Thun

Lokale Künstler bezahlten die Steuern mit ihren Bildern

ThunDie Sammlung des Kunstmuseums Thun und deren Mitbegründer stehen zurzeit im Zentrum. Die Tochter des ersten Direktors weiss: «Am Anfang unterstützte die Kommission lokale Künstler mit dem Kauf der Bilder.»

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Der Lift fährt hoch, und die Türen sind verschlossen. Doch dahinter gelagert sind Schätze aus den letzten Jahrzehnten. Kuratorin Petra Giezendanner schlüpft in die weissen Handschuhe und zieht behutsam Gitter für Gitter hervor, an denen rund tausend Gemälde hängen. Nummeriert, angeschrieben, nicht nach Künstlerin oder Künstler sortiert. Vor einem Gitter bleibt sie lange stehen. «Dieses Ehepaar bei diesem Fenster, das den Blick auf den Brienzersee freigibt, ist eines meiner Lieblingsbilder», sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin und zeigt auf ein paar Details auf dem Gemälde in Öl. «Der Interlakner Max Buri hat es gemalt. Es ist mit einem Versicherungswert von 200'000 Franken eines der wertvollsten Bildern in unserer Sammlung.»

Während Petra Giezendanner Gitter um Gitter wie hochgestellte Schubladen herauszieht, Skulpturen und Installationen beschreibt, die auf Regalen und am Boden lagern, und Schachteln voller Grafiken und Lithografien aus alten Zeiten öffnet, können Kunstinteressierte in der aktuellen Ausstellung «We Proudly Present» im Kunstmuseum an der Hofstettenstrasse noch bis zum 30.September eine Auswahl aus der Sammlung des Kunstmuseums Thun kennen lernen.

Zahlten Steuern mit Bildern

Der erste Ausstellungsraum ist Albert Glaus, dem Mitbegründer des Kunstmuseums und dessen erstem Präsident, gewidmet. Gezeigt werden weiter Ölgemälde, Grafiken und Veduten, ebenso Skulpturen, und in einem Raum sprechen fünf Interviewte über die Sammlung und ihr Kunstverständnis. So erzählt die 93-jährige Vreni Glaus aus Steffisburg von ihrem Vater und davon, wie die Sammlung begann: «Mit den ersten gekauften Bildern unterstützte die Kommission lokale Künstler, indem sie auf diese Weise ihre Steuern bezahlen durften», erinnert sie sich. Und Stadtpräsident Raphael Lanz erzählt dem Publikum im Video, weshalb er ein Bild der Thuner Künstlerin Helene Pflugshaupt in seinem Büro aufgehängt hat: «Als Unistudent und Taxifahrer trug ich damals die bereits gebrechliche Künstlerin jeweils die Treppen hinunter und ins Auto.» Pädu Anliker von der Café/Bar Mokka outet sich als Glaus-Fan; der Künstler Martin Lüthi alias Heinrich Gartentor bedauert, dass in Thun nicht gesagt wird: «Das ist eine Künstlerin oder ein Künstler von hier, und wir sind stolz darauf.» Auch Sabine Portenier Stauch, Modedesignerin und Kommissionsmitglied, wurde interviewt. Sie erläutert, wie die Kommission zu ihrem Entscheid für die Ankäufe gelangt.

Das Kunstmuseum bewahrt ausserhalb des Stadtzentrums in drei Räumen und auf einer Gesamtfläche von 282 Quadratmetern 7163 Kunstwerke auf. Davon sind achtzig Prozent Grafiken, das meiste davon Lithografien und Veduten. Marquard Wochers Thun-Panorama ist mit 287 Quadratmetern das grösste Werk der Sammlung.

Erste Ausstellung im Jahr 1948

Die Geschichte der Kunstsammlung der Stadt Thun (heute Kunstmuseum Thun) beginnt mit einem politischen Entscheid: Im Sommer 1948 rief der Gemeinderat – nachdem Kunstmaler Alfred Glaus, Gemeinderat Fritz Lehner und Stadtpräsident Paul Kunz die nötigen Vorbereitungen vorgenommen hatten – eine fünfköpfige Kunstkommission ins Leben. Und Glaus sollte die Kunstsammlung leiten. Die Kommission wurde 1955 um zwei weitere Mitglieder erweitert. Im Erdgeschoss des ehemaligen Grand Hotel Thunerhof, welches die Stadt 1942 erworben hatte, wurden zuerst vier, nach dem Umbau des grossen Speisesaals 1951 weitere fünf und zwei Jahre darauf nochmals drei Säle zur Verfügung gestellt. Heute belegt das Kunstmuseum für Ausstellungen und Büroräumlichkeiten gut die Hälfte des Erdgeschosses.

