Thun

Romeo und Julia im Selfie-Zeitalter

ThunEmotionale und rockige Songs, ein schriller Maskenball, heftige Kampfszenen und wilde Sprünge mit dem Bike, eine Prise Erotik und eine dramatische Liebe: Die moderne Inszenierung von «Romeo & Julia» der Thunerseespiele feiert am Mittwoch Premiere.

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Leicht gebeugt und leichenblass schlurft der Bettler in zerlumpten Kleidern am vorderen Rand der Bühne vorbei. Ein Schatten der Groteske. Ein Vorbote des Schicksals, das den Tod bringen wird. Derweil erzählt der Staatsanwalt in schickem Anzug und mit ausladenden Gesten auf der rosaroten Halfpipe der Welt die Realität: «Der Polizeipräsident: gekauft, der Bürgermeister: gekauft, die Carabinieri: gekauft, die Presse: gekauft. Ja und leider auch die meisten Richter – Sie werden es erahnen gekauft!» Kaum sitzt er im Auto und hat den Schlüssel gedreht, explodiert die Bombe in seinem Fiat. Verletzt ist er als Symbol für die Staatsmacht.

Mit diesem Auftakt starten die Thunerseespiele ihre Fassung von «Romeo & Julia», der romantischsten und zugleich zeitlosen Liebe der Weltliteratur. Am Montag feierten sie mit Gästen auf der Seebühne die Vorpremiere; wenn das Wetter wie angesagt hält, eröffnet heute die Premiere den Musicalsommer in Thun offiziell.

Moderne Inszenierung

Die freche und manchmal schrille Inszenierung mit zum Teil auch kitschigen Bildern erzählt zwar William Shakespeares Geschichte um die zerstrittenen Clans Capulet und Montague von 1597 in Verona. Doch die moderne Version des Musicals von 1998 ist nichts für diejenigen, die einzig ein mittelalterliches Verona sehen möchten (vgl. Ausgabe vom Samstag). Auch nicht für diejenigen, welche kein dunkles Drama farbig erzählt haben möchten und keine Handlungssprünge tolerieren. Denn diese sind mit der Kürzung des Musicals um rund ein Drittel unweigerlich entstanden.

Shakespeares über 500-jährige Tragödie wird mit Stilmitteln wie Handy, Skateboard, Baseballmütze, viel Action und erfrischenden Sprechtexten modern erzählt. Die peppige Form ermöglicht Jungen den Zugang zu altem Stoff. Die mutige Versetzung der Tragödie durch den Regisseur Christian von Götz funktioniert, der Zeitsprung in ein fiktives Mafiamilieu der heutigen Zeit zieht sich nahtlos durch die zwei Stunden. Die Parallelen von damals zu heute gewinnen an Aktualität: Mehr Schein als Sein, Lug und Trug, Gewalt und Verrohung der Gesellschaft waren damals und sind heute aktuell.

Ein Auge zudrücken

Einzig bei einzelnen Sequenzen muss ein Auge mit Blick auf die gesamte Inszenierung zugedrückt werden. Es braucht hie und da die Toleranz für gewisse Unstimmigkeiten zur Originalhandlung. Dann etwa, wenn diese keinen Zeittransfer zulassen würde: wie zum Beispiel die Verheiratung einer erst 16-jährigen Veroneserin mit einem Grafen. Oder dass Romeo die Nachricht von Julias todesähnlichem Schlaf zu spät erreicht. Da hätte der Verlust von Romeos Handy zum Beispiel eine Brücke schlagen können.

Vereinzelt wird der Grad der Zuspitzung in die Moderne strapaziert. Etwa dann, wenn Romeo ausgerechnet während der ergreifenden Balkonszene ein Selfie von sich und Julia knipst.

Unzählige Details bieten der Inszenierung wiederum Tiefe und Führung. Wie etwa der Totenkopf auf dem T-Shirt von Tybalt, gespielt vom stimmlich und sportlich starken Philipp Büttner. Daher passend, weil er heimlich in Julia verliebt ist und deswegen den Tod Romeos fordert, jedoch selber bei diesem Kampf stirbt.

