Millionenschäden im Oberland sind keine Folge des Klimawandels

Oberland

36 Jahre lang beurteilte er die Gefahren des Oberlandes. Heute geht der Naturgefahrenexperte Heinrich Buri in Pension. Nun zieht er Bilanz und wagt einen Blick in die Zukunft.

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Hat der Mensch die Kontrolle über seine Siedlungen an die Natur verloren?
Heinrich Buri:Nein. Einige Gebiete wie der Spreitgraben in Guttannen oder die Prozesse beim Unteren Grindelwaldgletscher sind durch den Klimawandel aktiv geworden. Es ist auch möglich, dass der Weiler Boden bei Guttannen aufgegeben werden muss. Aber die Kontrolle verlieren heisst, dass die Sicherheit von Personen nicht mehr gewährleistet werden kann und dass die Schäden stark ansteigen. Das ist beides nicht der Fall.

Die ersten Häuser wurden bereits aufgegeben. Besteht die Gefahr, dass in Zukunft Dörfer oder sogar ganze Täler im Oberland umgesiedelt werden müssen?
Das glaube ich nicht. Untersuchungen im Grimselgebiet und in Kandersteg geben keinen Grund zu dieser Annahme. Im Gegenteil: Man ist weit davon entfernt, eine andere Siedlung aufgeben zu müssen. Wir haben ein sehr hohes Sicherheitsniveau im Kanton Bern, und so, wies aussieht, werden wir dies auch halten können.

Fakt ist: Die Anzahl Naturereignisse im Oberland hat in den letzten 30 Jahren stark zugenommen.
Das Unwetter 2005 hat in der Tat gezeigt, dass der Lawinenwinter und die Hochwasser im Jahr 1999 keine Einzelereignisse waren. Meiner Meinung nach liegen zwei Faktoren der Ereigniszunahme zugrunde. Der erste ist die vom Berner Klimahistoriker Christian Pfister erforschte Katastrophenlücke, auch «disaster gap» genannt. Sie bezeichnet eine Periode vom Ende des 19. Jahrhunderts bis 1980, in der in der Schweiz sehr wenige Grossereignisse stattgefunden haben. Vor dieser Periode gab es eine Häufung von solchen. Auch wenn bisher keine wissenschaftliche Erklärung vorliegt, lassen Statistiken vermuten, dass es sich bei der periodischen Häufung um einen Zyklus handelt. Nach der Katastrophenlücke befinden wir uns wieder oben auf der Welle, und die Ereignisse häufen sich.

Und der zweite Grund?
Das ist der Klimawandel. Dieser findet statt. Ich glaube, das bestreitet nicht einmal mehr Bush junior. Aus wissenschaftlicher Sicht ist völlig unbestritten, dass die Temperaturen steigen werden. Statistiken legen nahe, dass Extremwetterereignisse zugenommen haben. Dies wirkt sich auch auf Extremprozessereignisse aus. Dieser Trend ist zwar statistisch nicht belegt, es besteht aber eine starke Vermutung.

Wie gross ist der Anteil an Naturereignissen im Oberland heute, die wegen abschmelzenden Permafrosts mit dem Klimawandel begründet werden?
Dieser Anteil ist ganz klein. Von 15000 aufgezeichneten Ereignisse im Kanton Bern sind dies keine 100. Das ist rund ein halbes Prozent aller Ereignisse.

Fast noch entscheidender als die Anzahl Naturereignisse ist das Ausmass der dadurch verursachten Schäden. Wissenschaftler stellen die Tendenz fest, dass der Mensch heute öfter in gefährdeten Gebieten baut als früher. Ist dies im Berner Oberland überhaupt vermeidbar?
In den vorigen Jahrzehnten sind rückwirkend gesehen Sünden passiert. Man hat zu nahe an Gräben hin, an Ufer oder an Felswände gebaut. Bei Lawinengefahr wird das Bauen im Gefahrengebiet aber bereits seit 30 bis 40 Jahren vermieden, seitdem die ersten Gefahrenkarten vorliegen. Bei den übrigen Gefahren sind die wichtigsten Gefahrenkarten seit einem halben Dutzend Jahren fertiggestellt.

Die steigenden Schäden sind also eine Folge der Siedlungsentwicklung?
Ja, auch. Wenn die Ereignisse von 1999 und 2005 im Jahr 1900 passiert wären, hätte es einen Bruchteil an Schäden gegeben. Ein Grund dafür ist die dichtere Besiedlung in der heutigen Zeit im gefährdeten Bereich. Entscheidend ist aber auch, dass das Schadenpotenzial der Häuser enorm zugenommen hat. Ein Beispiel dafür bildete das Bödeli beim Unwetter 2005: Kein einziges Haus wurde zerstört, aber es entstand ein Gebäudeschaden von 100 Millionen Franken.

