«Nur das Leiden lässt sich erzählen»

Thun

Hat Kunst einen Sinn? Das fragen sich die Schüler des Gymnasiums Thun Seefeld. Der Schriftsteller Lukas Bärfuss bejaht diese Frage. Am Donnerstag war er am Gymnasium zu Gast.

«Die moderne Gesellschaft hindert uns am Erleben»: Schriftsteller Lukas Bärfuss vor dem Hauptgebäude des Gymnasiums Thun Seefeld.

«Die moderne Gesellschaft hindert uns am Erleben»: Schriftsteller Lukas Bärfuss vor dem Hauptgebäude des Gymnasiums Thun Seefeld.

(Bild: Georg Stalder)

Lukas Bärfuss ist der wohl kontroverseste Schriftsteller, den die Schweiz derzeit zu bieten hat. Unlängst hat er in seinem Essay «Die Schweiz ist des Wahnsinns» die helvetische Verdrängungsmentalität angeprangert. Am Donnerstag stellte er sich im Gymnasium Thun Seefeld den Fragen der Schüler. Sie hatten ihn eingeladen, um über «Kunst und Engagement» zu disku­tieren.

Welchen Zweck und Nutzen hat Kunst?, wollen die Gymnasiasten wissen. Keinen, sagt Bärfuss. Der Thuner Schriftsteller verteidigt L’art pour l’art, die Kunst um ihrer selbst willen. Die Kunst müsse keinen Nutzen haben, der ihre Existenz rechtfertige. Ihr Wert ist hinlänglich in ihr selbst begründet. «Wir dürfen Kunst nicht fragen, was sie uns bringt», sagt Bärfuss. Das sei eine bürgerliche Frage: «Die bürgerliche Gesellschaft versucht, allem einen Nutzen und einen Zweck zuzuschreiben.» Ein Schuh beispielsweise hat den Zweck, den Fuss vor Nässe und Kälte zu schützen. Ein Kunstwerk hingegen hat keinen bestimmten Sinn. Es lässt sich deshalb auch nicht definieren: «Es gibt keine notwendigen Bestandteile, die ein Kunstwerk zu einem solchen machen.»

Ist Kunst also unnütz?, wollen die Gymnasiasten wissen. Nein, sagt Bärfuss. Dass sie nicht nützlich sein muss, bedeutet nicht, dass sie keinen Nutzen hat. Die Kunst kann Kritik üben, die Gesellschaft oder einen Gegenstand beurteilen. «Ein Kunstwerk steht immer in einem Spannungsverhältnis zwischen Moral und Ästhetik», sagt Bärfuss, zwischen dem Anspruch des Künstlers, die Welt zu erörtern und gleichzeitig etwas Schönes zu erschaffen. Dieses Spannungsverhältnis mache die Kunst aus. «Ein Kunstwerk, das nur moralisch sein will und keinen ästhetischen Anspruch hat, lebt nicht, weil ihm die Schönheit fehlt. Ein Kunstwerk, das nur schön sein will und nicht nach der Moral fragt, ist ebenfalls tot, weil es unmenschlich ist.»

Kann die Kunst etwas in uns verändern?, wollen die Gymnasiasten wissen. Ja, sagt Bärfuss. Kunst sei ein Mittel der Erkenntnis. Sie erzähle dem Menschen etwas über sich selbst. Am ehesten, indem sie über das Leiden und die Armut berichtet. «Nur das Leiden kann eine Geschichte transportieren. Erst in ihm erfahren wir etwas über das Leben», sagt Bärfuss. Über Reiche und Gesunde gibt es keine Geschichten. Denn: «Bei Reichen und Gesunden sind Spuren des Lebens unerwünscht.» Symptomatisch dafür stehe die Schönheitsindustrie: Reiche lassen sich hier die Spuren des Lebens aus ihren Gesichtern tilgen.

Wer sich fügt, wird belohnt

«Die hoch entwickelte Gesellschaft versucht uns mit allen Mitteln von Erfahrungen wegzubringen, indem sie uns in bestimmte Funktionen drängt», sagt Bärfuss. «Wer tut, was von ihm erwartet wird, hat potenziell Erfolg.» Wer hingegen nach anderen Kriterien funktioniert, sich von zufälligen Ereignissen leiten lässt, wird bestraft. «Wenn Sie nicht zum Unterricht erscheinen, weil Ihnen etwas Interessanteres zugestossen ist, werden Sie rasch Ihren Studienplatz verlieren», sagt er den Gymnasiasten. Und warnt sie davor, ihr Leben vor lauter Planung und Berechnung zu verpassen. Nicht dass sie am Ende des Lebens sagen müssten: «Ich habe zwar alles erreicht, was ich wollte, aber ich habe eigentlich nichts erlebt.»

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