Thun

Hier dürfen Süchtige Heroin spritzen

ThunSeit 2010 werden an der Allmendstrasse in Thun heroinabhängige Menschen betreut. Die Betreiber der HeGeBe, des Zentrums für Substitutionsbehandlungen, ziehen ein positives Fazit. Der Standort sei viel besser als der alte. Und der Anteil der beruflich integrierten Patienten ist gestiegen.

Der Abgaberaum in der Thuner Heroinabgabestelle (HeGeBe) an der Allmendstrasse: Hier setzen sich aktuell rund 100 Drogensüchtige ihre Spritzen.

Der Abgaberaum in der Thuner Heroinabgabestelle (HeGeBe) an der Allmendstrasse: Hier setzen sich aktuell rund 100 Drogensüchtige ihre Spritzen. Bild: Christoph Kummer

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Das mehrstöckige, hellgrüne Haus wirkt unscheinbar. Das liegt wohl an den milchig-weissen Fenstern im Erdgeschoss, die keinen Blick ins Innere erlauben. Die verdeckte Sicht ist Absicht, damit die Privatsphäre der hier ein- und ausgehenden Personen geschützt wird. Die meiste Zeit wirkt das Haus wie ausgestorben. Nur morgens und abends während je zwei Stunden werden die Türen geöffnet. Dann kommen die Heroinsüchtigen von Thun, um sich ihren Stoff zu holen.

Die HeGeBe (Abkürzung für heroingestützte Behandlung) ist seit März 2010 an der Allmendstrasse 10, zwischen dem «Mokka» und der Notschlafstelle. Vorher war die Institution, die von der Stadt, einem Verein und dem Kanton getragen wird, jahrelang an der Marktgasse. Weil sie inmitten von Wohnhäusern untergebracht war, gab es häufig Probleme.

«Soziale Kontrolle»

Der neue Platz habe viele Vorteile, sagt HeGeBe-Leiterin Rita Aschwanden. «Es hat nur wenige Nachbarn, und die Umgebung ist offen und übersichtlich.» Die Sozialarbeiterin aus der Region Bern ist seit Juni im Amt. Ihre Kollegen, die schon am alten Standort gearbeitet haben, teilen ihre Meinung. Pflegeteamleiter Martin Horisberger: «Die soziale Kontrolle ist hier viel grösser, weil die Strasse so viel befahren wird. Dadurch sind immer Augen auf die HeGeBe gerichtet.»

Drinnen im Abgaberaum riecht es nach Desinfektionsmittel. Vor einem breiten Tresen stehen mehrere Glastische mit gelben Stühlen. Dort setzen sich die Patienten hin und spritzen sich gemäss ihrer verordneten Therapie das Heroin. Manch ein Beobachter mag sich beim Anblick dieser Prozedur fragen, worin der Sinn besteht, Drogensüchtige quasi in ihrem Suchtverhalten zu bestärken. «Unser Ziel ist es, den Zustand dieser Menschen zu stabilisieren und ihre Gesundheit und ihre Lebenssituation zu verbessern», sagt Aschwanden. Die Süchtigen bekommen saubere Spritzen, ärztliche Betreuung und Bezugspersonen, mit denen sie sprechen können. Und sie müssen sich den Stoff nicht auf der Strasse besorgen. Dadurch kann auch die Beschaffungskriminalität gesenkt werden.

Ein Viertel ist berufstätig

Die kontrollierte Abgabe erleichtert den Abhängigen auch, einer geregelten Arbeit nachzugehen. Mittlerweile seien etwa ein Viertel der rund 100 Patienten in den öffentlichen Arbeitsmarkt integriert, sagt Martin Horisberger. «Dieser Anteil hat in den letzten Jahren zugenommen.» Er erklärt sich den Trend nicht nur mit der Existenz der HeGeBe, sondern auch mit der grösseren Toleranz der Arbeitgeber. Eine andere Entwicklung ist jedoch weniger erfreulich: «Wir haben vermehrt jüngere Leute hier, so Mitte zwanzig. Das hat es vor zehn Jahren weniger gegeben.» Das Durchschnittsalter der Patienten, die allesamt mindestens zwei gescheiterte Therapien hinter sich haben, beträgt über 30, und es sind viel mehr Männer als Frauen.

«Wir waren zuerst hier»

Die Umgebung der Heroinabgabestelle verändert sich. Vis-à-vis auf dem Gerberkäse-Areal wird ab nächstem Jahr eine Überbauung mit Wohnungen und Büros gebaut (wir berichteten). Und dahinter, im Selve-Areal, ist der Umbruch seit längerem im Gang. Das gesamte Gebiet wird belebter, die Zahl der Nachbarn wird sich vervielfachen (vgl. Text unten). Das birgt Konfliktpotenzial, was auch HeGeBe-Leiterin Rita Aschwanden bewusst ist. «Wir werden die Entwicklungen eng verfolgen. Es ist sicher gut, dass wir zuerst hier waren. Nicht nur für uns, sondern auch für die zukünftigen Nachbarn.» (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 19.10.2011, 09:28 Uhr

Rita Aschwanden ist die Leiterin der Thuner Heroinabgabestelle. (Bild: Christoph Kummer)

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