Dem Publikum den Spiegel vorgehalten

Thun

Das Kunstmuseum Thun befasst sich mit Spiegelbildern in Kunst und Medizin: Die Ausstellung «Mirror Images» zeigt sowohl künstlerische Arbeiten als auch wissenschaftliche Experimente und kuriose Objekte.

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Mitten in der Antarktis, 1600 Kilometer von der nächsten Station entfernt, spürte der russische Chirurg Leonid Rogozow heftige Schmerzen im Unterbauch. Wenn er keinen Blinddarmdurchbruch erleiden und sterben wollte, musste er handeln. Mithilfe eines Spiegels operierte sich der Chirurg und Polarforscher im Jahr 1961 selbst – und überlebte. Alessandra Pace weist auf das kleine Foto, das den 27-Jährigen beim Operieren zeigt: «Das Foto hat uns freundlicherweise sein Sohn zur Verfügung gestellt.»

Schimmernde Spiegel aus Vulkangestein

Zwei Tage vor der Eröffnung von «Mirror Images» wird noch fleissig gewerkelt. Der ungarische Künstler Attila Csörgo ist soeben eingetroffen, um sein Spiegel­kabinett mit Kameras zu errichten, und berät sich mit Simon Stalder von der Technik, während sein Kollege Dominik Müller eine Stehleiter hinauswuchtet.

Die ersten Spiegel aus Vulkangestein, die Archäologen in Anatolien ­fanden, werden auf 6000 v. Chr. datiert, erklärt die Kuratorin. Es seien Relikte, mit denen die ­Menschen mit Göttern kommuniziert hätten, fährt sie fort und überreicht einen spiegelglatten schwarzen Stein, der das Gesicht weich zeichnet. Daneben liegen ausgeschaltete iPads. «Ich beobachte immer wieder, dass Frauen diese als Schminkspiegel benutzen», erzählt die Gastkuratorin amüsiert.

Es stelle sich die Frage: Wo fange ich an? Wo höre ich auf? Künstler würden sich mit dem Zwischenraum von Mensch und Spiegel beschäftigen. Ein antiker stattlicher Schrank lehnt schräg an einer Spiegelwand. Der Künstler Jorge Macchi nennt seine Installation «Rendezvous». «Der Schrank hat eine amouröse Begegnung mit seinem Spiegelbild», bemerkt Pace und lächelt.

Zahlreiche Fotografien an ei­ner Wand zeigen eine junge Frau in unterschiedlichem Ambiente. Die Fotokünstlerin DER Sabina litt unter Panikattacken. Einmal verbrachte sie einen halben Tag bewegungslos auf einer Bahnhoftreppe. Um ihre Krisen zu überwinden, begann sie damit, Aufnahmen von sich während dieser Anfälle zu machen.

Aus elf Fernsehmonitoren erscheinen Frauen wie Männer, die ein und dieselbe Aufgabe hatten: Sie durften nicht lachen! Ob das gelingt, weiss jeder, der in der Schule mal vergeblich sein Lachen unterdrücken wollte. Wie Hamlet den Totenschädel hält der Künstler Adib Fricke auf einem Plakat sein eigenes Hirn in der Hand. Natürlich nur eine Kopie, die durch Scan und 3-D-Drucker möglich war.

Spiegel lassen Schmerzen verschwinden

«Hier mal die linke Hand rein­halten und die rechte auf gleicher Höhe draussen», fordert Pace auf. Der äussere Spiegel am Kasten suggeriert, dass sich im Kasten die gleiche Hand spiegelverkehrt befindet. Der Verhaltensneuro­loge Vilayanur S. Ramachandran arbeitet bei der Erforschung von Neuroplastizität mit Spiegeln. Er entwickelte als Erster die Therapie «Mirror Visual Feedback» zur Behandlung von Patienten, die unter Phantomgliederschmerzen leiden. Wird ein gesundes Glied an die Stelle des fehlenden gespiegelt, leiten Patienten an ihr Hirn die visuelle Botschaft, ihr fehlendes Glied sei gesund.

Der erste Augenspiegel aus der Mitte des 19. Jahrhundert liegt recht unspektakulär in einer Glasvitrine. Umso spektakulärer erwies sich die Erfindung von Hermann von Helmholz. «Sie ermöglichte Ärzten zum ersten Mal, ohne Skalpell ins Innere eines Menschen zu sehen. Zu ihnen gesellten sich Aquarellmaler, die das Gesehene auf Papier brachten», schildert die Kuratorin.

Vom Schimpansen-Interview bis zur intimen Illusion

Einer der ersten Fernsehempfänger kann an der Ausstellung bestaunt werden. Zahlreiche Videoinstallationen vom erstaunlichen Selbstinterview über Schimpansen und ihrem Spiegelbild bis zur intimen Illusion laden zum Schmunzeln oder Gruseln ein. In einem Raum ist in einer 26-minütigen Sinnesshow nachempfunden, was sich im Gehirn während des Schlafs abspielt. Die Ausstellung nimmt auf eine spannende Reise mit, die in die Welt der Spiegel und zu sich selbst führt.

Rundgänge durch die Ausstellung für Schulen nach Vereinbarung. Anmeldung unter kunstvermittlung@thun.ch oder Tel. 033 225 84 20. Allgemeine Information online unter www.kunstmuseumthun.ch

Werke folgender Künstler sind in «Mirror Images» zu sehen: Vito Acconci, William Anastasi, Christian Andersson, John Baldessari, Attila Csörgö, Marta Dell’Angelo, DER Sabina, Livia di Giovanna, Annika Eriksson, Thomas Florschuetz, Adib Fricke, Hreinn Fridfinnsson, Dan Graham, Carla Guagliardi, Paul Le Grand, Jorge Macchi, Dalibor Martinis, Bjorn Melhus, Michelangelo Pistoletto, Richard Rigg, Otavio Schipper / Sergio Krakowski, William Utermohlen.

Thuner Tagblatt

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