersees bei der Entstehung der Missbildungen eine entscheidende Rolle spielt», fasste Bernet im Gespräch mit dieser Zeitung die Arbeit zusammen. Beim Plankton handelt es sich um winzige tierische Organismen, die im Wasser schweben und den Felchen als Nahrung dienen.

Keine Erbkrankheit

In einer mehrjährigen Versuchsreihe zogen sie junge Felchen bis zur Geschlechtsreife an verschiedenen Standorten auf und fütterten sie entweder mit Plankton aus dem Thunersee oder mit kommerziellem Fischfutter. Resultat: Tiere, welche mit Plankton gefüttert wurden, entwickelten die Missbildungen, während diejenigen die das kommerzielle Fischfutter frassen, normal blieben. Auch die Nachkommen von Felchen mit normalen Gonaden aus anderen Seen zeigten dieselben Missbildungen wie ihre Artgenossen aus dem Thunersee, nachdem sie mit Plankton aus dem Thunersee gefüttert wurden. «Daraus folgt, dass die Gonaden-Missbildung keine Erbkrankheit ist», sagt Bernet. «Dieses Plankton scheint einen Einfluss auf das Immunsystem zu haben», so Bernet.

Aufgrund weiterer Versuche konnten die beiden Forscher ausschliessen, dass hormonaktive Stoffe im Wasser der Auslöser für die Veränderung waren. Und wie steht es mit der Munition, die noch immer in rauen Mengen auf dem Grund des Thunersees liegt? Auch diese Frage haben Bernet und Bittner untersucht. Dazu haben sie Felchen-Eier unter Laborbedingungen sowohl auf Sedimenten (Ablagerungen) aus dem Thunersee als auch auf Sedimenten, die mit dem Sprengstoff TNT angereichert wurden, ausgebrütet. Die kleinen Fischlein haben sie nach dem Schlüpfen in Trinkwasser aufgezogen und mit kommerziellem Fischfutter gefüttert. Resultat: «Es gibt keinen Hinweis, dass Sprengstoff während der Eiphase zu einer unerwünschten Gonadenentwicklung führt», betont Bernet.

Was sind die Unterschiede?

Dass das spezifische Thunersee-Plankton für die Gonaden-Missbildung der Felchen verantwortlich ist, ist zwar eine bahnbrechende Erkenntnis. Doch damit hat es sich noch lange nicht. «Wir wissen nämlich noch nicht, was die Unterschiede zum Plankton aus anderen Seen sind. Es gibt keine grossen Unterschiede in der Zusammensetzung des Planktons im Thuner-, Brienzer- und Bielersee», sagt Bernet. Er und Bittner haben vier Thesen aufgestellt: «Es kann sich um eine unerwünschte stoffliche Komponente handeln, die sich in der Nahrungskette anreichert. Aber auch Mangelerscheinungen , unbekannte infektiöse Erreger oder Autoimmunerkrankungen kommen in Frage.» Bisher konnten sie aber keine der Thesen verifizieren. Doch die Forschung geht weiter.

Bis das Rätsel um das Thunersee-Plankton gelüftet ist, können keine Massnahmen ergriffen werden, damit sich die Fische wieder normal entwickeln. Aber es gibt ja auch keinen Zeitdruck. «Die Populationen der Brienzlig, die von den Gonaden-Veränderung hauptsächlich betroffen sind, sind zum Glück nicht kleiner geworden», hält Bernet fest.

Thuner Tagblatt

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