Beatenberg/Zürich

«Hier kann ich auftanken»

Beatenberg/ZürichSeine Karriere startete er beim «Berner Oberländer», heute ist er Politmoderator und stellvertretender Redaktionsleiter der «Tagesschau»: Mario Grossniklaus hält wenig von Boulevardjournalismus und viel von Sachlichkeit.

Auf dem Niederhorn geniesst Mario Grossniklaus die Ruhe und den Blick an der Sendeantenne vorbei und hinüber zum Niesen.

Auf dem Niederhorn geniesst Mario Grossniklaus die Ruhe und den Blick an der Sendeantenne vorbei und hinüber zum Niesen. Bild: Bruno Petroni

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Nein, seine geografischen Wurzeln hat er nicht vergessen. Im Gegenteil, sagt Mario Grossniklaus: «Je älter ich werde, desto mehr zieht es mich wieder hierher zurück. Hier kann ich auftanken.» Hier, auf dem Beatenberg, auf dem Bödeli, wo er 1976 geboren wurde, wo er Prim und Sek absolvierte, bevor er im Welschen die Handelsmittelschule und den Gymer abschloss.

Hier, wo seine Mutter auch noch heute lebt und sich über jeden Besuch ihres Sohnes freut, der längst nach Zürich gezügelt ist. Zu ihrer Freude darf sich auch Stolz gesellen, denn Mario Grossniklaus gehört zu den bekanntesten und wohl auch beliebtesten Moderatoren des Schweizer Fernsehens.Doch schön der Reihe nach.

Schliesslich war das «Oberländische Volksblatt» (OV) ganz am Anfang ebenfalls ein kleines bisschen an der journalistischen Karriere des Mario Grossniklaus beteiligt.

Zuerst die 1.-August-Feier

«Ich erinnere mich noch gut, dass Ueli Flück, damaliger OV-Chefredaktor, mich auf mein Bewerbungsschreiben hin anrief und als – noch völlig unerfahrenen – Korrespondenten engagierte. Meinen ersten Zeitungsartikel schrieb ich über die 1.-August-Feier in Beatenberg.»

Sechs Jahre lang, von 1994 bis 2000, blieb das Jungtalent dem OV treu. «Dabei merkte ich erstmals, dass der Journalismus je nach Thema auch sehr konfliktreich sein kann.» Parallel zum OV-Job war Mario Grossniklaus als Moderator beim Bieler Privatradio Canal 3 tätig.

Doch der Wunsch, Journalist zu werden, «am liebsten beim Radio oder beim Fernsehen», war bereits viel früher erwacht. «Schon als Zehnjähriger war ich von diesen Medien fasziniert.»

Vom Radio zur «Tagesschau»

Eigentlich ging alles recht rasch, der Wunsch, der vielmehr ein Traum war, erfüllte sich von Jahr zu Jahr mehr. Schon 2001, er war grade mal 24-jährig, gelang Grossniklaus der Sprung ins News-Team von Radio DRS 3, zwei Jahre später war er bereits auf allen drei DRS-Sendern zu hören, dann wurde er Produzent der Nachrichtensendung «Heute Morgen».

2010 nochmals ein Sprung, ein ganz grosser sogar: Mario Grossniklaus wechselte vom Radio zum Fernsehen. «Ich war zu einem Casting für die ‹Tagesschau› eingeladen worden, rechnete jedoch wirklich nicht mit einem Erfolg.» Aber eben, es klappte – «was mein ganzes Leben auf den Kopf stellte».

Fortan moderierte Gross­niklaus Mittags- und Vorabend-«Tagesschauen», manchmal die Hauptausgabe, auch Abstimmungs-, Wahl- und andere Sondersendungen sowie die «Arena». Und seit einem Jahr ist er Urs Leuthards Stellvertreter in der Redaktionsleitung der «Tagesschau» mit einem Team von rund sechzig Mitarbeitenden.

Auch in der «Arena» macht Mario Grossniklaus eine gute Figur – und er setzt auf Sachlichkeit. Bild: SRF/Oscar Alessio

Wenns auf der Karriereleiter höher geht, dann steigt meistens ebenso die Verantwortung. Beim Fernsehen, bei den Medien überhaupt, ist dies immer auch die Verantwortung gegenüber dem Publikum. Mit durchschnittlich 600 000 Zuschauern erfreut sich die «Tagesschau» der höchsten Einschaltquote aller regelmässigen SRF-Sendungen. Das verpflichtet zu Qualität.

