Ohne Lautsprecher an die Spitze

Thun

Mit Sandra Rupp wird am Freitag eine bedachte SP-Politikerin zur höchsten Thunerin gewählt. Politische Phrasendrescherei ist der dreifachen Mutter fremd – zu Themen wie Verkehr oder Schadaugärtnerei äussert sie sich aber dezidiert.

Sandra Rupp, die künftige Thuner Stadtratspräsidentin, auf dem Areal der Schadaugärtnerei.

Sandra Rupp, die künftige Thuner Stadtratspräsidentin, auf dem Areal der Schadaugärtnerei.

(Bild: Patric Spahni)

Es ist ein klirrend kalter Wintermorgen in Thun, eine Schneedecke liegt über der Schadaugärtnerei. Von Ferne sind Verkehrs­geräusche auf der Seestrasse zu hören, sonst ist es still. Es ist, als liege das Areal im Dornröschenschlaf.

Sandra Rupp hat den Ort für das Treffen ausgewählt. Weil er ihr am Herzen liegt. «Es ist ein sehr interessantes Areal. Ich bin gespannt, was daraus in den nächsten Jahren wird», sagt sie. Und findet, es müssten nicht ­Millionen von Franken investiert werden – «öppis Bützerlets» brauche es nicht.

«Aber die breite Bevölkerung soll davon profitieren können», betont die 49-jäh­rige Stadträtin, die unmittelbar vor dem Höhepunkt ihrer politischen Karriere steht: Morgen Freitag wird Sandra Rupp zur Parlamentspräsidentin gewählt. Und damit zur höchsten Thunerin. Ein Amt, das die SP-Politikerin, die seit 2009 im Stadtrat sitzt, nicht gesucht hat.

«Aber als es in der Partei ein Thema wurde, habe ich gesagt: Doch, ich würde es gerne machen.» Als Stadtrats­präsidentin hat sie vor allem auch repräsentative Aufgaben, wird die Stadt an diversen Anlässen vertreten. «Das öffnet den Blickwinkel auf Dinge, mit denen ich sonst wenige Berührungspunkte habe», freut sie sich.

Keine, die Phrasen drischt

Wenn Sandra Rupp ab Freitag die Stadtratssitzungen leitet, ist ihr wichtig, dass fair miteinander diskutiert, dass nicht auf die Frau und den Mann gezielt wird. Sie wünscht sich, dass die Debatte mehr Gewicht erhält, dass nicht einfach vorbereitete Texte verlesen werden und sämtliche Meinungen längst gemacht sind – «das ist schwierig, ich weiss».

«Wir müssen uns selber nicht  immer so wichtig nehmen.»Sandra Rupp über die Stadträte

Auch Humor dürfe Platz haben: «Wir müssen uns selber nicht ­immer so wichtig nehmen.» Sie sagt es schmunzelnd, mit ruhiger Stimme. Sandra Rupp ist keine, die Parolen runterrasselt oder politische Phrasen drischt. Während andere Politexponenten gerne mal den Lautsprecher auspacken und losschwadronieren, überlegt sie sich die Antworten auf die Fragen des Journalisten gut und spricht bedacht.

Was wiederum nicht heisst, dass sie nicht mit Herzblut bei der politischen Sache wäre. Zwar war die gebürtige Thunerin schon über 30 Jahre alt, als sie der SP beitrat. Aber für politische Themen interessierte sie sich früh. Für die Armeeabschaffungsinitiative im Jahr 1989 etwa – oder die F/A-18-Initiative vier Jahre später.

Sorgten ihr Engagement und der spätere SP-Beitritt nicht für Konflikte im Hause Rupp? Schliesslich politisierte schon der Vater im Stadtrat, aber für die SVP. «Nein», sagt Sandra Rupp. «Das war kein Problem.»

Keine hyperaktive Familie

Im Zentrum stand die Politik in Sandra Rupps Leben vorerst sowieso nicht. Das jüngste von vier Kindern besuchte das Lehrer(innen)seminar Thun, bildete sich zur Heilpädagogin weiter. Und bald zog es sie von der Kyburgstadt weg, «immer schön der Aare nach», wie sie es formuliert: Sie arbeitete etwa in Gümligen, Grenchen oder Hägendorf in Sonderschulheimen oder Primarschulen.

Der Liebe wegen kehrte sie nach Thun zurück, arbeitete als persönliche Mitarbeiterin des damaligen Stadtpräsidenten Hansueli von Allmen. Und wurde zur Familienfrau: Die ältere Tochter ist heute 13, die Zwillinge – ein Mädchen und ein Junge – sind 9 Jahre alt. Vom Vater der Kinder lebt Sandra Rupp getrennt, sie hat wieder einen Lebenspartner.

«Ich habe lieber die kleinen Sachen – Mundwerk statt Hallenstadion.»Sandra Rupp über die Kultur

«Mir ist wichtig, dass wir in der Familie Zeit füreinander haben», sagt sie. Und fügt schmunzelnd an, es sei nicht immer einfach, Dinge zu finden, die für alle spannend seien. Im und am Wasser sind alle gerne, und im Winter auch mal beim Skifahren oder «Schlöfle». «Aber wir waren nie eine Familie, die stets das Gefühl hat, überaktiv sein zu müssen.»

Sandra Rupp selber liest gerne – etwa amerikanische Autoren wie John Irving oder John Updike –, «lismet», besucht Konzerte und Kleinkunstanlässe – «lieber die kleinen Sachen, Mundwerk Thun statt Hallenstadion Zürich».

Irgendwann Gemeinderätin?

Seit 2015 arbeitet Sandra Rupp wieder als Lehrerin, gut 50 Prozent an der Basisstufe Muristalden in Bern. «Der Wiedereinstieg war schwieriger, als ich gedacht hatte. Ich habe gemerkt: Es wartet niemand auf dich», gibt sie unumwunden zu. Die guten Teilzeitstellen seien rar.

Und Rupp kritisiert, dass in der Wirtschaftswelt immer noch zu wenig gewertet werde, was eine Person etwa in Sachen Familienorganisation oder an Erfahrungen von ehrenamtlichen Tätigkeiten mitbringe. Die Stelle im Muristalden gefalle ihr, betont Rupp. «Aber ich denke nicht unbedingt, dass ich als Lehrerin pensioniert werde. Für mich ist auch anderes möglich.»

Zum Beispiel Gemeinderätin in Thun? Schliesslich kandidierte sie 2014 für die Regierung. «Ich kann mir das immer noch vorstellen – als Ziel würde ich es aber im Moment nicht formulieren.» Und schliesslich steht jetzt sowieso das Jahr als Stadtratspräsidentin im Fokus.

Eine letzte Frage an die höchste Thunerin in spe: Wie wird die Schadaugärtnerei im Jahr 2027 aussehen? Sandra Rupp denkt nach. Und sagt dann dezidiert: «Es ist ein belebter Ort, der sich laufend entwickelt.» Mit einer Jugendherberge oder einem Bed and Breakfast zum Beispiel.

Einer Beiz und einer Orangerie, die für die unterschiedlichsten Anlässe genutzt werden kann. Mit einem Gemeinschaftsgarten, einer Seestrasse, die zur Begegnungszone wird und so die Verbindung zum Schadaupark herstellt. Ein Ort also, der längst nicht mehr im Dornröschenschlaf liegt.

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