Hier wird Geschichte fassbar

Steffisburg

Drei Jahre und 450000 Franken hat der Verein Saagi am Mühlibach investiert –jetzt ist die Arbeit getan: Am 17.September wird das ehemalige Fabriggli Mürner für das Publikum geöffnet. Die Besucher können einen Blick in Steffisburgs gewerbliche Vergangenheit werfen.

Die Männer vom Verein Saagi am Mühlibach haben in 5000 Arbeitsstunden das Fabriggli Mürner saniert.

(Bild: Markus Hubacher)

Marco Zysset@zyssetli

Rauch hängt in der Luft, schrill klingen die Schläge des Hammers auf dem Ambos, und die Transmission scheppert und lärmt. Ins ehemalige Fabriggli Mürner im Burgergut in Steffisburg ist definitiv wieder Leben eingekehrt. Nach rund 5'000 Stunden intensiver Fronarbeit wird das restaurierte Fabriggli am kommenden Samstag mit einem Tag der offenen Tür eröffnet.

«Wir freuen uns», sagt Stefan Schneeberger. Er ist Präsident des Vereins Saagi am Mühlibach. Dieser konnte das Fabriggli, dessen Geschichte zurück bis Mitte des 17.Jahrhunderts dokumentiert ist, vor drei Jahren im Baurecht von der Burgergemeinde Thun übernehmen. «Es war eine Win-win-Situation», sagt Schneeberger. «Wir konnten das baufällige Gebäude für die Burgergemeinde sanieren, und diese erhielt ein interessantes Objekt – und gleichzeitig auch grosse finanzielle Unterstützung.»

Einsturzgefährdeter Hochkamin saniert

Neben der Burgergemeinde waren es Firmen wie die Studer AG oder die Ruag, welche den aktiven Vereinsmitgliedern Maschinen für das Fabriggli spendeten. Zum Teil schickten sie auch gleich Angestellte, welche halfen, die Maschinen zu restaurieren und in Gang zu bringen. «Andere Sponsoren unterstützten uns mit Barbeträgen», sagt Schneeberger. Sponsoren, Behörden und Vereinsmitglieder sind bereits am Freitagabend zu einem speziellen Event eingeladen. Insgesamt haben der Verein und seine Partner Geld und Leistungen im Wert von rund 450'000 Franken in die Sanierung des Fabriggli investiert.

Ein erster wichtiger Teil der Arbeiten galt der Sanierung des einst einsturzgefährdeten Hochkamins. «Wir mussten den schiefen Kamin neu richten, Maurer füllten die Fugen neu mit Zement, und im Inneren wird er jetzt von einem Spannsystem mit drei Zugstangen stabilisiert», sagt Schneeberger – und betont: «Als wir das Fabriggli übernahmen, war der Kamin in derart schlechtem Zustand, dass er drohte umzukippen und das Gebäude zu zerstören.» Mittlerweile ist nicht nur der Kamin stabilisiert und gerichtet, sondern auch der Dachboden des alten Gebäudes mit Stahlträgern verstärkt und so begehbar gemacht.

Viele Handwerkszweige

«Nun können wir den Besuchern viele alte Handwerkszweige und Maschinen vorstellen», sagt Stefan Schneeberger. In der Tat stehen im Obergeschoss eine kleine funktionstüchtige Seilerei sowie die wichtigsten Gerätschaften und Maschinen einer Schuhmacherei aus den Anfängen des letzten Jahrhunderts. Hansruedi Ott, pensionierter Maschineningenieur, hat bei der Ruag zudem «ein echtes Unikat und absolutes Kuriosum» ausgegraben, wie er erklärt: «Die Mehrspindelmaschine bohrt gleichzeitig 17 ovale Löcher in eine Holzleiste.»

Die gelochten Holzleisten wurden als Basisstücke für geflochtene Körbe von Heissluftballons gebraucht, mit welchen das Militär im Ersten Weltkrieg die gegnerischen Linien auskundschaften wollte. «Ich gehe davon aus, dass viel mehr Zeit und Geld in die Entwicklung dieser Maschine investiert wurde, als es gekostet hätte, all die benötigten Leisten von Hand und einzeln zu bohren», sagt Ott.

Schlosserei fertigt noch heute

Ebenso wie die Mehrspindelmaschine, die Maschinen der Seilerei oder der Schuhmacherei sind alle anderen Geräte im Fabriggli noch – oder wieder – voll funktionstüchtig. Prunkecke der Ausstellung ist zweifellos der Bereich, in dem die mechanische Werkstatt E.+W. Bieri aus Unterlangenegg steht, die über eine echte Transmission angetrieben wird, sowie rund hundertjährige Maschinen der Studer AG. Und: In der Schlosserei von Karl Stump aus Thun, welche ins Fabriggli gezügelt wurde, können künftig wieder Kunstschmiedearbeiten ausgeführt werden.

Nach dem Tag der offenen Tür, der am Samstag von 10 bis 15 Uhr stattfindet, wird das Fabriggli auf Anfrage für Führungen geöffnet. Derweil denken die Vereinsmitglieder schon weiter. Denn die Frage drängt sich auf: Was tun die rüstigen Senioren vom Verein Saagi am Mühlibach, nachdem sie die alte Sägerei und das Fabriggli wieder in Schwung gebracht haben? «Wir werden wohl den Mühlibach-Weg in Angriff nehmen», sagt Schneeberger. Die Idee sei, entlang des Mühlibachs, der einstigen Lebensader des Steffisburger Gewerbes, einen durchgehenden Spazierweg und Lehrpfad zu realisieren.

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