«Ich versuche, was noch niemand schaffte»

Berner Oberland

Der Oberländer Spitzenbergsteiger Ueli Steck ist unterwegs zum Mount Everest. Drei Tage will der Leistungsbesessene in der «Todeszone» über 8000 Metern klettern – und dabei den besinnlichen Wert der Berge nicht vergessen.

«Es ist, als zöge dir jemand den Stecker raus»: Ueli Steck (in roter Jacke) im Basislager, hinter ihm der Mount Everest mit dem zerklüfteten Khumbu-Gletscher.<p class='credit'>(Bild: zvg)</p>

«Es ist, als zöge dir jemand den Stecker raus»: Ueli Steck (in roter Jacke) im Basislager, hinter ihm der Mount Everest mit dem zerklüfteten Khumbu-Gletscher.

(Bild: zvg)

Jürg Steiner@Guegi

Herr Steck, in Ihrem jüngsten Buch schrieben Sie nach der Everest-Besteigung von 2012: Der Everest war nicht das Ende, sondern der Anfang. Der Anfang von dem, was Sie jetzt vorhaben? Ueli Steck: Der Everest fasziniert mich unglaublich, und ich habe seit Jahren mehrere Ideen im Kopf für Projekte am höchsten Berg der Welt. Dass ich letztes Jahr ohne künstlichen Sauerstoff und in körperlicher Topform auf den Gipfel kam, war für mich der Beweis, dass ich jetzt einen Schritt weitergehen kann.

Obschon Sie für Ihre Everest-Begehung auf der Normalroute etwa von Reinhold Messner kritisiert wurden, das sei unter Ihrem Niveau gewesen. Das ist mir natürlich nicht entgangen. Aber man muss sehen: Den Everest-Gipfel ohne zusätzliche Sauerstoffzufuhr zu erreichen, ist nach wie vor eine absolute Höchstleistung, die bisher erst etwas mehr als 100 Menschen gelang. Für mich persönlich hatte die Besteigung letztes Jahr noch eine zweite Bedeutung: Ich wollte wissen, wie hoch meine körperliche und mentale Leistungsfähigkeit auf Extremhöhen über 8500 Meter bleibt.

Und? Es ist sehr eindrücklich, wie sich die Situation ab 8500 Meter Höhe noch einmal zuspitzt. Alles darunter sind Peanuts. Es ist, als zöge dir jemand den Stecker raus.

Wie fühlte es sich genau an? Übersäuern die Muskeln, erholst du dich nicht mehr davon. Chancenlos. Das Blut wird dickflüssiger und dadurch auch das Denken langsamer. Gleichzeitig muss man mental hellwach bleiben, die Zeitreserven, das Wetter, den körperlichen Zustand kritisch beurteilen. Ich hatte kein Problem, alles im Griff zu behalten. Vom Gipfel war ich in bloss zweieinhalb Stunden wieder zurück im Südsattel. Diese Erfahrung ist für mich Gold wert. Alpinistisch war die Everest-Normalroute für mich ein Zwischenschritt, der mir aber zeigte, dass ich auch in der sogenannten Todeszone ohne zusätzlichen Sauerstoff zu Höchstleistungen fähig bin.

Sie wollen drei Tage auf über 8000 Metern Höhe klettern – ist das am höchsten Berg der Welt einen Schritt weitergehen, wie Sie vorhin sagten? Ich will etwas versuchen, das noch niemand schaffte. Aber ich kündige nichts an. Ich reise mit dem italienischen Spitzenbergsteiger Simone Moro auf die nepalesische Seite des Everest. Dort legen wir, je nach Verhältnissen, das konkrete Projekt fest. Die Normalroute wird es sicher nicht mehr sein.

Aber vielleicht das schwierige Hornbein-Couloir an der Everest-Nordseite, das vor 50 Jahren erstbestiegen wurde? Ich habe gelernt, wie schwierig der Umgang mit angekündigten Projekten sein kann. 2009 hatte ich mir einen Alleingang über die Westflanke des Makalu vorgenommen. Die Verhältnisse vor Ort waren in jenem Jahr wegen extremer Lawinengefahr aber sehr schwierig. Ich kämpfte mich auf der Normalroute auf den Gipfel – und war der Einzige, der das in jener Saison schaffte. Für mich war es eine grosse Leistung, in der Öffentlichkeit wurde sie kaum wahrgenommen. Wenn wir jetzt äusseren Druck von uns fernhalten, indem wir nicht ein Projekt aktiv kommunizieren, fällt es uns leichter, vor Ort die richtigen Entscheide zu fällen.