Bis 1954 betreute der Kunstmaler Glaus die Ausstellung. 1957 vermachte er sein vollständiges lithografisches Werk der Stadt, und 1990 vererbten dessen Erben sein Frühwerk und andere Arbeiten dem Kunstmuseum. Die Sammlung enthält auch etliche Werke von bekannten Künstlern wie Ernst Morgenthaler (1887–1962), Victor Surbek (1885–1975), Arnold Brügger (1888–1975), Cuno Amiet (1868–1961) und Werner Engel (1880–1941).

Künstler unterstützen

«Ausstellungen haben vor allem zum Ziel, nationale und internationale Kunst nach Thun zu holen, und die Ankäufe zudem, die lebenden Künstlerinnen und Künstler vor Ort zu fördern und zu unterstützen», sagt Petra Giezendanner. Die Kommission lese in der Regel Kunstwerke aus der Weihnachtsausstellung für einen Ankauf aus. «Am wertvollsten sind jedoch vor allem die Dauerleihgaben und einzelne Werke», weiss die Kuratorin.

Petra Giezendanner schiebt das letzte Gitter zurück, zieht die weissen Handschuhe aus, schliesst die Türen wieder ab und steigt in den Lift. «In diese verschiedenen Kunstwelten im Depot einzutauchen, ist immer wieder ein Erlebnis – und lässt mein Kunstherz höher schlagen.»

Die nächste Ausstellung im Kunstmuseum: «It’s a Woman’s World: 10 Jahre Frauenkunstpreis» (20.Oktober bis 25.November).

«Man müsste jetzt den Mut haben, etwas Endgültiges zu schaffen»

Der Thuner Künstler Alfred Glaus hat das Kunstmuseum 1946 initiiert. Im Herbst 1948 fand die erste Ausstellung statt. Ein Blick zurück.

«Von kleineren, Thun ähnlichen Gemeinden in der Schweiz haben Aarau seit 1860, Chur seit 1900, Glarus seit 1870, La Chaux-de-Fonds seit 1864, Le Locle seit 1862 und Olten seit 1845 ihre ‹öffentlichen Kunstsammlungen›, welche eine permanente Sammlung mit wechselnden temporären Kunstausstellungen umfassen», schreibt Alfred Glaus (1890–1971) in einem Brief im Februar 1946, der in der aktuellen Ausstellung noch bis zum 30.September gezeigt wird. «Es scheint uns, dass Thun seiner Entwicklung gemäss sich diesen Orten zur Seite stellen dürfte.» Und: «Man müsste jetzt den Mut haben, etwas Ganzes und Endgültiges zu schaffen.»

Alfred Glaus, Initiant, Mitbegründer des Kunstmuseums Thun (ursprünglich Kunstsammlung der Stadt Thun), dessen erster Leiter und zugleich einer der bekanntesten Thuner Künstler, ist ein eigener Raum in der Ausstellung gewidmet. Gezeigt werden eine Büste von ihm, ein Ölbild, Grafiken, Korrespondenzen und anderes. Einfluss auf geistige Haltung

Bevor das Kunstmuseum 1948 eingeweiht wurde, fanden Ausstellungen vor allem in Schulen, Verwaltungsgebäuden et cetera statt, und eine öffentliche Wirkung blieb aus. «Wesentlich ist aber die fortwährende Möglichkeit der Betrachtung von Kunstwerken, wenn ein befruchtender Einfluss auf die geistige Haltung der Bevölkerung gewonnen werden will», schrieb Glaus weiter.

Er schlägt vor, wie die Kunstsammlung der Stadt Thun ihre erste Ausstellung zusammenstellen könnte – mit einem «grafischen Kabinett». Der Künstler schlug dafür Stiche, Zeichnungen, Radierungen, Holzschnitte, Lithografien, Ölgemälde und Aquarelle vor, die im Besitze der Stadtbibliothek sind, im historischen Museum im Schloss aufbewahrt werden oder Schenkungen und Leihgaben Privater sind – oder von der Eidgenossenschaft, dem Berner Kunstmuseum et cetera. «Man könnte mindestens drei Räume füllen», warb Glaus überzeugt für seine Vision.

