Seilbahn-Visionär skizziert Skigebiete neu

Berner Oberland

Der kanadische Skigebietsdesigner Paul Mathews hatte die Jungfrauregion unter die Lupe genommen und zeigte ein mögliches Zukunftsszenario auf.

Das Skigebiet Mürren-Schilthorn.

Das Skigebiet Mürren-Schilthorn.

Das Erstaunen war am Montag bei einer ausgewählten Besucherschar etwa gleich gross wie damals vor hundert Jahren, als der Zürcher Textilfabrikant Adolf Guyer-Zeller seine Pläne zum Bau einer Bahn auf die Jungfrau vorgestellt hatte. Der heutige Guyer-Zeller kommt aus Kanada und heisst Paul Mathews. Sein Beruf: Skigebietsdesigner auf der ganzen Welt. Gestern stellte er eine Studie zur Zukunft der Jungfrauregion in den nächsten 40 Jahren vor. Gestern wurde das Papier Politikern, Touristikern und weiteren Entscheidungsträgern vorgestellt.

«Ich fuhr in den vergangenen zwei Jahren Ski in der Region», erzählte der Kanadier auf Englisch. In den vergangenen Jahren hätten die Mitbewerber, allen voran Österreich, viel für ihre wirtschaftliche Zukunft getan. Die Schweiz sei lange Zeit führend gewesen. Aber auf dem Gipfel ruhe man sich bekanntlich gerne aus. Mathews Firma hat in mehr als 20 Ländern gebaut oder umgestaltet und engagiert sich auch für die Olympiade 2014 im russischen Sotschi. In der Schweiz zählen Orte wie Zermatt, Verbier und Davos zu seinen Kunden.

Von Wengen nach Mürren

Paul Mathews bemängelte drei grundlegende Punkte in der Jungfrauregion: 1. Die Anreisezeiten für Skifahrer sind zu lang. Der internationale Durchschnitt der Anreisezeit liege bei zwei Stunden, in der Jungfrauregion könne es bis fast vier Stunden dauern. 2. Der direkte Zugang zu den Pisten fehlt vielerorts 3. Die Skigebiete sind mit Anlagen zu wenig untereinander vernetzt.

Seine Vorschläge, damit die Jungfrauregion in die Zukunft gebracht werden kann, kurz zusammengefasst:

Das Verhältnis zwischen Parkmöglichkeiten, Betten und Zubringeranlagen müsse verbessert werden. In allen drei Gebieten (Mürren-Schilthorn, Kleine Scheidegg-Männlichen und Grindelwald-First) müssten Bahnen ersetzt oder erneuert werden. Auf First soll zudem ein neues Freeridegebiet entstehen, das vom Bachläger aus neu erschlossen wird (siehe Grafik).

  • Neue 8-Personen-Gondelbahn vom Bahnhof Grindelwald nach Bodmi (450 Meter im Tunnel).
  • Neue Gruppenumlaufbahn vom Grund zum Sportzentrum und eine autofreie Dorfstrasse.
  • Neue Zentralbahn (Projekt Ypsilon, 3600 Personen Kapazität pro Stunde) von Grund nach Tschuggen mit Anschluss auf die Scheidegg und Männlichen.
  • Neue Gondelbahn von der Wasserstation in Wengen hinüber zur Winteregg, um die Gebiete Kleine Scheidegg und Schilthorn besser zu vernetzen. «Heute braucht man von Grindelwald bis aufs Schilthorn rund anderthalb Stunden, neu sollte dies in einer halben Stunde machbar sein», erklärte Mathews. Die geschätzten Kosten für sämtliche Anlagen dürften sich nach heutigem Stand auf gut 300 Millionen Franken belaufen. «Aber nur keine Panik, sonst ist alles perfekt», sagt er am Ende seiner Ausführungen lachend. Applaus vom Publikum gab es trotzdem nicht.

Bahn als Touristenattraktion?

In der Heimatstadt von Mathews in Whistler ist eine Schluchten überquerende Bahn (Peak to Peak) bereits realisiert worden. «Mit grossem Erfolg, auch der Sommertourismus hat massiv profitiert.» Die Bettenauslastung wurde besser, teilweise habe es 50 Prozent mehr Gäste gegeben. Davon profitierten auch Geschäfte und Hotels im autofreien Sportort. «Einige Gondeln wurden mit Glasboden ausgerüstet, die Bahn führt über eine gut 450 Meter hohe Schlucht und ist eine eigene Tourismusattraktion geworden.»

Vorschläge bereits realisiert

Grindelwalds Gemeindepräsident Emanuel Schläppi erklärte, der Vorschlag von Mathews sei ein Blick in die Zukunft, ohne auf Einzelinteressen Rücksicht zu nehmen. Die Studie sei durch die Gemeinden Lauterbrunnen und Grindelwald initiiert worden. Ein Zuhörer wollte wissen, wie es denn nun weitergehe. Schläppi erklärte, dass Teilaspekte bereits eingeflossen seien. Etwa mit der Erhöhung der Kapazität in der obersten Sektion der Firstbahn. Und auch die Pistenverbindung von der Bodmi in den Grund sei ein Thema. Zudem müsse bei der nächsten Zonenplanrevision der Stimmbürger auch zur Zukunft des Tourismus Stellung nehmen. «Denn wir leben zum grössten Teil vom Tourismus.»

Der anwesende CEO der Jungfraubahnen Urs Kessler kommentierte die Ausführungen von Mathews anschliessend folgendermassen: «Es ist ein Projekt für die nächste Generation. Es geht darum, dass wir konkurrenzfähig bleiben.» Und es könne nicht weiter angehen, dass man aus den Sommererträgen der Jungfraubahn wie bisher den Wintertourismus quersubventioniere.

Eine anwesende Vertreterin der Stiftung Landschaftsschutz mahnte davor, Kanada als grosses Vorbild zu nehmen. «Ein Verkaufsargument für den Tourismus im Winter, aber auch im Sommer ist doch auch die intakte Landschaft», sagte sie. Gegen die Erschliessung mit neuen Bahnen in bisher unberührten Landschaften werde man sich wehren, die Gondelbahn von Wengen nach Mürren bezeichnete sie als «utopisch».

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