Leissigen will die Bahn behalten

Leissigen

Die Gemeinde Leissigen wehrt sich gegen die Verlegung des regionalen öffentlichen Verkehrs von der Schiene auf die Strasse. Man dürfe nicht übereilt entscheiden, meint Alt-Gemeindepräsident Beat Steuri.

Leissigens Alt-Gemeindepräsident Beat Steuri (rechts) erläutert Grossrat Gerhard Fischer, Vizepräsident der Bau-, Energie-, Verkehrs- und Raumplanungskommission, die Interessen seiner Gemeinde.

Leissigens Alt-Gemeindepräsident Beat Steuri (rechts) erläutert Grossrat Gerhard Fischer, Vizepräsident der Bau-, Energie-, Verkehrs- und Raumplanungskommission, die Interessen seiner Gemeinde.

(Bild: Fritz Lehmann)

Samuel Günter@samuel_guenter

Im Frühling wird der Grosse Rat des Kantons Bern über den Angebotsbeschluss 2018 bis 2021 für den öffentlichen Verkehr befinden. Dessen Entwurf sieht vor, dass der Regionalverkehr zwischen Interlaken und Spiez nicht mehr per Bahn, sondern per Bus abgewickelt wird.

Dagegen regt sich vor allem in Leissigen Widerstand. Eine Arbeitsgruppe, der auch Gemeindepräsident Bruno Trachsel angehört, koordiniert die Bemühungen. Mitglied ist der ehema­lige Gemeindepräsident und CEO der Nitrochemie, Beat Steuri. Er ist überzeugt, dass der Wechsel vom Gleis auf die Strasse ein Fehler ist. Als Grundlage dient ihm dabei die Studie zur ­Zukunft des Regionalverkehrs Spiez–Interlaken Ost, die der Kanton in Auftrag gegeben hat.

A 8 als Problem

Insgesamt sei die Studie aus seiner Sicht als Ingenieur in Ordnung, wenn auch etwas «auftraggeberhörig». Allerdings seien die Ergebnisse der Studien nur bedingt in den Entscheid eingeflossen. So werde die Bus- und die von der BLS ins Spiel gebrachte Variante mit einem Flügelzug als gleichwertig bezeichnet.

«Wenn man die Bewertungen im Detail ansieht, schneiden die Bahnvarianten gar leicht besser ab, bezieht man die Interessen von Leissigen in der Bewertung und der Gewichtung mit ein, klar besser ab», erklärt Steuri.

Allerdings würde die Studie verschiedene Faktoren nicht beachten. Hauptsächlich die A 8 – genauer gesagt die Auffahrten auf die A 8. Steuri bezweifelt, dass ein Betrieb nach Fahrplan zu Stosszeiten möglich ist.

«Gerade die Auffahrt in Därligen dürfte ein grosses Problem werden.» Dort müsste der Bus hangaufwärts anfahren und die Gegenfahrspur kreuzen. «Schon für PW dauert das Einbiegen dort oft sehr lange», meint Steuri. «Und das Astra rechnet auf dieser Strecke in den nächsten zehn Jahren mit einer Verkehrszunahme von 30 Prozent.»

Und bei einem Unfall komme der Verkehr auf der A 8 über längere Zeit zum Erliegen. «Dadurch würde der ÖV für Schüler, Pendler und Reisende, die eine Fernverbindung oder gar ein Flugzeug kriegen müssen, zu unzuverlässig.»

Als störend empfindet Steuri, dass sogar die Studie selbst damit rechne, dass wegen der Umstellung 6 Prozent der Pendler vom ÖV aufs Auto wechseln würden. «Das kann ja nicht im Sinn der Sache sein.» Steuri weist darauf hin, dass man im Zusammenhang mit dem Bahnausbau und der Kreuzungsstelle Leissigen einiges zuge­mutet werden soll.

«Wertvolle Baulandreserven am See gehen verloren und müssen enteignet werden, Gebäude müssen weichen, und neue Mauern sollen das Dorf noch mehr zweiteilen. Das können wir tragen, aber nicht, wenn der Zug dann einfach an uns vorbeifährt.»

Entscheid verschieben

Die Arbeitsgruppe will mit der BLS bei der Regionalkonferenz vorstellig werden. Dies mit dem Ziel, den Entscheid Bus oder Bahn aus dem Angebotskonzept 2018 bis 2021 herauszunehmen und zu verschieben. «Der Entscheid eilt nicht», meint Steuri. «Schliesslich hält der Kanton selbst fest, dass er keinen unmittelbaren Einfluss auf den Fernverkehr habe. Also besteht keine Notwendigkeit, überstürzt zu handeln.»

Schützenhilfe bekommt Leissigen vom Meiringer Grossrat Gerhard Fischer (SVP). «Ich denke, es wäre sinnvoll, den Entscheid zurückzustellen», meint der Vizepräsident der Bau-, Energie-, Verkehrs- und Raumplanungskommission. Dafür werde er auch plädieren, wenn das Geschäft in die Kommission komme.

«Aber es wäre zielführender, wenn der Entscheid schon in der Regionalkonferenz gefällt würde.» Falls das Angebotskonzept in der jetzigen Form in den Grossen Rat kommen würde, werde es sehr schwierig, den Entscheid umzustossen, befürchtet Fischer.

Die anderen Gemeinden

Aber wie sehen es die anderen ­betroffenen Gemeinden? In Därligen hält man sich bedeckt. «Wir sehen uns nicht in der Position, Forderungen zu stellen», erklärt auf Anfrage Gemeindepräsident Hans Wolf. Man wolle sich in den entsprechenden Gremien äussern und nicht in der Öffentlichkeit.

Spiez favorisiere eine Bus­lösung, erklärt Gemeindepräsidentin Jolanda Brunner. Dies wegen der Erschliessung von Faulensee. «Der Bahnhof Faulensee ist ausserhalb der Ortschaft und kaum frequentiert, mit dem Bus würde sich die Situa­tion klar verbessern.» Auch Interlaken sprach sich in der Mitwirkung für die Buslösung aus, wie Gemeindepräsident Urs Graf bestätigt.

Ein gewichtiges Argument seien dabei die Schliesszeiten der Barrieren im Zentrum. «Wir evaluieren sorgfältig, was für unsere Agglomeration das Beste ist», hält Graf fest. «Sollte die BLS eine Lösung präsentieren mit durchgehendem Halbstundentakt nach Bern, müssten wir diese sicher prüfen.

Am kommenden Montag werden Vertreter der Regionalkonferenz und der BLS die Problematik besprechen. Steuri hofft auf die Solidarität unter den Gemeinden des östliche Oberlands.

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