Für ortsansässige Künstler

Alfred Glaus präsentierte 1946 das Konzept samt Personaleinsätze, Organisation mit Kommission für die Kunstsammlung, mit einem Beauftragten für die Konservation, Einrichtung und Durchführung von Ausstellungen. Viele seiner Ideen werden im Wesentlichen noch heute umgesetzt. «Mancherorts finden solche Ausstellungen drei- bis viermal pro Jahr statt, andernorts findet bestenfalls eine und zwar gewöhnlich die Weihnachtsausstellung der ortsansässigen Künstlern statt», schrieb er.

Alfred Glaus führte seit 1948 das Inventar des Kunstbesitzes der Stadt Thun, der sich auf mehrere Standorte verteilte. Der damalige Inventarwert belief sich auf 400'000 Franken, wobei der Marktwert bedeutend höher geschätzt wurde. Die weitsichtige Behörde, wie Glaus schrieb, habe zum Glück Mittel bewilligt und seit vier Jahrzehnten zum Beispiel Kupferstiche gesammelt und vor dem Verderben gerettet. 1952 setzte sich Glaus dafür ein, dass die Kunstsammlung der Stadt Thun kein «Anhängsel des Gemeindehaushalts» ist, sondern innerhalb der Verwaltung ein selbstständiges Institut mit eigener Rechnungsführung.

Des Malers delikate Aufgabe

Der Kunstmaler Alfred Glaus war Mitglied der Kunstkommission und vom Gemeinderat vorübergehend beauftragter Konservator mit dem Ziel, diese Aufgabe wieder abzugeben. «Denn ich bin mir der Grenzen meiner Fähigkeiten und Kenntnisse bewusst, und ausserdem ist es für einen Maler eine äusserst delikate Aufgabe, Vorschläge zu machen für Ausstellungen, objektiv die Namen von Kollegen auszuwählen, gute Miene zu machen», schrieb er 1952, «wo man den ganzen Krempel zum Tempel hinauspfeffern möchte und dergleichen.» sft (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 19.09.2012, 08:26 Uhr

Die Kommission für bildende Kunst

Die Kunstsammlung der Stadt Thun umfasst heute 7163 Werke von rund 1200 Kunstschaffenden, 8 Prozent davon sind weiblich. 80,5 Prozent der Arbeiten sind vor 1970 entstanden.

70 Prozent sind Schenkungen, 4,8 Prozent Dauerleihgaben.
Alfred Glaus (1890–1971) ist mit 491 Arbeiten der meist vertretene Künstler. Am Anfang war er selbst Mitglied der Kunstkommission, die 1948 eingesetzt und von Gemeinderat Fritz Lehner präsidiert wurde. Glaus’ Mitgliedschaft hatte dazu geführt, dass es etwa hiess, er habe sich und seine Werke bevorzugt, und diese seien deshalb so zahlreich in der Sammlung vorhanden.

«Das stimmt so natürlich nicht», wehrt sich die heutige
Direktorin des Kunstmuseums, Helen Hirsch. «Glaus war zwar als Künstler und als Mitglied der Kommission in einer schwierigen Position, doch die meisten seiner Werke sind Schenkungen, die erst später Eingang in die Sammlung gefunden haben.»
Hirsch ist nach Alfred Glaus, Paul Leonhard Ganz, Georg J. Dolézal und Madeleine Schuppli die fünfte Direktorin des Kunstmuseums Thun. Die Werke für dessen Sammlung werden angekauft und als Geschenke, Depositen oder Leihgaben entgegengenommen. Von Anfang an bestimmte eine Kommission, was in die Sammlung kommt. Jeder Ankauf wird dem Gemeinderat zur Genehmigung vorgelegt. Ausstellungs- und Atelierbesuch gehören oftmals auch zum Auswahlprozedere. «Heute legen wir den Schwerpunkt auf drei Themenbereiche Landschaften, regionale Kunst und Swiss Pop Art», erklärt Hirsch.
Der Kommission für bildende Kunst stehen seit über zehn Jahren jährlich 60'000 Franken für den Ankauf von Kunstwerken zur Verfügung. Die durch den Gemeinderat gewählten Mitglieder sind zurzeit Vanessa Achermann (Kunsthistorikerin, Bern), Thomas Bähler (Anwalt, Bern), Ueli Biesenkamp (Kulturorganisator, Thun), Marianne Flubacher (Leiterin Kulturabteilung, Thun), Mirjam Helfenberger (Kunstmalerin, Guggisberg), Elisabeth Herren (Regionale Kulturkonferenz Thun, Hünibach), Helen Hirsch (Direktorin Kunstmuseum), Stefan Künzle (Architekt, Thun), Reto Leibundgut (Künstler, Basel), Rolf Marti (Alt-SP-Stadtrat, Thun), Sabine Portenier Stauch (Modedesignerin, Thun).sft

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