Thun

Söiblaatere und Hiebe im Mondenschein

ThunDer Mond sieht aus wie ein Gipfeli in dieser Ausschiesset-Nacht. Doch Montags um 4 Uhr früh aufzustehen, da hilft wohl auch kein Gebäck-Mond; es sei denn, es gilt dem Fulehung zu begegnen – eine Premiere für eine Auswärtige.

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Noch eine gute halbe Stunde, bis er kommt. Doch am Berntorplatz skandieren bereits junge Männer mit Bierbecher und selbst geformten Zigarettentüten lauthals: «Fule-hung-hung!» Dieses Wort Fulehung lässt sich offenbar prima mit schwerer Zunge aussprechen – sehr praktisch.

Das Strassenbild Richtung Rathausplatz ist geprägt von überwiegend jungen Menschen, die sicherlich später mit ihrem Schlafrhythmus aus dem Takt kommen werden. Doch das interessiert im Moment niemanden. Kapuzenshirts mit Rückenaufschrift «Warum sind die schönen Tage so schnell um?» zeugen von der uneingeschränkten Leidenschaft für den Ausschiesset.Auf dem Rathausplatz treffen neben den Nachtschwärmern jetzt auch ausgeschlafene kleine und grosse Fans der Thuner Tradition ein.

Ein kleiner Junge thront auf den Schultern seines Vaters und schreit ihm ins Ohr: «Wenn chunnt er de?» Der Filius wird aufgeklärt: «Du muesch rüefe, de chunnt er!» Noch sechs Minuten, und jetzt kann man sich kaum mehr bewegen. «Fule-hung-hung, Fule-hung-hung . . .», rufen Hunderte von Menschen wie ein Mantra.

Punkt 5 Uhr schiesst der Ersehnte in die Menge und waltet seines Amtes. «Der hat mir auf den Arsch gehauen», ruft eine junge Frau erstaunt, die offensichtlich hier ihre Ausschiesset-Premiere feiert. «Hoffentlich gibt das keine Striemen», macht sie sich Sorgen. Sobald der Fulehung mit seiner Entourage durch die Menschenmenge fräst, setzt sie sich in Bewegung.

Helles Gekicher und spitze Schreie kennzeichnen die Orte, wo das furchteinflössende Geschöpf mit Söiblaatere auf Köpfe drischt oder mit dem Schyt so manchem Allerwertesten eine Abreibung verpasst. Huch, jetzt kommt er gefährlich nah – und zack – die Schreiberin dieses Textes hat einen Klaps bekommen, aua.

Zum Verschnaufen und um sich in Sicherheit zu bringen, gehts in ein nahe gelegenes Hotel auf einen Kaffee. Von wegen Sicherheit: Der Fulehung stürmt ins Restaurant, bevor der Kaffee kommt. Schützend legt eine blonde Frau die Arme um den Kopf ihres Göttibuben. «Loslassen!», befiehlt der Gehörnte. Zögernd zieht sie die Arme weg – und bekommt die Schweinsblasen selber übergezogen.

Der Traditionssportler braucht eine Pause und zieht die Maske ab, um ein Wasser zu trinken. Aus dem liebenswerten Berserker wird Fulehung-Darsteller Christian Mani, der ganz friedlich aussieht. Doch kaum hat er die Maske wieder auf, findet er sein nächstes Opfer. Dann posiert er mit einem Jungen für ein Foto, wünscht noch einen schönen Ausschiesset und – wusch – verschwindet er wieder in die Gassen Thuns.

Jetzt hat der Fulehung wieder alle Söiblaatere voll zu tun, denn er bahnt für das Kadettenkorps den Weg, das sich zur Tagwache in Bewegung setzt und mit Trommelwirbeln und schmissiger Weise die Obere Hauptgasse vibrieren lässt. Die Massen säumen nun das Bälliz.

Am Waisenhausplatz wird nochmals halt zum Musizieren gemacht. Gut möglich, dass Marschmusik früher ähnlich gewirkt haben muss wie heute Techno. Ein junger Mann bewegt sich jedenfalls im Shuffle-Style zu den Trommeln der Kadettinnen und Kadetten, und das sieht genial schräg aus.

Zur feierlichen Fahnenübergabe gehts wieder auf den Rathausplatz, wo nun auch der Tell und der Schwiizermaa beiwohnen. Das Korps setzt sich zum nächsten Umzug in Gang. Der Mond hat sich schlafen gelegt, und das Tageslicht zeigt emsige Menschen, die per Bus, Auto oder zu Fuss zur Arbeit eilen. Ein Mann stützt seinen torkelnden Kollegen, bei dem sich der Fule-hung-hung sicherlich bald in einen Kater verwandelt.

(Thuner Tagblatt)

Erstellt: 26.09.2016, 20:36 Uhr

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