Oberland

Ist Airbnb Fluch oder Segen fürs Oberland?

OberlandIn privaten Zimmern übernachten boomt, sagen sich Vermieter. Was die Buchungsplattform angeht, gehen die Meinungen im Berner Oberland auseinander.

Der US-Amerikaner John Lampert prüft die Elastizität der Matratze in seinem Zimmer. Gastgeberin Hedy Ryter kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Der US-Amerikaner John Lampert prüft die Elastizität der Matratze in seinem Zimmer. Gastgeberin Hedy Ryter kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Bild: Christoph Buchs

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John Lampert checkt ein. Nach rund 20 Stunden Reisezeit ist der Schulbusfahrer aus dem Raum Boston via Paris und Zürich im Bed-and-Breakfast an der Marktgasse 31 in Interlaken gelandet. Dort hat der US-Amerikaner vor Tagen via der Airbnb-Plattform bei Hedy Ryter ein Zimmer gebucht, umgehend den Preis von 68 Franken pro Nacht (inkl. Frühstück) bezahlt und sitzt nun am Tisch im Wohnzimmer.

Geduldig lässt er sich von Gastgeberin Hedy Ryter die Hausregeln erklären und kramt seinen Reisepass aus der Tasche. «Auf diesen Zettel müssen Sie Ihre Personalien draufschreiben», sagt Hedy Ryter und legt dem Gast den Meldeschein vor.

Korrekt abrechnen

«Alle meine Gäste müssen sich registrieren, schliesslich habe ich für jede Person und für jede Nacht eine Kurtaxe von 3 Franken und 50 Rappen abzuliefern», sagt die gebürtige Frutigerin. Ein Blick in ihre Buchhaltungsunterlagen verrät zudem, dass sie eine Tourismusförderungsabgabe von 150 Franken an die Interlakner Tourismusorganisation zahlt und ihre Einkünfte auch in der Steuererklärung deklariert.

Sie habe «nicht das geringste Interesse, etwas Illegales zu betreiben», sagt Hedy Ryter und weist unter anderem darauf hin, dass sie als Mieterin der 4½-Zimmer-Wohnung die Hausverwaltung vor dem Start ihres Bed-and-Breakfast-Geschäftes im April 2015 über ihre Pläne orientierte und grünes Licht bekommen ­habe.

Auch die Mitbewohner des Mehrfamilienhauses an der Marktgasse habe sie ins Bild gesetzt und habe mit ihnen – nach anfänglicher Skepsis wegen allfälliger Lärmemissionen ­– ein sehr gutes Einvernehmen.

Hedy Ryter erklärt John Lampert am Tisch im Wohnzimmer mittels Ortsplan alles Wissenswerte rund um Interlaken. Bild: Christoph Buchs

Mit Airbnb habe sie nur gute Erfahrungen gemacht. «Der Service stimmt. In meinen Augen ist das eine gute Plattform.» Sie schätzt zudem die unternehmerischen Freiheiten. «Ich kann selber bestimmen, in welchen Zeitperioden ich mein Zwei- und mein Dreibettzimmer zur Ver­fügung stellen will und wann nicht», sagt sie. So nehme sie sich in den Monaten Mai und September je eine Woche und im November zwei Wochen Ferien.

«Diese Tage kann ich online auf meinem Airbnb-Profil sperren, dann sieht der Gast gleich auf einen Blick, dass diese Räume nicht verfügbar sind», sagt Hedy Ryter. Neben diesen vier Wochen sei es dann aber vorbei mit der freien Zeit, was ihr aber nichts ausmache, sagt sie. «Kein Problem», antwortet sie auf die Frage nach den aufwendigen Arbeiten wie Zimmer putzen, Betten herrichten und stets bereitstehen, auch dann, wenn Gäste sich verspäten oder früher als vereinbart vor der Türe stehen. «Ich bin ein Nachtmensch, weshalb es mir nichts ausmacht, einen Gast um Mitternacht zu begrüssen.»

90-prozentige Auslastung

«Ich kann gut mit Menschen», nennt die Airbnb-Gastgeberin als Hauptgrund, warum sie dieses «Business» betreibt – und dies mit Erfolg. «Ich verfüge über mehr als 80 Prozent Fünfsternbewertungen und gelte daher als Super-Host. Zudem sind meine beiden Zimmer im Jahresdurchschnitt zu 90 Prozent ausgelastet.» Besonders in den Sommermonaten Juli und August sei sie schon Monate zum Voraus ausgebucht. Was die Herkunftsländer ihrer Gäste betrifft, begrüsst Ryter zu beinahe 70 Prozent Klientel aus asiatischen Ländern. «In jüngster Zeit wird wieder vermehrt aus dem US-amerikanischen und englischen Raum gebucht», ist der Gastgeberin auf­gefallen.

Kontakt zu Bevölkerung

Und John Lampert? Warum hat der Mann aus Boston gerade Airbnb als Plattform für seine ­Buchung gewählt? «Mir sagt der Kontakt zur lokalen Bevölkerung sehr zu, das gefällt mir», sagt der US-Amerikaner und verrät, dass er nach Interlaken noch Grindelwald und Mürren besucht, bevor er zu Bergtouren in den Dolomiten aufbricht und nach fünf Wochen von Venedig aus die Heimreise antreten wird. (Berner Oberländer)

Erstellt: 12.07.2017, 08:42 Uhr

Airbnb: Rund 1000 Objekte im Oberland

Drei US-Amerikaner gründeten Airbnb 2008 in San Francisco. Der ursprüngliche Name lau­tete «Airbedandbreakfast», was übersetzt «Luftmatratze und Frühstück» heisst.

Airbnb stellt als Onlineplattform den Kontakt zwischen Gastgeber und Gast her und ist ausschliesslich für die Abwicklung und Buchung verantwortlich. Die Transaktion finde dabei über die Vertriebsplattform statt, wie dem Internetlexikon Wikipedia zu entnehmen ist. Der Gast bezahlt den Betrag für seine Buchung per Kreditkarte oder Ähnlichem an Airbnb.

Dem Gastgeber wird der Betrag erst 24 Stunden nach der Anreise ausgezahlt. Dies, damit sichergestellt ist, dass der Gast die Unterkunft auch in jenem Zustand vorfindet, wie sie ihm angeboten wurde.

Was die Abgaben an die Airbnb-Betreiber angeht, zahlen die Objektanbieter eine Kommission zwischen 3 und 5 Prozent. Der Gast seinerseits hat 6 bis 12,5 Prozent vom Übernachtungspreis abzuliefern.

Jeder Nutzer, also Gastgeber und Gast, stellt sich auf Airbnb mit einer Profilseite dar. Gastgeber müssen zumindest ein Bild hochladen und eine Telefonnummer angeben. Gastgeber beschreiben ihre Unterkunft mit Text und Bild. Gast und Gastgeber können sich gegenseitig bewerten. Seit rund sechs Jahren ist es zudem möglich, sein Profil mit sozialen Netzwerke wie Facebook zu verbinden. Dadurch wird die Anzeige der Bewertungen eines Airbnb-Nutzers durch soziale Kontakte transparent ermöglicht.

Airbnb als Unternehmen vermittelt Unterkünfte in 191 Ländern und 34 000 Städten (Stand: Juli 2016) und geht insgesamt von zwei Millionen Unterkünften sowie rund achtzig Millionen Gast­ankünften aus.
Gemäss Angaben des Walliser Tourismus-Observatoriums, das regelmässig das Airbnb-Segment analysiert, werden derzeit im Berner Oberland rund tausend Airbnb-Objekte auf der Vertriebsplattform ange­boten – Tendenz steigend. hau

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