Brienzwiler

Mona Petri: «Mit Zürcher Dialekt wäre das unmöglich»

BrienzwilerDie Zürcher Schauspielerin Mona Petri (36) verkörpert im neuen Stück «Vehsturz» des Landschaftstheaters Ballenberg das Elsi. Sie spricht über ihre Rolle, den Stoff und ihre schauspielernde Tochter Anouk.

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Frau Petri, wie lebt es sich als Zürcherin am Ballenberg unter Brienzern?
Mona Petri: Es ist sehr schön hier – und es ist tatsächlich eine erstaunlich andere Welt als in Zürich. Es ist Neuland für mich – und Abenteuer. Ausserdem mache ich zum ersten Mal Freilichttheater und spiele erstmals mit Laien zusammen.

Und wie siehts sprachlich aus – Zürcher Dialekt in einer hiesigen Sage mit Einheimischen...
Ich versuche tatsächlich, meine Rolle auf Brienzertiitsch zu spielen. Das ist nicht einfach. Paul Eggenschwiler, der den Dichter Tschuri spielt, ist mein Coach. Er hat alles mit seiner Stimme auf Kassette aufgenommen. Das kann ich immer hören – und er korrigiert mich.

Wie fühlt sich das an?
Es ist fast so, wie wenn ich eine Fremdsprache lerne. Ich habe diese Sprache dermassen nicht im Ohr.

Aber sie gefällt Ihnen?
Es ist eine wunderschöne Sprache, aber sie liegt mir nicht einfach so parat. Doch sie hilft mir extrem für diese Rolle. Es ist sowieso schon mal eine Verwandlung, die passiert.

Wie meinen Sie das?
Das Mädchen ist viel jünger als ich und kommt von hier. Ihre Sprache beeinflusst auch das Denken und die Haltung. Ich finde, das Brienzertiitsch passt ganz gut zum Kern von Elsi.

Finden Sie über die Musikalität des Textes in Ihre Rolle hinein?
Ja, mit dem Zürcher Dialekt wäre das unmöglich gewesen. Gerade für die Bühnenrollen darf nicht immer alles grad «flutschen» – auch sprachlich nicht. Von daher sind Hindernisse immer gut.

Was gab für Sie den Ausschlag, am Ballenberg in so einer Freilichtaufführung mitzuwirken?
Das war der Autor Tim Krohn. Er ist ein Freund von mir, und ich bin ein grosser Fan von dem, was er macht. Das Stück und diese Figur, die ich spiele, berühren mich sehr. Man hat so Sehnsuchtsfiguren in sich, die etwas in einem drin anklingen lassen. Das Elsi ist so. Ich bin wahnsinnig gern dieses Elsi. Es ist etwas ganz Schönes und Gesundes, Zeit in dieser Figur zu verbringen. Und sie ist auch jemand, die ich den Leuten gerne zeige. Ich habe das Gefühl, die Leute haben sie gerne und freuen sich, sie zu sehen.

Was hat Sie sonst an den Ballenberg gezogen?
Der Dichter Albert Streich. Ich finde seine Gedichte so schön – vom Klang, vom Sinn und von der Einfachheit her. Ich bin unheimlich dankbar, durfte ich ihn durch diese Produktion kennen lernen. Er ist weise auf eine ganz schön volkstümliche Art. Ich finde das eine rasend berührende Mischung. Ich habe die Hoffnung, dass es uns gelingt, etwas davon rüberzubringen. Es sind feine und nicht populäre Gedichte. Man muss die Ohren und das Herz weit auftun.

Kann man die Figur der Elsi, die übers Tageselend hinausschaut, Gefühle spürt und aufbrechen will, im weitesten Sinn mit der Frauenrechtlerin Iris von Roten vergleichen, die Sie im Film «Ver-liebte Feinde» gespielt haben?
Ich denke, die Kraft gegen die Mehrheit der Umgebung und das Einstehen für eine Sache mit allen Konsequenzen –das ist für mich das Verbindende der beiden Frauenfiguren. Auf eine ganz andere Art und in einer ganz anderen Temperatur. Alle ausser Elsi und ihr Seelenverwandter Tschuri rennen irgendetwas nach. Elsi hebt andere Werte hoch und lässt sich nicht irremachen. Sie geht ihren Weg und wird nicht belohnt – höchstens vom Zuschauer, der sich hoffentlich auf ihre Seite schlägt. Elsi kämpft und verliert, weiss aber gleichzeitig, dass sie auf der richtigen Seite gestanden hat. Egal, wie die Zeiten sind: Man darf sich nicht auf die Seite der Gier und des Profits – heute des Neoliberalismus – schlagen lassen.

