Thun

Premierenpublikum von «Aida» trotzte dem Regen

ThunDas Musical «Aida» wurde an den Thunerseespielen trotz des Regens und der Kälte durchgespielt. Das Premierenpublikum litt mit Aida und Radames und freute sich über das Happy End.

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Ich stellte keine Frage, liess keine Zweifel zu. Die Welt gefiel mir, wie sie war (dieses und folgende sind Liedzitate von Radames).

Der Bus hält in der Wüste, wenige Meter von der Sphinx entfernt. Ein paar Touristinnen und Touristen steigen aus, knipsen Bilder und folgen ihrer Reiseleiterin, die über das alte Ägypten erzählt. Eine quirlige Frau mit brauner Lockenmähne kichert über die Leichtigkeit dieses Augenblicks und bittet einen jungen Mann, sie zu fotografieren. Ihre Blicke treffen sich, und es ist, als ob die Zeit kurz stillstehen würde. Irritiert und zugleich berührt von der Magie dieser Begegnung, steigen sie die Treppen der Sphinx hoch und verschwinden in ihr.

Sofort beginnt die Statue, sich zu bewegen. Die eine Hälfte gleitet nach links, die andere nach rechts. In der Mitte gibt sie die Bühne frei und offenbart die Vergangenheit – eine Geschichte über Liebe, Macht und Verrat. Eine, die auch heute noch erschreckend aktuell ist.

Vergewaltigung zum Auftakt

Wer hätt gedacht, dass ich mal tiefer seh? Nicht ich, ich nicht. Dass ich mal fürchte, jemand sagt zu mir: Nicht ich.

Aus dem Nichts tauchen die Ägypter auf und überfallen die Nubierinnen. Gewalt, Schreie, Massenvergewaltigungen, dramatisch die Musik. Inmitten des Tumults kämpft eine gelb gekleidete Nubierin mit brauner Lockenmähne. Kühn verteidigt sie sich, bald hält sie einem Krieger dessen Schwert an den Hals und konfrontiert den jungen Heerführer Radames (Jörn-Felix Alt) mit ihrer Geisel. Die zierliche Patricia Meeden gibt als Aida gleich den Ton an. Die Berlinerin mit kubanischen und dänischen Wurzeln ist im Musical der Thunerseespiele nicht nur die zentrale, sondern auch die herausragende Figur. Dank Charisma und Stimmkraft verkörpert sie mit Leib und Seele zwei Stunden lang die nubische Prinzessin. Ihrer Ausstrahlung kann sich auch Radames nicht entziehen, er verliebt sich trotz seiner anderen Herkunft in sie.

Mit ihr folgt die Veränderung

Verzeih mir! Ich mach so viel verkehrt. Es scheint alles falsch, was ich sage und tu. Ich will weder reich sein noch mächtig, was ich wirklich will, das bist du.

Aida ist mutig, weise und stolz, sie schaut und handelt mit dem Herzen und lebt vor, wie die Kraft und Weisheit der Liebe alles erschaffen kann. Mit ihrer Versklavung und Gefangenschaft beginnen sich die Menschen, die ihr Volk erobern und töten, zu verändern und zu reifen – insbesondere Radames selbst und auch seine künftige Braut. Einzig Radames Vater Zoser (Armin Kahl, wunderbar bösartig und durchtrieben) verharrt in seiner blinden Machtgier. Er lässt den Pharao (Thomas Wissmann) vergiften und arrangiert die baldige Heirat seines Sohnes mit Amneris (Sophie Berner).

Sophie Berner überzeugt mit ihrer Stimme und ihrem darstellerischen Können ebenfalls. Sie entwickelt sich trotz der vergleichsweise wenigen Auftritte glaubhaft von der tussihaft tänzelnden und verwöhnten Pharaonentochter in eine reife Gebieterin.

Acht Nationen vereint

Alles, was ich will, bist du; doch dich darf ich nicht sehn. Manchmal wünsch ich mir beinah, ich hätte nie gespürt, wie tief Liebe gehen kann.

Die Seespiele haben für diese Saison ein Broadwaystück gewählt, das ihre Zukunft vorläufig auf eine sichere Seite bringen könnte. Die Inszenierung des Musicals, das sich an Verdis Oper und in der Musicalversion an die Buchvorlage von Linda Woolverton, Robert Falls und David Henry Hwang anlehnt, ist solide und gelungen. Und wer Opern liebt und Musicals nicht, liegt ohnehin falsch, von einem Musical eine Oper zu erwarten. Für diese Überzeugung sorgen die drei hervorragenden Protagonisten und das tanzstarke Ensemble, das sich aus Personen mehrerer Hautfarben und aus acht Nationen zusammensetzt.