Sie sind 37-jährig. Wächst der Druck, weil sich das Zeitfenster, in dem Sie Höchstleistungen erbringen können, schliesst? Ich befasse mich ständig mit dieser Frage, weil mich solche Einflüsse am Berg in höchste Gefahr bringen könnten. Ich merke, dass ich anfälliger werde für kleinere Verletzungen. Wenn man älter wird, reichen Details, eine Erkältung im falschen Moment etwa, und das Projekt scheitert.

Umso grösser ist die Versuchung, mehr zu riskieren. Das passiert mir nicht. Nur dank meiner körperlichen Fitness, an der ich seit Jahren konsequent arbeite, bin ich fähig, mich auch in extremer Höhenlage schnell zu bewegen. So setze ich mich objektiven Gefahren, wie Lawinen oder Eisschlag, nur möglichst kurz aus. Bremst mich mein Körper, funktioniert dieses Risikomanagement nicht mehr. Da gehe ich keine Kompromisse ein: Wenn ich die Leistungsfähigkeit nicht mehr halten kann, muss ich einen Strich ziehen. Selbst wenn das sehr bald sein sollte.

Jetzt ist es noch nicht so weit? Nein. Mein Körper braucht etwas mehr Ruhe und Pflege, aber das Wissen und die Erfahrung, die ich in den letzten Jahren erworben habe, erlauben mir, ihn trotzdem besser zu tunen. Da geht es um kleinste Details.

Zum Beispiel? Das Hauptproblem, wenn man sich längere Zeit auf über 8000 Meter Höhe befindet, ist die erschwerte Erholung. Normalerweise ernährt man sich während Ausdauerleistungen mit Energy-riegeln aus Kohlenhydraten. Ich experimentiere nun damit, schon während der Belastung auch Eiweiss zu mir nehmen, was zwar der Sporternährungslehre widerspricht, aber die für mich entscheidende Erholungsfähigkeit fördert. Als junger Alpinist hätte ich mich nie um solche Feinheiten gekümmert.

Ihre diesjährige Himalaja-Expedition wird von der Migros-Zeitung begleitet. Wie kam es dazu? Ein befreundeter Finanzspezialist, Peter Fanconi, hat den Kontakt hergestellt, und das Interesse an einer Zusammenarbeit entwickelte sich sehr schnell. Es handelt sich um eine rein publizistische Begleitung.

Man kann sich fragen, was die Migros als preisbewusster Detailhandelsriese mit Ihnen als hochleistungsorientiertem Extremsportler gemeinsam hat. Ich glaube, es hat auch damit zu tun, dass ich parallel zum Spitzenalpinismus auch das Produkt Ueli Steck kontinuierlich weiterentwickelt habe. Vor acht Jahren, als ich seilfrei die Excalibur-Route an den Wendenstöcken durchstieg und erstmals mediale Aufmerksamkeit weckte, galt ich als risikofreudiger Extremkletterer.

Und heute? Heute werde ich auch als sorgfältig planender, seriöser, zuverlässiger Kleinunternehmer wahrgenommen, der seinen Weg geht, auf seine Stärken baut und auch auf Kommunikation Wert legt. Ich bin ja dieses Jahr nicht mit einer Multimediashow unterwegs, aber ich bekomme sehr viele Anfragen für Vorträge, häufig bei Unternehmungen. Ich habe wohl einen kleinen Teil dazu beigetragen, dass der Alpinismus weiter in die Mitte der Gesellschaft gerückt ist und viele Leute in ihm eine Inspiration sehen.

Im Topalpinismus geht es um Leistung, Tempo, Grenzen verschieben. Sind die Berge für Sie noch eine Inspiration? O ja. Leistung zu bringen ist für mich zwar fundamental. Aber das ist nicht alles, es gibt auch einen inneren Wert, den man nicht messen kann. Vor wenigen Wochen, es war tiefster, eiskalter Winter, stieg ich allein in die Eigernordwand ein, es hatte wahnsinnig viel Schnee in der Wand. Trotzdem klettere ich flüssig nach oben, ich sicherte mich ab wenn nötig, die Zeit spielte keine Rolle. Auf dem Gipfel setzte ich mich mit meiner Teeflasche eine halbe Stunde an die Sonne. Absolut zufrieden, da, wo ich bin, mit dem, was ich tue.

Freuen Sie sich nach dem langen Winter in der Schweiz auf die Eiskälte des Himalaja? Man muss sich keine Sorgen um mich machen. Simone Moro hat den Nahrungsmitteleinkauf besorgt, das Handybild der gefüllten Einkaufswagen mit den italienischen Spezialitäten stimmt mich kulinarisch sehr zuversichtlich. Im fühle mich sehr zu Hause im nepalesischen Hochgebirge, und ich freue mich darauf, am Morgen aus dem Zelt zu kriechen und an den Fingern zu frieren.

juerg.steiner@bernerzeitung.ch

Berner Zeitung

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