Dann ist da auch die Liebesgeschichte à la Romeo und Julia.
Die Geschichte zwischen Elsi und Hänsel berührt mich darum so, weil man auf einer einfachen Ebene spürt: Sie sind füreinander bestimmt. Sie spüren es auch selber. Und trotzdem ist es im Leben zwischen Menschen und Paaren so, dass man sich so falsch verstehen kann. Man gibt sich Mühe, etwas zu sein für den anderen – und dennoch kann es in einer Katastrophe enden. In ganz wenigen Sätzen ist das in diesem Stück angedeutet. Aber genau das macht für mich diese Dimension der Tragik aus, die fast alle in ihren Beziehungen kennen.

Das Elsi darf auch singen.
Das habe ich noch nie gemacht, und ich hatte verrückt Angst – obwohl ich aus einer Musiker-familie komme. Diese sagte mir aber auch: «Mona, mit dieser Angst musst du jetzt wirklich nicht ins Grab, das ist völlig überflüssig. Jetzt machst dus einfach, und es kommt gut.»

Immerhin haben Sie schon ein Opernlibretto für Ihren Vater Daniel Fueter geschrieben, der auch die Musik für «Vehsturz» komponiert hat.
Ja, wir haben auch immer wieder Lust zur Zusammenarbeit. Dabei brauchen wir wenig Austausch und funktionieren wie selbstverständlich zusammen. Auf dieser Ebene liegen wir in Sachen Geschmack und Bedürfnis extrem ähnlich. Was er mit seiner Musik meint, verstehe ich fast blind.

Bleiben wir in Ihrer Familie: Ihre 9-jährige Tochter spielt in einem «Tatort» mit...
Ja, der Film ist schon gedreht und wird am 18. August ausgestrahlt. Sie hat eine grosse Rolle und macht das irrsinnig.

Hat sie das schauspielerische Flair – wie Sie – im Blut?
Anouk macht es auf alle Fälle mit grosser Selbstverständlichkeit. Sie ist kein Showkind und hat durchaus auch scheue Züge. Sie kann das einfach: in eine Figur hineinschlüpfen. Das ist für sie unproblematisch. Sie hatte schon drei kleinere Filmauftritte. Ich lasse sie das auch machen, weil sie sich wohl fühlt dabei. Sie ist mit Begeisterung dabei, kann dann aber auch wieder total aussteigen. Sie hat nicht das Gefühl, etwas Speziellles zu sein. Das hat sicher auch damit zu tun, dass das mein Beruf ist. Es ist einfach eine Arbeit mit einem Feierabend – wie in anderen Berufen auch.

Sie haben auch eine sehr soziale Ader und engagieren sich in der Alterspflege. Wie kommen Sie dazu?
Ich habe eine Ausbildung als Pflegehelferin gemacht und habe eine flexible Anstellung in einem Pflegeheim.

Ist das für Sie ein Ausgleich und eine Ergänzung zum schauspielerischen Wirken?
Ich würde von einer Erweiterung reden. Es kommt viel zusammen. Ich funktioniere so, dass ich manchmal totale Bedürfnisse und Sehnsüchte habe nach etwas –und ich weiss eigentlich nicht warum. Es sagt mir einfach: Dort musst du durch! Erst später, wenn ichs mache, stellt sich heraus, was ich dort genau gesucht habe. Bei der Pflege war das extrem so.

Wie erklären Sie sich das?
Es hat mit einem Loch zu tun, das mit dem Zeitgeist zusammenhängt. Wir sind eine Generation, in der der normale Mensch keine Ahnung mehr hat vom ganz nahen Vorgang der Pflege. Viele wissen ja schon nach der Geburt ihres Kindes nicht mehr, was als Nächstes zu tun ist. Innerhalb der Familie wird das nicht mehr tradiert – auf dem Land vielleicht eher noch besser. Das ist ein Wissen, das mir fehlt und das ich haben will. Ich weiss nicht, wie später einmal das Bedürfnis meiner Eltern sein wird. Aber ich will von meiner Seite her wissen: Ich kann das dann. Darum will ich das alte Frauenwissen wieder zurück haben für mich.

