Natur als Brücke zwischen Beruf und Alltag

Wo immer die vergangenen 28 Jahre bei den Jungfraubahnen gebaut wurde, findet sich die Handschrift von Jürg Lauper. Unwetter bringen die Baupläne durcheinander. Probleme, die neue Lösungen erfordern, sind seine liebste Herausforderung.

Jürg Lauper vertraut darauf, dass die sanierte Druckbrücke über die vereinigte Lütschine und die dahinter erhöhte Fachwerkbrücke auch einem nächsten Hochwasser standhalten werden.

Jürg Lauper vertraut darauf, dass die sanierte Druckbrücke über die vereinigte Lütschine und die dahinter erhöhte Fachwerkbrücke auch einem nächsten Hochwasser standhalten werden.

(Bild: Guido Lauper)

«Jedes Unwetter ist anders, was seine Ursachen, seine Wirkungen und Massnahmen betrifft», sagt Jürg Lauper, Leiter Infrastruktur bei den Jungfraubahnen. Durch die Jungfraubahnen Management AG werden sechs Bahnunternehmen und weitere Infrastrukturen von Interlaken bis Jungfraujoch betreut. Beim Hochwasser vom 10. Oktober dieses Jahres entstanden zwischen Wilderswil und Lauterbrunnen Schäden von rund 2 Millionen Franken. «Dass wir innerhalb von 20 Tagen wieder fahren konnten, war nur dank leistungsstarken internen und externen Partnern möglich. Ohne Teamarbeit läuft gar nichts», bekennt er bescheiden und ergänzt: «Das Potenzial jedes Mitarbeitenden zu nutzen, dient allen und der Sache selbst.»

Unwetterschäden und Naturereignisse betrachtet Jürg Lauper als «Chance, gleichzeitig mit der Schadensbehebung Verbesserungen umzusetzen und teilweise fast ohne Bewilligungsverfahren ein taugliches und gesetzeskonformes Produkt zu generieren». Ein solches Produkt ist etwa die Druckbrücke nahe Wilderswil, welche mithilft, die Hinterlieger und damit auch die Bahninfrastrukturen der BOB und SPB vor Hochwasser zu schützen, wie sich am 10.Oktober gezeigt hat.

Agieren statt reagieren

«Fast ohne Bewilligungsverfahren» will der Bauingenieur, der bei den Jungfraubahnen sein Hobby Architektur zum Teilberuf gemacht hat, nicht falsch verstanden wissen: «Der frühe Einbezug von Amtsstellen und Organisationen ist wichtig für die Umsetzung eines Projektes, wie sich beim Bau des Zweiseensteges auf dem Harder gezeigt hat.» Auch so dauerte das Bewilligungsverfahren für den Steg, durch zwei Einsprachen bedingt, fast ein Jahr.

Beim Hinweis auf «die tatkräftige Unterstützung von Behörden, Planern und Unternehmern» erinnert sich Jürg Lauper an das Hochwasser im Sommer 2005: «Auf dem Boden war kein Durchkommen mehr, und Kommunikation war keine mehr möglich, also charterten wir kurzerhand einen Heli. Zusammen mit einem Fotografen und dem zuständigen Bahnmeister erfassten wir Schäden von rund 20 Millionen Franken. Innert zweier Tage hatten wir 36 Baustellen zu organisieren!» Das Resultat, das in Absprache mit der Fischerei, dem Amtsschwellenmeister und den betroffenen Schwellenkorporationen entstand, sei auch ohne grosse Bewilligungsverfahren gut herausgekommen, ist Jürg Lauper überzeugt.

Bleibende Projekte

Aber auch mit ordentlichen Verfahren hat der Leiter Infrastruktur bleibende Werke mit realisiert. So den Doppelspurausbau der BOB mit Streckenbegradigung zwischen Wilderswil und Zweilütschinen für 35 Millionen Franken. Dieser ermöglichte die Erhöhung der Fahrgeschwindigkeiten, damit einen Taktfahrplan und einen optimierten Rollmaterialumlauf. Oder den 40 Millionen Franken teuren neuen Bahnhof Wengen, der in enger Zusammenarbeit mit Gemeinde, Nachbarn und Behörden entstand.

Massgeblich mitbeteiligt war er zudem an der Neugestaltung der Bahnhöfe Grindelwald und Lauterbrunnen, hier auch an der Erweiterung des Parkhauses und vielem mehr. Was den Kunden des öffentlichen Verkehrs in der Regel selten bewusst ist, gehört für den Bauchef fast zum Alltag. Von Hochwasser, Schneerutschen, Lawinen, Eisschlag, Felsstürzen bis hin zu Permafrostproblemen hat Lauper schon alle Naturgefahren erlebt. Neuer ist das Thema Erdbeben, mussten doch beispielsweise beim Umbau des Restaurants auf der Schynigen Platte bauliche Verstärkungsmassnahmen getroffen werden.

Nicht mehr aus dem Gedächtnis bringt Jürg Lauper das Lawinenunglück Strättli oberhalb Grindelwald im Jahr 1985, als eine künstlich ausgelöste Lawine für zwei Bahnangestellte tödlich endete. Hier konnten die Verantwortlichen mit einer Schutzgalerie reagieren.

Freude hat Lauper am entstehenden Bau der Raiffeisenbank und Jugendherberge am Bahnhof Interlaken-Ost, auf ehemaligem Boden der Bahnhofgemeinschaft, der zukünftig viele jugendliche Gäste und Familien in die Region bringen wird. Der Ingenieur ist aber auch darauf bedacht, nach Möglichkeit der Natur auch etwas zurückzugeben. Etwa beim Rückbau der alten Linie der Wengernalpbahn zwischen Lauterbrunnen und Wengen, wo die frei gewordene Fläche der Natur überlassen wurde. Oder beim Bau des Lehrpfades Bahn und Natur bei den BOB, der Verständnis für beide Seiten wecken soll.

Auch nicht realisierte Bauprojekte können sich positiv auswirken, erklärt Jürg Lauper anhand der Vision Vertikalerschliessung der Jungfrau. Mittels eines Vertikalliftes wurde eine Direktverbindung zwischen Stechelberg und dem Jungfraujoch geprüft. Jürg Lauper: «Aus dieser Arbeit ist ein alternatives Projekt zur Optimierung der Erschliessung auf das Top of Europe entstanden.» Bereits konkreter erlebt er hingegen den Wettbewerb Ostgrat für eine neue Touristenattraktion anstelle der ehemaligen Swisscom-Station an der Jungfrau.

Kreative Lebensenergie

Wie bringt das Geschäftsleitungsmitglied der Jungfraubahnen Management AG, der noch sehr viele andere Ämter bekleidet, seine Arbeit und das Privatleben ins Gleichgewicht? Das Rezept des «heraufgekommenen Seeländers», in Spiez wohnhaften Familienvaters lautet: persönliches und kreatives Engagement mit den beruflichen Aufgaben bei täglich neuen Herausforderungen verbinden.

Berner Oberländer

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