Thun

Taubenexperte: «Tötungsaktionen lösen das Problem nicht»

ThunDer Taubenexperte Daniel Haag-Wackernagel hält das Thuner Taubenkonzept, welches die Einschläferung von rund 150 Tauben jährlich vorsieht, für «einen Denkfehler».

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Dass die Stadt Thun jährlich 150 bis 200 Tauben einschläfert, um der Überpopulation Herr zu werden, gefällt nicht allen: Der Verein Wildtierschutz Schweiz und die Thuner Tierschützerin Ruth Gerber-Balmer setzen alles daran, dass diese Tötungen, die sie als sinnlos erachten, sofort aufhören.

Auch der renommierte Biologieprofessor Daniel Haag-Wackernagel vom Departement Biomedizin der Universität Basel, der diverse Forschungsprojekte zur Kulturgeschichte, zur Ökologie, zum Verhalten und zur Epidemiologie der Taube durchgeführt hat, zeigt sich äusserst kritisch gegenüber dem Thuner Taubenkonzept: «Massnahmen, die auch die Fütterung der Tiere beinhalten, sind vorneweg zum Scheitern verurteilt», sagt der Fachmann, der mithalf, die Taubenpopulation in Basel zu reduzieren. «Denn wenn genügend Nahrung vorhanden ist, wächst jede Population. Das haben wir insbesondere bei der Taube nachweisen können.»

«Macht so keinen Sinn»

Auch das Töten von Tieren ist laut Haag-Wackernagel kein Instrument zum Regulieren des Bestandes: «Was die Stadt Thun macht, also das gleichzeitige Füttern und Einschläfern von Tauben, ist das Kontraproduktivste, was man überhaupt machen kann.» Denn die Tiere würden daraufhin einfach pausenlos zu brüten beginnen, bis der anfängliche Bestand wieder erreicht sei. Zudem flögen umso mehr neue Tiere zu. «Tötungsaktionen bringen nur vorübergehend Erleichterung, das Problem lösen sie aber nicht», fasst Daniel Haag-Wackernagel zusammen.

Der Experte nennt aber gleichzeitig Fälle, wo es durchaus Sinn mache, Tauben einzuschläfern: «Wenn sich Strassentauben zum Beispiel in Spitälern ansiedeln, sollten die Tiere wegen der Gefahr von Krankheitsübertragungen auf die Patienten eingefangen werden.» Euthanasierungen, wie sie der Taubenvater der Stadt Thun durchführe, seien schliesslich auch dann sinnvoll, wenn die Tiere dank vorangehender Aufklärungsmassnahmen weniger durch die Bevölkerung gefüttert würden: «Damit kann verhindert werden, dass die Tiere hungern müssen.» Daniel Haag-Wackernagel stört sich auch am Begriff Taubenvater: «Das ist eine unpassende Bezeichnung für jemanden, der seine ‹Kinder› tötet.»

«Bastelei am Ökosystem»

Der Biologe kritisiert zudem den Vorschlag der Tierschützerin Ruth Gerber-Balmer und des Vereins Wildtierschutz Schweiz, die derzeit Thuner Liegenschaftsbesitzer suchen, welche Tauben beherbergen und pflegen. Denn auch dieses System beruht darauf, dass die Tiere gefüttert werden: «Das Konzept wurde in vielen deutschen Städten angewandt. Ein wissenschaftlicher Erfolgsnachweis konnte aber nie geliefert werden», sagt Daniel Haag-Wackernagel. «Es handelt sich wie beim städtischen Konzept um einen Denkfehler.»

Laut Haag-Wackernagel ist es nie sinnvoll, an einem Ökosystem rumzubasteln, und das geschehe bei beiden Konzepten: «Wenn man das Problem grundsätzlich lösen will», so der Experte, «muss man der Frage nachgehen, wovon sich die Tiere ernähren, und schliesslich dafür sorgen, dass sie weniger davon erhalten.» So würden zum Beispiel in Luzern Sozialarbeiter mit Menschen sprechen, welche Tauben fütterten, und sie auf die Konsequenzen hinweisen.

Gleichzeitig seien aber Beobachtungen und Zählungen der Tiere zum Beispiel im Rahmen einer Diplom- oder Masterarbeit nötig: «Denn nur so lassen sich fundierte Schlüsse ziehen. Alles andere führt zu keinem Erfolg», zeigt sich Daniel Haag-Wackernagel überzeugt. (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 04.07.2014, 09:49 Uhr

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