Geschützte Linde gefällt – Urteil folgt

Um eine Linde ging es am Freitag vor Gericht. Im Zusammenhang mit einer Wohnüberbauung wurde in einem Dorf westlich von Thun eine schützenswerte Linde gefällt.

Weil beim Bau von Wohnhäusern eine schützenswerte Linde gefällt wurde, soll der Verantwortliche der Immobilienfirma mehrere tausend Franken Busse bezahlen.<p class='credit'>(Bild: Thomas Peter)</p>

Weil beim Bau von Wohnhäusern eine schützenswerte Linde gefällt wurde, soll der Verantwortliche der Immobilienfirma mehrere tausend Franken Busse bezahlen.

(Bild: Thomas Peter)

Gemäss einem Strafbefehl der Staatsanwaltschaft des Kantons Bern, Region Oberland, ist im Zusammenhang mit einer Wohnüberbauung in einem Dorf westlich von Thun im Februar 2017 eine schützenswerte Linde gefällt worden.

Der verantwortlichen Person der Immobilienfirma wurde nun die Missachtung des Gesamtbauentscheids des zuständigen Regierungsstatthalteramtes zur Last gelegt, in dem das Fällen der schützenswerten Linde ausdrücklich untersagt worden war.

Damit wurde der Verantwortliche wegen Übertretung gegen das Baugesetz schuldig erklärt und zu einer Busse von 2000 Franken (ohne Eintrag im Strafregister), zu einem Wertersatz von 2000 Franken und zu Gebühren von 300 Franken verurteilt. Weil er dagegen Einsprache erhob, kam es am Freitag zur Hauptverhandlung vor dem Regionalgericht in Thun.

Keine Einigung

Der Beschuldigte erschien mit einem privaten Verteidiger vor Gericht. Dieser präsentierte vorerst eine Offerte für eine Ersatzvornahme. «Damit wäre die Sache aus der Welt geschafft», versuchte er beliebt zu machen.

Ein solches Vorgehen hätte allerdings eine Desinteresse-Erklärung des Privatklägers, das heisst der betreffenden Gemeinde, erfordert. Damit bringt die geschädigte Person zum Ausdruck, dass sie an der Fortführung des Strafverfahrens nicht mehr interessiert ist. Das könne er nicht in eigener Kompetenz entscheiden, erklärte der Gemeindevertreter.

Hätte Linde überleben können?

Damit musste eine Hauptverhandlung durchgeführt werden. Eine zentrale Frage war, ob das Bauprojekt auch ohne das Fällen der Linde hätte realisiert werden können und ob im ganzen Bewilligungsverfahren, das auch Projektänderungen umfasste, klare Auflagen gemacht worden seien. Das war zum Teil umstritten.

Gemäss einem von der Gemeinde eingeholten Amtsbericht hätte der Baum gefällt werden dürfen. Im Gesamtbauentscheid indessen untersagte der Regierungsstatthalter das Fällen der Linde. Angesichts dieser Auflage wies er Einsprachen einer Interessengemeinschaft ab.

Gerichtspräsidentin Natalie Fritz befragte den zuständigen Sachbearbeiter, der allerdings nicht das ganze Bewilligungsverfahren begleitet hatte, als Zeugen. Er war der Auffassung, dass die Linde unter Umständen nicht hätte weiterleben können.

Widersprüchlichkeiten

Nach dem Fällen der Linde habe man das weitere Vorgehen mit den Interessierten besprochen, erklärte der Gemeindevertreter. Insbesondere sei es um eine Ersatzpflanzung gegangen, womit jedoch der ursprüngliche Zustand nicht wieder herstellbar gewesen wäre. «Auf Anstoss der Einsprecher wurde dann beschlossen, dass die Gemeinde Strafanzeige einreicht», sagte deren Vertreter.

Der Verteidiger des Beschuldigten kritisierte das lange Bewilligungsverfahren, das vier Jahre gedauert hatte, und sprach zudem von einer «hanebüchenen» Auslegung des Gesamtbauentscheids.

Widersprüchlichkeiten hätten der Bauherrschaft glaubhaft gemacht, dass die Linde gefällt werden durfte. Er forderte deshalb die Aufhebung des Strafbefehls. Aus Zeit- und Termingründen wird das Urteil im Einvernehmen mit den Parteien schriftlich er­öffnet.

Eine Klasse der Wirtschaftsschule Thun verfolgte die Verhandlungen im Rahmen des Unterrichtsfachs Wirtschaft und Gesellschaft.

Thuner Tagblatt

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt