Seit Dienstag schlagen die «Fulehung-Mörder» zu

Thun

Am Dienstagabend feierte «Tatort Thun – Dr Fall Fulehung» der Thuner Schlossspiele Premiere. Die Uraufführung des Stücks von Autor und Regisseur Ueli Bichsel verwebt Ur-Thuner Themen in einen spannenden Krimi.

Klaus Schenker (Christian Hirschi) wird unter dem Rondell auf der Schlosstreppe, dem «Himmeli», gleich von zwei Fulehüng angegriffen. Das Theater-Publikum ist hautnah dabei.

Klaus Schenker (Christian Hirschi) wird unter dem Rondell auf der Schlosstreppe, dem «Himmeli», gleich von zwei Fulehüng angegriffen. Das Theater-Publikum ist hautnah dabei.

(Bild: Markus Hubacher)

Marco Zysset@zyssetli

Kurt Moser (Daniel Niedermann) und Regula Eggenberg (Tina Straubhaar) haben sich nie gemocht. Die Aufklärung der Fulehung-Morde lässt die beiden zu erbitterten Feinden werden: Dass Moser bei seinen Recherchen schneller vorankommt als sie selber, passt der ehrgeizigen Kommissärin der Thuner Kriminalpolizei gar nicht. Kein Wunder, gerät der Journalist des «Thuner Tagblattes», der zusammen mit Fotograf Wädi Friedli (Urs Badertscher) in der Regel eher am Tatort ist als die Ermittler, in deren Visier.

Alles, was ein Krimi braucht

«Tatort Thun – Dr Fall Fulehung» hat alle Ingredienzen, die ein guter Krimi braucht. Gestern Abend feierte das Stück des Thuner Autors und Regisseurs Ueli Bichsel seine Uraufführung bei der Premiere zur diesjährigen Spielzeit der Thuner Schlossspiele. Im Stationentheater entführt das Ensemble die Besucher auf dem Weg vom Schlosshof bis ins Rathaus in die scheinbar unschuldige Welt einer Klassenzusammenkunft; eine Welt, in der sich beim genauen Hinschauen aber tiefe Abgründe auftun. Bald wird klar: Es ist kein Zufall, dass mit Rolf Camenzind (Andreas Schibler), Martin Grossen (Urs Künzi) und Klaus Schenker (Christian Hirschi) ausgerechnet drei Männer aus der jubilierenden Klasse den Fulehung-Mördern zum Opfer fallen.

Dass sich Ueli Bichsel gewagt hat, in das Fulehung-Kleid einen Stoff um eine Mordserie zu weben, mag manchen Ausschiesset-Traditionalisten sauer aufstossen. Den Gehörnten als Mörder darzustellen, grenzt an Sakrileg. Im Programmheft schreibt Regisseur und Autor Bichsel denn auch: «Da der Fulehung in Thun fast den Status eines Stadtheiligen hat, war es klar, dass der Autor besonders sensibel mit dieser sagenumwobenen Figur umzugehen hat.»

Mit viel Fingerspitzengefühl hat er diesen Umständen tatsächlich Rechnung getragen. Die Fulehüng in «Tatort Thun – Dr Fall Fulehung» treten ohne Glöcklein an Hörnern und Gewand sowie ohne «Söiblaatere» auf. Die Kostümierung der Hauptfiguren sei bewusst so gestaltet, dass sie eher wie eine schlechte Kopie wirke als wie ein sorgfältig gestaltetes Imitat, betonte Bichsel schon im Vorfeld.

Theater nur für Thuner?

«Tatort Thun – Dr Fall Fulehung» fesselt zweifellos auch Nicht-Thuner. Die Grundthematik der späten Rache für einst erfahrene Demütigungen fesselt unabhängig vom Ort des Geschehens. Die filmähnliche Inszenierung mit Rückblenden, Zeitlupen und einem unter Umständen etwas verwirrenden Schluss lassen den Theaterbesuch zu einem spannenden und dank vielen historischen Informationen zur Fulehung-Geschichte lehrreichen Abend werden.

Doch «Tatort Thun – Dr Fall Fulehung» ist und bleibt am Ende in erster Linie ein Thuner Stück. Wenn Moser posaunt «Dr Tägu isch heilig» oder wenn die Klassenkameraden in der Oberen Hauptgasse lautstark ihrem Ärger über die Schliessung der Selve-Partymeile und die Politiker, die sämtliches Nachtleben aus Thuns Innenstadt verbannen wollen, Luft machen, dann sind das feinfühlig platzierte Anspielungen auf Ur-Thuner Themen. Auch der Umstand, dass ausgerechnet im Thuner Wahljahr 2010 eine Stadtpräsidentin zur Medienkonferenz lädt, dürfte vor allem den Thuner Zuschauern ein zusätzliches Lächeln übers Gesicht huschen lassen.

Lachen trotz viel Tragik

Es gelingt dem Regisseur und dem Ensemble, einen unterhaltsamen Theaterabend zu kreieren. Es darf herzhaft gelacht werden, trotz der Tragik, die hinter den Fulehung-Morden steckt. Es darf gerätselt und gegrübelt werden – und die Zuschauer dürfen die einzigartige Stimmung der Originalschauplätze geniessen.

Die Schauspieler leben ihre Rollen innig und mit viel Herzblut. Moser gelingt alles, und entsprechend selbstbewusst tritt der Journalist auf. Die unterschiedlichen Charaktere in der Jubiläumsklasse sind mit viel Feingefühl besetzt; neben der Draufgänger-Clique um Camenzind, Grossen und Schenker gehören präzis gezeichnete Figuren wie Mitläufer Alain Racine (Markus Wey), Streberin Beatrice Hodler (Evelyne Schneider), Partykönigin Monika Brechbühl (Andrea Sandra Aeberhard), Landei Natalie Nydegger (Christine Mosimann) oder das vermeintliche Mauerblümchen Jolanda Schneeberger (Isabella Zbinden) zum stimmigen Gesamtbild.

Ein ebenso stimmiges Gesamtbild gibt das Ermittlertrio ab: Peter Wey lebt als alter Fuchs Jules Käser auf. Melanie Arnold gelingt es, der jungen Polizistin Cornelia Zwahlen mehr Tiefgang einzuhauchen, als man ihr zutraut, wenn man vernimmt, dass sie einem Mordverdächtigen ein Alibi liefert. Und warum Tina Straubhaar die Eggenberg über weite Strecken scheinbar zu verbissen und zu pathetisch gibt, wird spätestens an der Medienkonferenz im Rathaus klar.

Thuner Tagblatt

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