Die eindrücklichen Kostüme (Heike Seidler; es sind um die 190 Stück) unterstreichen die Geschichte optimal, und das schlichte Bühnenbild (Karel Spanhak) mit der gelben Bemalung vermittelt treffend das Gefühl der Weiten der Wüste. Die Choreografie (Christopher Tölle) ist besonders der Massenszenen wegen eine Augenweide, Elton Johns Musik ist rockig und dramatisch, passend zum Verlauf des Schicksals von Aida und ihrem Volk, das seit über 5000 Jahren vor unserer Zeitrechnung Spuren hinterlässt.

Während die Sklaven einer Kulisse gleich im Hintergrund unter Peitschenhieben Stein um Stein zu einer Pyramide auftürmen, ereignen sich im Vordergrund die Geschehnisse jener Zeit. Die Bösen tragen Schwarz, die Guten Weiss. Mit jeder Minute, in der das Tageslicht mehr schwindet, gewinnt das Stück an Kraft (Lichtdesign Serge Schmuki). Die Farben der Scheinwerfer, das Schattenspiel der Figuren, alles verstärkt die Tragödie um Radames, Amneris und Aida – und das Leid ihres Volkes.

Regisseurin Katja Wolff gelingt es, mit einigen Gags in der ersten Hälfte das sich anbahnende Schicksal aufzulockern, und sie lässt die Figuren so agieren, als ob sie in der heutigen Zeit lebten. Nicht fehlen darf – wie bei Musicals üblich – eine schrille Glitzer-Glamour-Kitschszene, ebenso wenig eine Prise Erotik und Exotik. Im zweiten Teil entfaltet sich dann die Tragödie.

Das Leid ist förmlich spürbar

Jeder irrt durch das Dunkel der Welt, jeder wächst durch Schmerz und Not. Zwei, die Liebe zusammenhält, schreckt kein Leid und trennt kein Tod.

Eine der ergreifendsten Szenen ist der «Manteltanz». Aus ihren farbigen Kleidern haben die Nubierinnen für Aida einen Mantel genäht. Er trägt ihre Hoffnungen weiter, und als sie ihn ihrer Prinzessin anziehen, damit sie ihres Amtes waltet und ihr Volk rettet, sind das Leid und die Erwartungen förmlich greifbar. Zugleich wird das Gewand zu Radames’ und Aidas Nest in ihrer Liebesnacht, wie auch ein Zeichen der Verbundenheit zu ihrem Volk. Auch der Tanz der Zuversicht, in der die Nubier Aida mit Fackeln die Kraft der Sonne überreichen, wird in der Nacht zum mitreissenden Geistertanz des Feuers. Gestern allerdings blies der Wind die Fackeln aus.

In der zweiten Hälfte spitzt sich das Drama zu, und je stärker der Konflikt von Radames zwischen den beiden Frauen und Völkern wird, desto stärker ist Jörn-Felix Alt in seiner Wandlung vom ägyptischen Heerführer zum Pharao, der dem nubischen König zur Flucht verhilft.

Die neue Ordnung ist erstellt

Ich verachte, was man mit uns macht, weil ich so nicht leben will.

Der kränkelnde Pharao (die Sprechrolle wird am 16., 17., 23. und 24.Juli von Endo Anaconda gespielt) verkündet Radames’ und Aidas Todesurteil. Das Publikum wird Zeuge, wie sich seine Tochter ihm in überzeugender Weise widersetzt. Sie liebt beide und will, dass sie zusammen sterben können. Die Tochter des Isis legt ihre Krone hin, schreitet davon und beendet mit dem letzten Stein den Bau der Pyramide, als ob sie ein Zeichen der neuen Ordnung setzen würde, und verschwindet an das Ufer des Nils. Die Zeitebenen finden sich wieder. Dramaturgisch spannt das Heute den Bogen um Aidas Geschichte von damals und der Liebe und ihrer Kraft.

Die Liebe über den Tod hinaus

Wir waren beide für Sekunden von einem Traum berührt, vergiss es, nur die Fantasie hat uns zwei verführt.

Die Sphinxhälften gleiten aufeinander zu. Die Touristengruppe steigt aus der Statue. Die quirlige Frau mit der braunen Lockenmähne lässt auf der Treppe ihr Smartphone fallen. Der junge Mann hebt es auf und reicht es ihr hin. Ihre Blicke treffen sich, beide gehen weg. Plötzlich halten sie inne, drehen sich zueinander. Was ist Liebe? Dies ist die Eingangsfrage. Der Schlussakt antwortet: Sie vermag alles zu verändern (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 09.07.2014, 07:09 Uhr

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