«Darüber nicht nur, aber auch zu reden, ist sehr wichtig», sagt Grossniklaus. «Es geht um Relevanz, um die Frage, welche Nachrichten wirklich wichtig sind, also welchen Einfluss sie auf die Menschen ­haben.» Aber: «Journalismus ist keine Wissenschaft, es bleibt immer ein Rest von Subjektivität. Und wir haben noch zu oft die westliche Brille auf der Nase.»

Liebe zur Sprache

Zur journalistischen Qualität gehört bei allen Medien die Pflege der Sprache, ob gesprochen oder geschrieben. Mario Grossniklaus legt darauf besonders grossen Wert. «Meine Liebe zur Sprache habe ich schon beim OV pflegen dürfen. Das fand später eine Fortsetzung bei Kurt Wirtschi, dem Urgestein und Sprachgewissen von Radio DRS mit seiner Akribie und Sachlichkeit beim Texten.»

Überhaupt ist es das grosse Mass an Sachlichkeit, das Mario Grossniklaus auszeichnet und vom Boulevard abhebt. Besonders augen- beziehungsweise ohrenfällig wird dies am Beispiel «Arena»: Trotz vieler populistischer Argumentationen von Gästen bevorzugt und schafft es Mario Grossniklaus auch hier, möglichst informationsreich und unaufgeregt zu moderieren – «wobei eine gewisse Dramaturgie und Unterhaltung notwendig sind».

Aber, so Grossniklaus, «es ist ja gut, dass es unterschiedliche Moderatoren gibt, sonst wärs ein langweiliger Einheitsbrei».

Begegnung im Baumarkt

«Ich kann mir für mich keinen besseren Job vorstellen», sagt Mario Grossniklaus, «es ist ein grosses Privileg.» Besonders viel Freude machen ihm die Begegnungen mit vielen interessanten Leuten und deren Geschichten. Zudem sei er ein Mensch, der «immer wieder neue Herausforderungen braucht». Dabei komme ihm oft sein Lebensmotto zu Hilfe: «Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.»

Hat der Beruf überhaupt keine Schattenseiten? «Klar, manchmal ist es ein Riesenstress, und die Arbeitstage dauern zwölf oder mehr Stunden. Aber es ist trotzdem ein Geschenk.» Und was ist mit der Popularität in der Öffentlichkeit? «Auch das ist ein Teil des Jobs. Aber die Schweizer sind da sehr zurückhaltend.

Auf der Strasse oder beim Einkaufen am meisten angesprochen werde ich erstaunlicherweise von jungen Secondos – der Beweis, dass die ‹Tagesschau› auch von Jungen gesehen wird.» Apropos Einkaufen: Am Tag unserer Begegnung war Mario Grossniklaus im Baumarkt und kaufte Farbeimer ein. «Da sprach mich doch prompt jemand an und fragte, ob das Schweizer Fernsehen endlich einen neuen Anstrich brauche...»

Der Kreis schliesst sich

Die Farbe benötigte er übrigens nicht fürs Fernsehen, sondern für das Haus seiner Mutter. Denn von all der anstrengenden Kopfarbeit erholt sich Mario Grossniklaus gern bei handwerklichen Arbeiten: «Da bin ich ganz bodenständig geblieben. Und ich bin sehr gern in der Natur, sei es im Garten oder auf ausgedehnten Spaziergängen.»

Das weckt Erinnerungen an die Kindheit, als Mario über Wiesen und durch Wälder zog, auf Bäume kletterte, verbotene Mineneingänge erkundete – und der Kreis schliesst sich: «Ich freue mich jedes Mal auf Beatenberg und das Berner Oberland. Die unglaublich tolle Natur bedeutet für mich immer noch ein schönes Stück Freiheit.

TV-Hinweis:«Glanz & Gloria» bringt am Freitag, 11. August, einen Beitrag über Mario Grossniklaus auf einer Wanderung am Niederhorn. (Berner Oberländer)

Erstellt: 24.07.2017, 15:11 Uhr

Sommerserie

Bedeutende Töchter und Söhne des Berner Oberlandes: Das Oberland wird gern als Randregion bezeichnet. Und dies, obwohl es immer wieder Menschen hervorbringt, die wichtige Rollen in Politik, Wirtschaft, Kultur, Gesellschaft oder Sport einnehmen.

Das «Thuner Tagblatt» und der «Berner Oberländer» porträtieren in ihrer Sommerserie bedeutende Töchter und Söhne des Oberlandes. Es sind dies Personen, die teilweise der breiten Öffentlichkeit nicht so bekannt sind.

Sie sind hier aufgewachsen oder haben lange hier gelebt und sind damit in besonderem Masse mit der Region verbunden.

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