Nach und nach gehen die Lichter aus

Abländschen

Seit der Jahrtausendwende verschwindet in der Saaner Enklave eine Institution nach der anderen: Dorfladen, Post und Postauto, Skilifte und jetzt die Schule. Was bleibt Abländschen noch, wenn all das geschlossen wird?

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In den vergangenen 15 Jahren wurden in Abländschen der Dorfladen, die Poststelle mit den Postautokursen, die Feuerwehr, die Skilifte und, ganz aktuell, die Schule geschlossen. Dazu könnte schon bald auch das Ferienheim Wandfluh kommen. Ja, in der Abländschen gehen nach und nach die Lichter aus. Ein Restaurant, ein Hotel, vier landwirtschaftliche Betriebe und insgesamt 36 Einwohner blicken in eine ungewisse Zukunft.

Was geschieht mit diesem landschaftlich reizvollen Tal, das vom Gemeindehauptort Saanen nur im Sommer über den Mittelberg erreichbar ist? Im Winter führt der Weg via Jaun über den Jaunpass nach Boltigen, von da über Zweisimmen nach Saanen.

Gästen das Taxi bezahlt

«Man fühlt sich von Saanen verlassen», sagt Martin Liechti vom Berghotel Weisses Kreuz in Abländschen. Früher, so Liechti, habe das Postauto von Jaun zweimal täglich Besucher in die Abländschen gebracht. Seit dies nicht mehr der Fall sei, werde es immer schwieriger. Er habe seinen Gästen schon Taxis bezahlt, damit sie überhaupt zu ihm kommen. Denn es gäbe noch nicht mal einen anständigen Wanderweg von Jaun zur Abländschen. «Obschon wir uns seit über zehn Jahren dafür einsetzen!», fügt er enttäuscht hinzu.

Wer zu Fuss kommen will, läuft acht Kilometer die Strasse entlang. Seit die Skilifte geschlossen sind, sei hier auch im Winter nicht mehr viel los.

Saanens Gemeindepräsident Aldo Kropf verweist auf Unterstützungsleistungen, die von der Gemeinde Saanen erbracht werden, und erklärt, man habe die Skilifte in Abländschen jahrelang finanziell unterstützt, bis es keinen Sinn mehr machte, weil praktisch niemand mehr dort Ski fahren wollte. «Wir haben in Jaun einen grossen Betrag an den Gastlosen-Express bezahlt, damit die Abländscher in Jaun Ski fahren können», betont Aldo Kropf. Ausserdem habe man jahrelang Privatlehrer bezahlt, damit die Schule nicht geschlossen werden musste. Kropf: «Aber mit nur zwei Schülern kann man keinen Schulbetrieb aufrechterhalten.» Ferner habe man in den Ausbau der Milchverarbeitung in Jaun investiert, damit die Abländscher Landwirte ihre Milch dorthin bringen könnten. Auch sei vor etwa 20 Jahren ein beträchtliches Stück Land eingezont worden, um den Erstwohnungsbau zu fördern und die Abländschen zu besiedeln. Gebracht hätte auch dies letztendlich nichts. Es kam niemand.

Als die Feuerwehr in der Abländschen per Ende 2014 ausgedient hatte, gelangte einiges vom Inventar in privaten Besitz. Hans-Peter Venner, einer der vier Bauern in der Abländschen, zeigt auf den Feuerwehrschlauch in seiner Garage und auf den Hydranten in der Nähe seines Hauses. «50 Meter Schlauch reichen aus, wenn es bei mir brennt. Ich bin meine Feuerwehr!»

Für Kropf hat es strukturelle Gründe, warum die Feuerwehr mit jener von Jaun zusammengelegt werden musste. Abländschen habe leider zu wenig Einwohner. Eine Institution mit immer denselben Leuten sei nicht tragbar. «Man muss sich selbst zu helfen wissen», sagt Venner und zählt auf, was er alles in seinem Garten anpflanzt. Dies ersetzt den Dorfladen weitgehend.

Und jetzt das Ferienheim?

Im September soll an einer ausserordentlichen Generalversammlung über die Zukunft des Ferienheimes Wandfluh, der letzten Institution in der Abländschen, abgestimmt werden. Verkaufen oder weiterbetreiben? Dies wird die zentrale Frage sein. Und wie immer geht es ums Geld. Dazu Aldo Kropf: «Wenn ein Ferienheim wirtschaftlich nicht tragbar ist, kann die Gemeinde dafür keine Steuergelder aufwenden.»

Es existieren Pläne, das Ferienheim behindertengerecht auszubauen, weiss Hans-Peter Venner. Dafür sei weit über eine halbe Million Franken gesprochen worden. Die Gemeinde Saanen hätte die Hälfte davon übernommen. Doch daraus wird wohl nichts. «Das ist nicht finanzierbar», sagt Kropf, «man ist nicht überzeugt, dass das Ferienheim dadurch genügend ausgelastet werden kann.» Auf die Frage, was der Abländschen bleibt, wenn das Ferienheim geschlossen würde, hat Martin Liechti eine pragmatische Antwort: «Die Ruhe!»

Berner Zeitung

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