Kleist wollte Bauer werden und liebte die Thuner Frauen

Thun

Am Mittwoch wurde eine Sonderausstellung im Schloss Thun eröffnet. Sie thematisiert den Dichter Kleist und seine Zeit.

Ein junges Mädchen in der Freudenbergertracht wird in der Ausstellung im Schloss gezeigt. Kleist war begeistert von den Thuner Meitschi.

Ein junges Mädchen in der Freudenbergertracht wird in der Ausstellung im Schloss gezeigt. Kleist war begeistert von den Thuner Meitschi.

(Bild: Markus Hubacher)

«Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne»: Mit diesem Zitat von Hermann Hesse begrüsste die Kuratorin Anett Lütteken die Besucher der Vernissage der Kleist-Ausstellung im Schloss Thun. «Thun hat Heinrich von Kleist fasziniert und hier fand er zur Schriftstellerei», ergänzte Philipp Burkard, Leiter der Kulturabteilung und Co-Kurator der Ausstellung. «Deshalb soll hier auch der Zauber dieser Tage wiedergegeben werden.»

Thun – ein Paradies

Eigentlich kam Heinrich von Kleist mit einem ganz anderen Vorsatz in die Schweiz, als Dichter zu werden. «Ich will Bauer werden», sagte er sich. Und unter diesem Moto steht nun auch die Ausstellung im Schloss. Nachdem er die Schriften von Jean Jacques Rousseau gelesen hatte, kam Kleist zum Schluss, dass nur bei den Bauern in der Schweiz das natürliche und unverdorbene Leben zu finden sei. So siedelte Kleist im Jahre 1802 nach Thun über.

Für den ehemaligen Leutnant, der aktiv an zwei kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Deutschland und Frankreich teilgenommen hatte, muss Thun dem Paradies gleichgekommen sein. Weil er aber dem Hochadel aus Pommern entstammte, hatte es für ihn scheinbar keine Alternative zur Militärkarriere gegeben. Bereits sein Entschluss, die Armee zu verlassen und ein Universitätsstudium zu beginnen, sorgte in seiner Familie für Empörung. Dass er auch noch Bauer werden könnte, schien unvorstellbar. Vor allem seine Verlobte Wilhelmine war von der Idee nicht angetan. Daraufhin kam es zum Bruch zwischen ihr und Kleist. Von der schönen Wilhelmine sind im Schloss zwei Portrait-Darstellungen zu sehen.

Zeiten des Umbruchs

«Kleist lebte in einer Zeit des Umbruchs», erklärte die Museumsleiterin Lilian Raselli. Denn auch für das Berner Oberland, das während Kleists Besuch ein eigener Kanton war, veränderte sich in dieser Zeit viel. Im Jahre 1798 war die Schweiz unter französischem Protektorat zur Helvetischen Republik geworden. «Diese Entwicklungen hat Kleist ganz bewusst wahrgenommen», ist Anett Lütteken überzeugt. Die Schweiz sei in dieser Zeit so etwas wie eine politische Experimentierwerkstatt gewesen. Dieser Aspekt der Wirren in der Schweiz und rund um die Napoleonischen Kriege wird in der Ausstellung mit Hilfe von Bildern und Schautafeln dargestellt.

Dass Kleist letztlich nicht wie geplant Bauer wurde, hatte möglicherweise ebenfalls mit einer Veränderung zu tun: dem Wandel in der Agrarwirtschaft. Denn beispielsweise in der Viehzucht begannen sich langsam die Erkenntnisse aus der Vererbungslehre durchzusetzen. Ertragssteigerung wurde zu einem wichtigen Thema. Mit dieser Art der Landwirtschaft konnte Kleist nichts anfangen. «Kleist wurde Opfer einer Illusion des idyllischen Landlebens und so kam er vom Plan, Bauer zu werden, ab», sagte Lütteken.

Kleist und Thuner Meitschi

Die Mädchen von Thun dagegen entsprachen Kleists romantischen Vorstellungen. «Es wird erzählt, dass sich Kleist sogar in ein Thuner Meitschi verliebt habe», sinnierte die Thuner Gemeinderätin Ursula Haller bei ihrer Begrüssungsrede. Bewiesen wurde das nie, aber vorstellbar wäre es. Denn Kleist schwärmte von der jungen Thunerin Mädeli in den höchsten Tönen. «Sie ist ein freundlich-lieblich Mädchen, das sich annimmt, wie ihr Taufname Mädeli», sagte der Dichter über sie. Deshalb wird den schönen, jungen Oberländerinnen auch in der Ausstellung mit einem Bild eines Mädchens in der Freudenbergertracht Rechnung getragen.

Amüsantes und Kurioses

Neben diesen geschichtlichen Themen wird in der Ausstellung im Schloss Amüsantes und Kurioses gezeigt. Der Kleistsammler Burkhard Wolter hat zahlreiche Kleist-Raritäten beigesteuert. Es finden sich Kleist-Münzen, eine Champagnerflasche mit einer Kleist-Etikette, Quartettkarten mit den Köpfen berühmter deutscher Dichter und sogar ein Imitat der süssen Kleist-Schnitten aus seiner Heimatstadt Frankfurt an der Oder, um nur einige Beispiele zu nennen. Da die Bandbreite der Ausstellung über den Dichter Kleist hinausgeht und auch intensiv die Zeit um 1800 und besonders auch die Geschichte des Kantons Oberland behandelt, lohnt sich der Besuch nicht nur für Kleist-Fans.

Falsche Bilder korrigieren

«Weil er Selbstmord begangen hat, wird Kleist heute von vielen Menschen als vorwiegend tragische Figur wahrgenommen», bedauert Philipp Burkard. «Das ist eine einseitige Sicht auf den Dichter. Wenn man beispielsweise den Zerbrochenen Krug liest, merkt man das. Dieses Lustspiel ist voller Witz und bringt mich immer wieder zum Lachen.» Für Thun hat «der zerbrochene Krug» ohnehin eine wichtige Bedeutung. «Kleist begann hier an dieser Komödie zu schreiben, die heute als eines seiner berühmtesten Werke gilt.»

Trotzdem: Dass ihm einmal eine ganze Veranstaltungsreihe in Thun gewidmet werden würde, darauf wäre der Dichter wohl nie gekommen, vermutet Gemeinderätin Ursula Haller. Sie selber schien es schon länger geahnt zu haben: «In meiner früheren Funktion als Stadthostesse habe ich bei den Führungen immer mit Stolz erwähnt, dass Heinrich von Kleist einige Zeit in Thun lebte.»

Thuner Tagblatt

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