Romeo und Julia verinnerlicht

Ob in der Szene der Liebesnacht oder des gemeinsamen Todes, Dirk Johnston (Romeo) und Iréna Flury (Julia) sind schauspielerisch und stimmlich stark. Sie sind ein erfrischend junges, noch unbedarftes Paar – sie als gut 16-Jährige mit Schmetterlingen im Bauch für ihren Herzbuben und der von den Montague-Frauen begehrte und ritterliche Skater Romeo; er, der sich nach der grossen Liebe sehnt und sie in Julia findet. Die beiden haben ihre Rollen in Gestik und Ton verinnerlicht, wie übrigens alle tragenden Figuren – so etwa Kurosch Abbasi (Mercutio) und Kerstin Ibald (Lady Capulet).

Es passt, dass gerade der Kuppler der Nation («Bauer, ledig, sucht»), Marco Fritsche, die Liebestragödie erzählt. In drei Sequenzen im Stück ordnet er als Staatsanwalt für das Publikum das Geschehen ein. Allerdings würde das Konzept genauso mit der Offstimme analog dem Original von Gérard Presgurvic für die Rolle des Erzählers funktionieren. So, wie es wegen Fritsches andersweitiger Engagements vom 26.Juli bis zur Derniere auf der Seebühne am 22.August ohnehin der Fall sein wird.

Der Bettler und die Amme

Speziell erwähnenswert sind insbesondere zwei Rollen: die dramaturgische Figur des Bettlers und Todes, brillant verkörpert durch Steffen Häuser, der in einer Doppelrolle auch gleich Pater Lorenzo spielt. Gänsehaut erzeugt vor allem der Akt beim inbrünstigen Lied über die Angst, in der er Romeo als dessen Schatten wie eine Marionette bewegt und dem Montague-Sohn buchstäblich im Nacken sitzt.

In wegweisenden Situationen taucht der Bettler auf. Etwa dann, wenn er Romeo den Schlagstock hinhält, mit welchem dieser Tybalt erschlagen wird. Oder wenn er dem verzweifelten Romeo die Giftflasche hinhält, deren Inhalt sich der Verbannte gleich darauf einflösst, um seiner Julia in den vermeintlichen Tod zu folgen.

Auch Julias Amme, meisterlich interpretiert von Katja Berg, ist genial und köstlich mitzuerleben. Als Vermittlerin zwischen zwei Welten balanciert sie mit Humor und Weisheit durch die Geschehnisse und verbündet sich mit Julia, ihrer Prinzessin. Der Akt, in welchem sie sich auf der Suche nach Romeo der Montague-Clique stellt, ist einer der Höhepunkte des Musicals.

Nackte Männerpos

Die wohl speziellste und zugleich hinreissende Glanznummer ist der schrille Barbieball, bei dem sich Romeo und Julia verlieben. Mit diesem karikiert der Regisseur das Universum der Capulets, in der die Frau zur Puppe des Mannes wird. Eine grotesk wirkende Welt in Pink, in der Männer und Frauen in Barbiekleidern und Stöckelschuhen zu rockigem Sound tanzen.

Am Horizont der Halfpipe umrahmt eine aufgerichtete, riesige dunkelrosafarbige Herzform die überzeichnete Maskenparty. Den Schlusspunkt der Karikatur setzen nackte Männerpos und ein beeindruckender Ballettsprung von Joe Monaghan aus dem Ensemble.

Temporeiche Choreografien mit teilweise auch erstarrten Szenerien, wilde Kampfszenen und waghalsige Bikesprünge, die von zwei Bikern der Flying Metal Crew um Jérôme Hunziker ausgeführt werden, reissen mit.

Dynamik in der Halfpipe

Das gewählte Bühnenbild mit der Halfpipe in Rosa und Hellblau bettet sich in die Farben und Formen der Landschaft ein. Dabei wird die Halfpipe optimal bespielt und bietet dem Stück die angestrebte Dynamik. Sportlich sind definitiv die steilen Aufstiege zu den Seiten, welche für die Häuser der Capulets und Montagues stehen. Sie können nur mit Seilen, Fahrrädern oder knapp mit einem Sprint erreicht werden.

Wo die Barbies soeben noch temperamentvoll getanzt haben, nimmt das Drama im Verlauf des Stückes seinen Lauf. Aus dem Spiel wird Ernst. Das feurige Finale sei an dieser Stelle nicht verraten. Einzig der parallel dazu verlaufende Schlusspunkt, den der Bettler setzt. Seine Aufgabe als Schicksalsverwirklicher ist erfüllt. (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 08.07.2015, 09:48 Uhr

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