Haben Sie auch sonst eine Nähe zu alten Menschen?
Ich habe – auch wenn ich das nur diffus erklären kann – das Alter so gerne. Das Ende der Biografien hat für mich eine extreme Anziehung. Wir haben da sehr viel Wissen, Erfahrung und Geschichten gesammelt. Das Leben ist gemacht, und es gibt nichts mehr zu ändern – es ist ein Ort des Akzeptierens, in allen physischen, aber auch biografischen Bereichen. Das Leben ist gelebt, und der Körper ist an jenem Punkt des nahenden Endes angekommen. Es geht nicht mehr darum, einem äusseren Bild gerecht zu werden, sondern mit dem umzugehen, was ist. Da ist die Position der Pflegenden wahnsinnig heilsam, meditativ und schön. Ich muss nichts für gut und für falsch befinden.

Jegliche Form von Inszenierung ist weg.
Es gibt den bindenden Moment etwa bei der Demenz: Es ist ein Einsteigen in diese andere Welt. Das hat etwas mit Schauspielerei zu tun. Aber nicht im Sinn von Verstellen, sondern von totaler Ehrlichkeit. Wir versuchen nicht die Wahrnehmung des dementen Patienten zu korrigieren, sondern darauf einzusteigen und ihn in seiner Wahrnehmung zu bestätigen. Sich so in die Sachen einfühlen, wie sie sind, ohne ein Urteil zu fällen. Das ist auch der Schauspielerjob. Ich muss nicht urteilen über die Figur, sondern mich nur einfühlen. Das Verbindende ist die Empathie.

Sie lassen sich voll auf das Lebensende ein.
Es ist die Begegnung mit dem Tod an einem Ort, wo er akzeptabel ist. Es nicht der Unfalltod eines Kindes, den ich dort erlebe, sondern meistens der Tod eines Menschen, der auch fertig gelebt hat. Und da kann man dem Tod sagen: Guten Tag, schön bist du da! Willkommen, mach deine Arbeit. Und ich mache dann meine. Das ist auch sehr tröstend.

Wollen Sie auch etwas zurückgeben?
Ich bin als Schweizerin, die in einem Künstler-Haushalt aufgewachsen ist und die Schauspielschule machen durfte, ein extrem verwöhnter Mensch. Ich finde, genau solche Leute wie ich sollten sich auch um diese Pflegeangelegenheiten kümmern – gerade in einem Ausbildungsbereich, wo wir Leute als Pflegehelferinnen arbeiten lassen, die keine Wahl hatten. Ich finde es sehr gut, wenn hier eine bessere Durchmischung stattfindet. Und ich finde es eine falsche Entscheidung für die Gesellschaft, wenn wir das nicht auch selber machen.

Das ist ein Plädoyer gegen die Verdrängung.
Man schneidet sich damit nur ins eigene Fleisch. Die Wirkung, sich diesen Fragen zu stellen, ist eine heilende – für alle. Wir engagieren Pflegerinnen aus dem Ostblock und diese wiederum Pflegerinnen aus den Philippinen. Und auf den Philippinen sind sie ohne Pflegepersonal. Das ist ein dummer Rattenschwanz. Ich bin keine Politikerin, und es liegt mir nicht, mich im grossen Rahmen einzumischen – da bin ich die falsche Person, leider, denn ich hätte viele Ideen (lacht). Aber ich kann es selber machen. Es bewirkt immer mehr, als man meint. Man ist nicht nur der Stein, der reinplumpst. Er macht ein Kreisli, auch wenn ich keinen See ausbaggere. (Berner Oberländer)

Erstellt: 03.07.2013, 12:11 Uhr

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Zur Person

Mona Petri hat erst gerade im Februar im Film «Verliebte Feinde» als Frauenrechtlerin Iris von Roten für Aufsehen gesorgt. Die 36-jährige Schauspielerin aus Zürich ist Mutter der 9-jährigen Tochter Anouk. Der Vater ist Jannek Petri. Mona Petri ist die Enkelin von Anne-Marie Blanc, die Tochter des Komponisten Daniel Fueter und der Flötistin Anna-Katharina Graf. Jetzt ist sie erstmals fürs Landschaftstheater Ballenberg engagiert und spielt im «Vehsturz» von Tim Krohn nach der Sage von Albert Streich die Bürgerstochter Elsi. Bekannt gemacht hat Mona Petri auch der Film «Hello Goodbye» (2007) von Stefan Gubser. Am 19. Juni feierte sie im Theater Rigiblick in Zürich Premiere mit dem Stück «Die Heimholung» in der Regie von Volker Hesse. Dort spielt sie die Schwester des dementen Friedrich Nietzsche. Dieser wird von Petris Vater Daniel Fueter verkörpert.sp

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