Welches war die schwierigste Aufgabe während Ihrer 36-jährigen Laufbahn?
Der Lawinenwinter 1999 hat uns bis an die Grenzen gefordert und manchmal auch darüber hinaus. Wir mussten mitentscheiden, wo Leute evakuiert und welche Verkehrswege gesperrt wurden. Die beiden Todesfälle im Café Oberland in Wengen gingen einem natürlich besonders nahe. Die Ereignisse lösten einen kaum zu bewältigenden Medienhype aus.

Wie wirkte sich der aus?
Bei uns im Schlosspark in Interlaken parkierten sogar Übertragungswagen von ZDF und anderen Fernsehsendern. Wir hatten dies nicht kommen sehen und erstickten anfangs fast daran. In Deutschland hiess es, man solle nicht mehr in die Schweiz einreisen, es sei überall gefährlich. Es entstand eine richtige Hysterie.

Sie haben nach dem Lawinenwinter 1999 betont, wie wichtig die Schutzfunktion des Waldes war. Wie geht es dem Wald heute?
Wenn man die Schutzfunktion des Waldes mit Verbauungen schaffen wollte, würde dies Milliarden kosten. Heute geht es dem Wald gut. Der Wald muss ähnlich wie ein technisches Schutzwerk unterhalten werden. Ohne Pflege und Verjüngung ist er irgendwann alt und verliert seine Schutzwirkung. Die Schutzwaldpflege ist somit eine Dauerarbeit.

In Brienz hat man sich nach den Ereignissen im Jahr 2005 für massive Bauwerke im Glyssibach und im Trachtbach für über 30 Millionen Franken entschieden. Können wir uns solche Werke überhaupt leisten?
Problemlos. Wir geben im Jahr im Kanton Bern ganz grob gesagt 50 Millionen Franken für Schutzbauten aus. Das sind jährlich 50 Franken pro Person, die neben Personensicherheit auch einen direkten materiellen Nutzen bringen. Ein Projekt wird nur realisiert, wenn das Kosten-Nutzen-Verhältnis stimmt. Das heisst konkret: Auch millionenschwere Bauwerke sind ein Gewinn. Wenn man sie nicht realisieren würde, käme es mittel- und längerfristig teurer.

Werfen wir einen Blick in die Zukunft: Kann man ein ähnliches Unwetter wie 2005 oder 1999 in Zukunft überhaupt in den Griff bekommen?
Die Prozessabläufe an sich – zum Beispiel Lawinenniedergänge oder Hochwasserstände in Flüssen – bringen wir bei solchen Ereignissen nicht unter Kontrolle. Wir können aber die Auswirkungen der Prozesse eingrenzen und somit die Schäden und Personenrisiken verringern.

Wie geschieht dies konkret?
Unsere sogenannte integrale Schutzstrategie, welche bauliche, planerische und alarmierende Massnahmen beinhaltet, hat sich bewährt. Wenn wir gefährdete Gebiete nicht zusätzlich überbauen, die bestehenden Schutzbauten gut unterhalten und weitere nötige Schutzbauten realisieren, dann denke ich, sollten die Schäden nicht mehr wesentlich ansteigen. Es wird aber wieder grosse Unwetter geben, und diese können auch Tote fordern.

Was wird für Ihren Nachfolger Nils Hählen die grösste Herausforderung werden?
Dies sind wohl die Veränderungen, welche durch den Klimawandel eintreten werden. Es werden neue Probleme hinzukommen, die wir heute noch nicht kennen. Das wird keine einfache Aufgabe, aber meine Naturgefahrenkolleginnen und -kollegen und insbesondere mein Nachfolger Nils Hählen sind für diese Aufgabe gut vorbereitet.

Sind Sie froh, dass Sie diese Herausforderungen nicht mehr selbst in Angriff nehmen müssen, oder sind Sie fast ein wenig reumütig?
Natürlich interessiert es mich sehr, wie es in den nächsten 100 Jahren weitergehen wird. Aber für mich ist nun der richtige Zeitpunkt für den Wechsel zu den aktiven Pensionisten. Wenn man das Leben mit einem Essen vergleicht, dann waren die 36 Berufsjahre der ausgesprochen feine Hauptgang. Jetzt kommt das Dessert. Ich liebe Desserts und freue mich nun sehr darauf!

Berner Oberländer

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