«Jeregott, das isch ja e Bär!»

Eriz

Er war daran, Zäune wieder instand zu stellen. Dann kam es für einen Erizer zu einer Begegnung der historischen Art: Er fotografierte als Erster überhaupt einen frei lebenden Bären im Kanton Bern.

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Angst? «Nein, Angst habe ich keine Sekunde gehabt», sagt der Mann, der am letzten Freitag in der Gemeinde Eriz einen Bären fotografiert hat. Seinen Namen möchte der Erizer lieber nicht in der Zeitung lesen ­– schon so ist ihm der Rummel viel zu gross. «Das Erlebnis ist für mich das Wichtigste», sagt er bescheiden im Gespräch im Garten seines Bekannten, des ehemaligen Fussballtrainers Hanspeter Latour.

Der frühere FC-Thun-Coach und grosse Naturfreund hat den Kontakt mit dieser Zeitung hergestellt und ist selber ganz aus dem Häuschen über die Nachricht, dass kaum zwei Kilometer Luftlinie von seinem Zweitwohnsitz im Innereriz ein Bär gesichtet worden ist – laut Volkswirtschaftsdirektion ist es der erste Nachweis eines wilden Bären im Kanton Bern seit mehr als 190 Jahren. Für Latour ist klar: Dass gerade sein Bekannter dem Bären begegnet sei, «ist kein Zufall». Der Mann, der im Gebiet Schafe sömmert, bestätigt, dass er die Gegend «aus dem Effeff» kenne.

«Kein Bäremani!»

An jenem Freitag war der Mann daran, im steilen Gelände am Ramsgring Zäune zu reparieren. Er erzählt: «Ich sah, dass an einer Stelle eine Tanne auf den Zaun gefallen war. Ich legte den Rucksack ab, ging hin und schaute mir die Sache genauer an.» Er erkannte, dass die Tanne den Durchgang für die Schafe versperrte und es sich so erübrigte, einen neuen Zaun aufzustellen. Also kehrte er um und hörte plötzlich aus der Ferne ein Jodlerchörli singen.

«Ich schaute in die Richtung, aus welcher der Gesang kam, und sah vielleicht 60 bis 70 Meter entfernt ein Tier – im ersten Moment dachte ich, es sei ein grosser Hund.» «Typisch», habe er zu sich selber gesagt, «den Hund lassen sie ohne Leine laufen.» Dann erst realisierte er: «Jeregott, das isch ja e Bär!» Sofort rannte der Erizer los. Nicht um Reissaus zu nehmen, sondern um die Kamera zu holen, die er in seinem Rucksack dabeihatte. Mit dem Fotoapparat ging er wieder auf den Bären zu, der ihn nun ebenfalls entdeckte. «Ein Blickkontakt war da», sagt der Mann.

Und: «Der Bär war noch etwa 30 Meter entfernt.» Dann verliess das Tier den kleinen Schafweg und verschwand aus dem Blickfeld des Hobbyfotografen. «Aber ich wusste: Wenn er hinter der nächsten Tanne hervorkommt, hab ich ihn. Und so habe ich sofort abgedrückt.» Danach kletterte der Erizer über das steile Gelände nach unten und konnte das sich entfernende Raubtier nochmals fotografieren. Scheu sei der Bär gewesen – «ein stattliches Tier, kein Bäremani!»

«Wollte zuerst fertig zäunen»

Erst als das Grossraubtier definitiv aus seinem Blickfeld verschwunden sei, habe er die Gänsehaut gespürt, das Adrenalin. «Ich musste die Bilder anschauen, um mir selber zu bestätigen, dass ich wirklich dieses Tier gesehen habe.» Dann sei ihm klargeworden, dass er umgehend den Wildhüter anrufen müsse. «Er meinte, ich solle sofort zu ihm kommen. Aber ich wollte zuerst fertig zäunen.» In diesen Tagen arbeite er im Übrigen weiter an den Umzäunungen. «Bedroht fühle ich mich nicht», sagt er. Auch wegen der Schafe macht er sich keine grossen Sorgen. «Der Bär ernährt sich ja auch von Pflanzen. Ich hätte lieber zehn Bären als einen einzigen Wolf.»

Das Tier habe sich bisher völlig unauffällig verhalten, hält ihrerseits die Volkswirtschaftsdirektion in ihrer Mitteilung fest. Und: «Es handelt sich wahrscheinlich um einen jungen männlichen Bären, der in kurzer Zeit grosse Distanzen zurücklegen kann. Es ist daher unklar, ob sich der Bär weiterhin in der Region aufhält.» Waren zuvor schon Bären da?

Eine wirkliche Überraschung sei für ihn die Bärensichtung allerdings nicht gewesen, sagt der Eri­zer. Er hat schon vor rund 35 Jahren in der Nähe in Höhlen alte Bärenlager entdeckt und sagt: «Ich wusste, dass dies ein Gebiet ist, in dem die Bären zuerst wieder auftauchen könnten.» Auch Hans­peter Latour schreibt in seinem aktuellen Buch «Das isch doch e Schwalbe!» mit Bildern und Geschichten über die Tiere im Umfeld seines Zweitwohnsitzes, dass sich die Erizer erzählen, vor über 100 Jahren habe ganz in der Nähe der jetzigen Sichtung eine Bärenfamilie gehaust.

Und über seinen Bekannten, der das Tier am Freitag entdeckt hat, sagt Latour nun: «Man ist sich nicht sicher – hat er den Bären gesucht oder der Bär ihn?» Beide lachen. Nein, ein Grund zur Sorge ist die Bärensichtung für die Leute vor Ort ganz offensichtlich nicht . . .

Thuner Tagblatt

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