Nach dem Regen: Im Zulgtal sind die Schäden immens

Steffisburg

Am Tag nach dem heftigen Unwetter im Zulgtal wird das Ausmass der Schäden ersichtlich. Glück im Unglück hatten 74 Kinder und ihre Lagerleiter: Nur dank einer aufmerksamen Anwohnerin entkamen sie einer Tragödie.

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Marco Zysset@zyssetli

Renate Fuchs ist die heimliche Heldin im Unwetter vom Mittwoch. Ihr Hof in Unterlangenegg liegt ein paar Dutzend Höhenmeter oberhalb des Zulgbodens, wo sich seit Montag das Zeltlager der Jungwacht-Blauring Raron befand. «Am Mittwochnachmittag rief mich der Bauer vom Rütteggli an und sagte, da komme eine ordentliche Brühe die Gräben runter», berichtet sie. Sie habe gleich realisiert, dass sich die 74 Kinder und 22 Leiter im Lager in Gefahr befanden. Fuchs eilte an die Zulg und warnte die Lagerverantwortlichen. «Normalerweise dauert es etwa eine Stunde, bis das Wasser hier anschwillt, wenn es stark regnet.» Am Mittwoch sei die Zulg bereits nach einer halben Stunde über die Ufer getreten.

Knapp an Katastrophe vorbei

Den Leuten im Lager blieb gerade genug Zeit, sich und einige Wertsachen in Sicherheit zu bringen. Kurz nach Fuchs’ Warnung erfasste die Wasserwalze Zelte und Gepäck und hinterliess eine Spur der Zerstörung. «Wäre der Bach nachts gekommen, hätte es eine Katastrophe geben können», sagte gestern Abend ein Vater, der angereist war, um Kindern und Lagerleitern beim Aufräumen zu helfen. Vorübergehend fanden sie Unterschlupf in einer Zivilschutzanlage in Steffisburg; heute reisen sie wohl weiter nach Oberwald. «Der Zivilschutz war dort im Einsatz, und es ist ein Lager parat», sagte der Vater weiter.

Landschäden sind immens

Das wahre Ausmass des Unwetters wurde gestern erst ersichtlich. Dort, wo der Hüttligrabe in die Zulg floss, ist heute weit und breit kein Graben mehr zu sehen. Es sind Tausende Kubikmeter Geröll, die das Wasser vom Staufen her dem Moos und der Zulg zugetragen hat – der Hüttligrabe ist übervoll mit Kies und Steinblöcken. «Das muss alles schleunigst raus», sagt Paul Hadorn, Vizegemeindepräsident von Horrenbach Buchen. «Wenn noch einmal so viel Wasser kommt, wird das ganze Geröll – und noch viel mehr, das noch oben liegt – in das Kulturland talabwärts getragen. In Steffisburg kriegen sie dann ein richtig grosses Problem.» Wandert der Blick vom Schuttkegel, der einst ein Bächlein war, hoch zum Stufen, sind dort regelrechte Gräben zu sehen, die das Wasser in den Wald gefressen hat – und aus denen wohl bei andauernden Niederschlägen weiter Schutt geschwemmt wird.

Zwischen dem Staufen und dem Talboden liegt die Alp Hindere Zugschwand. «Sie bietet ein trauriges Bild», sagt Hadorn. «Ich war oben und habe gesehen, wie das Wasser haushohe Gräben in die Hänge gefressen hat. Die Alp ist voll Schutt.» Passiert ist freilich wie durch ein Wunder niemandem etwas. Das letzte Rind, das noch gefehlt hat, sei gestern ebenfalls wohlauf wiedergefunden worden. «Aber bis oben wieder so etwas wie Normalität einkehrt, dauert es noch eine Weile», weiss Hadorn. Dann bricht er auf, um mit Behördenkollegen der umliegenden Gemeinden und Vertretern des Kantons die Schäden zu begutachten und eine Bestandesaufnahme zu machen (siehe Text unten rechts).

Das grosse Aufräumen

Weiter hinter im Tal laufen Aufräumarbeiten. Jakob Gfeller ist seit dem Morgen damit beschäftigt, Überläufe freizubaggern und Verschüttungen zu räumen. Nachdem er die Kantonsstrasse fertig bearbeitet hat, macht er sich an einer Bergstrasse zu schaffen. «Das Wasser muss wieder durch die dafür vorgesehenen Rohre fliessen können anstatt über die Strasse», kommentiert er. Die Arbeit muss zügig geschehen, da Mitte Nachmittag bereits wieder teils heftige Niederschläge einsetzen.

Das Zulgtal verfüge über ein Anwohneralarmsystem, erklärt Gfeller. Ein halbes Dutzend Personen seien beauftragt, bei heftigen Regenfällen die Zulg zu beobachten und die Feuerwehr sowie die Gemeindebhörden von Steffisburg zu alarmieren, sobald die Wassermassen einen kritischen Stand erreichten. Dieses System habe sich am Mittwoch bewährt.

Schneehas unter Wasser

Noch weiter hinten im Eriz steht der Schneehas, die Beiz, die im Winter bei Skifahrern und im Sommer bei Wanderern und Bikern hoch im Kurs ist. Ein Bach ist rund ums Haus weit und breit nicht zu sehen. Trotzdem steht ein grosser Pumplastwagen vor dem Haus. «Jetzt haben wir dann alles Wasser aus dem Keller gepumpt», sagt Hans-Ulrich Bieri. Seine Frau Sylvia zeigt ins Feld hinaus, wo ein kleines Rinnsal fliesst. «Dieses ‹chliine Seikerli› hat uns den Vorplatz und die Garage gefüllt – das Wasser floss einfach übers Feld hinab.» – «Wir waren machtlos», sagt ihr Ehemann, «sogar die Pumpen, die ich selber habe und sofort in Betrieb setzte, nutzten nichts.»

Alle, mit denen diese Zeitung gestern gesprochen hat, sind sich einig: Starkregen, der Hangrutsche verursacht und die Zulg anschwellen lässt, ist nichts Neues. Aber so schnell und so heftig, wie die Naturgewalten am Mittwoch wüteten, taten sie es in den letzten 50 Jahren kaum einmal.

Thuner Tagblatt

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